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Devisenmanipulation : Tricks um vier Uhr nachmittags

Ein neuer Skandal erschüttert die Londoner City Bild: REUTERS

Die Ermittlungen im Devisenmarkt ziehen weite Kreise. Fachleute kritisieren, die Preisermittlung im Handel sei eine Einladung zu Manipulationen.

          3 Min.

          Beamte der amerikanischen Bundespolizei FBI, die einem Devisenhändler der Deutschen Bank morgens einen Überraschungsbesuch in dessen Privatwohnung abstatten, vom Dienst suspendierte Währungshändler, Aufsichtsbehörden in Europa, den Vereinigten Staaten und Asien, die Ermittlungen aufgenommen haben - der Verdacht auf Manipulationen im internationalen Währungshandel zieht fast wöchentlich weitere Kreise. Der Devisenhandel gilt als größtes Segment der Finanzmärkte und entsprechend folgenschwer könnten Preismanipulationen in diesem Geschäft sein.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schätzungen zufolge werden jeden Tag Devisen im Wert von mehr als 5 Billionen Dollar gehandelt. Je größer und liquider ein Markt ist, umso schwerer ist es eigentlich für einzelne Marktteilnehmer Preise zu beeinflussen. Doch ein bis vor kurzem kaum bekannter Preissetzungsmechanismus öffnet nach Meinung von Fachleuten Manipulationen Tür und Tor: Der sogenannte „London 4pm Fix“ wird von vielen internationalen Fondsmanagern für Absicherungsgeschäfte („Hedging“) von Währungsrisiken genutzt und gilt als wichtiger Referenzwert.

          Ein offenes Geheimnis

          Potentielle Opfer seien damit die Kunden der Vermögensmanager, also Millionen von Anlegern, die ihre Ersparnisse etwa in Pensionsfonds zur Altersvorsorge stecken, sagt Mark Taylor, Dekan der Business School im britischen Warwick. Der Währungsexperte verweist auf Schätzungen, wonach der Wert von Fondsanlagen im Volumen von 3,6 Billionen Dollar manipuliert worden sein könnten. Der Betriebswirtschaftsprofessor Taylor hat bis 2010 selbst als Devisenmanager beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock gearbeitet. Auffällige Preissprünge beim „4pm Fix“ seien unter Marktteilnehmern seit Jahren ein offenes Geheimnis gewesen: „Das war informell bekannt“, sagt Taylor.

          Zwei seiner früheren Blackrock-Kollegen haben den „4pm Fix“ in einer detaillierten empirischen Studie untersucht: Die Devisenmanager Michael Melvin und John Prins kommen zum Ergebnis, dass Währungshändler von Banken beim „Fix“ Anreiz zu „strategischem Verhalten“ hätten: Sie könnten „vorab eigene Positionen aufbauen und dann versuchen die Preise zu ihren Gunsten zu bewegen“, schreiben die Autoren. Der „4pm Fix“ wird seit vielen Jahren von den beiden Informationsdienstleistern Thomson Reuters und World Market Company ermittelt. Die Preisfestsetzung erfolgt zwar täglich am Nachmittag in London, dem wichtigsten Devisenhandelszentrum der Welt. Aber viele Fondsmanager führen ihre Absicherungsgeschäfte nur am letzten Handelstag eines Monats durch, um sich Kosten und Arbeit zu ersparen.

          Devisenhändler werden verdächtigt, sich im Wissen um ihre Kundenaufträge abgesprochen zu haben

          Ein Fondsmanager, der zum Beispiel Dollar gegen Euro kaufen will, meldet den Auftrag kurz vor vier Uhr nachmittags seiner Bank. Diese garantiert ihm, dass er den Wechselkurs bekommt, der kurz darauf beim 4pm Fix ermittelt wird - unabhängig davon, wie sich der Wert des Dollar danach entwickelt. Beim Fixing wird der Referenz-Wechselkurs dann auf Basis der Handelsbewegungen in einem Zeitfenster von einer Minute ermittelt. Die Preise für einen großen Teil der Hedging-Geschäfte von Fondsmanagern für einen ganzen Monat werden also innerhalb von nur 60 Sekunden festgelegt. Der Händler im Beispiel, der für seinen Kunden Dollar kaufen soll, hat deshalb Anreiz den Kurs der amerikanischen Währung zum Euro während des Handelsfensters so hoch wie möglich zu treiben. Fällt der Wechselkurs im weiteren Handel nach dem Fixing wieder auf sein Gleichgewichtsniveau zurück, kann er dem Kunden den höheren Dollarkurs in Rechnung stellen, sich selbst aber zum niedrigeren späteren Marktpreis eindecken. Die Differenz ist sein Gewinn. „Es ist verrückt, dass beim 4pm Fix ein derart wichtiger Preis innerhalb eines so kurzen Handelsausschnitts ermittelt wird“, sagt der Währungsexperte Taylor. „Als Ökonom wäre ich sehr überrascht, wenn Marktteilnehmer auf einen so starken Anreiz zur Preisbeeinflussung nicht reagieren würden“, sagt der Wirtschaftsprofessor.

          Die Ermittler gehen bei ihren Untersuchungen offenbar dem Verdacht nach, dass sich Devisenhändler im Wissen um ihre Kundenaufträge abgesprochen haben, um während des „Fix“ die Währungspreise gemeinsam in die gewünschte Richtung zu bewegen. Taylor hat einen simplen Vorschlag, um die Preistricksereien zu unterbinden: Die Zeitspanne, auf deren Basis die Devisenpreise ermittelt werden, müsse viel länger sein. „Wenn das Handelsfenster beim Fixing zum Beispiel eine halbe Stunde betragen würde, wären solche Beeinflussungen kaum noch möglich“, glaubt der Devisenexperte.

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