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Devisen : Schlechte Nachrichten halten Euro und Dollar in der Balance

  • Aktualisiert am

Der Euro ist nicht stärker als der Dollar - aber er gibt auch nicht nach Bild: dpa

Der Euro-Dollar-Kurs ist in den vergangenen Monaten erstaunlich stabil gewesen. Das könnte sich demnächst ändern. Nach wie vor glauben viele an einen stärkeren Euro.

          In den vergangenen drei Monaten war der Euro-Dollar-Kurs nicht für Überraschungen gut: Die 98 Cents je Euro scheinen eine magische Marke zu sein, von der sich der Kurs nicht losreißen kann. Woher kommt diese auffällige Seitwärtsbewegung? Nicht geheime Absprachen, sondern ein schlichtes Gleichgewicht ist nach Meinung von Experten die Ursache für diesen Stillstand.

          „Die schlechten Nachrichten aus Euroland und den USA halten sich einfach die Waage“, meint zum Beispiel Ulrich Wortberg, Devisenanalyst bei der DZ-Bank. Auch Alexandra Bechtel, Devisenanalystin der Commerzbank kann sich dieser Interpretation anschließen: „Der Markt ist enttäuscht von der zögerlichen Erholung der amerikanischen Wirtschaft, aber in Euroland sieht es nicht besser aus. Es gibt Probleme mit dem Stabilitätspakt und die Europäische Zentralbank kann nicht ohne Weiteres die Zinsen senken, weil die Inflation vergleichsweise hoch ist.“

          Ulrich Wortberg hält einen Ausbruch des Euro-Dollar-Kurses aber gegen Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres für wahrscheinlich: „Die impliziten Volatilitäten sind im Moment sehr niedrig, das deutet darauf hin, dass es eine Bewegung in die eine oder andere Richtung geben wird.“ Wortberg gibt sich eher negativ für den Euro, weil er mit einer schnelleren Wirtschaftserholung in den USA rechnet, die dem Dollar Stärke verleihen sollte.

          Die Wirtschaftsenwicklung wird entscheiden

          Alexandra Bechtel von der Commerzbank hingegen rechnet eher mit einem weiteren, langsamen Anstieg des Euro-Dollar-Kurses, macht das aber auch von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig: „Die USA haben zwar immer noch eine Lokomotivfunktion für die Weltwirtschaft, aber die Erholung ist bis jetzt enttäuschend verlaufen und die weitere Entwicklung ist sehr unsicher. Wir glauben, dass der Euro dadurch weiter aufwerten kann.“ Auch Nikolaus Keis, Devisenanalyst von der HypoVereinsbank ist zuversichtlich für den Euro: „Wir erwarten, dass der Euro im Laufe des nächsten Jahres gegenüber dem Dollar dauerhaft über die Parität gehen wird, möglich wären Kurse um die 1,05 Dollar je Euro.“

          Als Ursachen für die Kräfteverschiebung zu Gunsten des Euro sieht Keis unter anderem das Leistungsbilanzdefizit und das verschlechterte Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien. Viele Anleger aus arabischen Ländern hätten in den vergangenen Monaten ihre Dollars gegen Euro getauscht, vermutet Keis. Aktuell drücke zum Beispiel auch das enttäuschende Verbrauchervertrauen auf den Dollar, ein langer „Konjunkturwinter“ in den USA sei nicht auszuschließen.

          Spekulationsneigung der Marktteilnehmer hat abgenommen ...

          Seit der Einführung des Euro bewegt sich der Kurs zum Dollar in einer vergleichsweise engen Spanne, die unten in etwa durch die 85-Cent-Marke und nach oben durch die Parität begrenzt ist. Diese relative Ruhe des Wechselkurses erklärt Wolfgang Henrichs, Devisenhändler bei der DZ-Bank, nicht nur mit der bloßen Einführung des Euro. In den vergangenen Jahren sei die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer zurückgegangen. Vor allem Banken und Industrieunternehmen würden sich viel weniger in Devisenspekulationen engagieren, sondern sich aufs Kerngeschäft konzentrieren, meint Henrichs. Henrichs vermutet auch, dass die Schwäche des Dollar nichts mit einer Vertrauenskrise zu tun habe, sondern „von außen“ gemacht sei, zum Beispiel durch Dollarverkäufe in arabischen Ländern.

          ... und Globalsierung synchronisiert Konjunkturzyklen

          Nikolaus Keis von der HypoVereinsbank erklärt sich die Stabilität des Euro-Dollar-Kurses auch mit der zunehmenden Globalisierung: „Die geldpolitische Entwicklung verläuft heute viel synchroner als noch vor einigen Jahren. Zudem ist es zum Beispiel sehr unwahrscheinlich, dass sich die Konjunktur in den USA und in Europa in entgegengesetzte Richtungen entwickelt. Durch diese parallele Entwicklung fehlt die Ursache für große Wechselkursausschläge.“ Außerdem sei seit der Einführung des Euro der Wechselkurs ohnehin träger, weil der Euro eine viel größere Region präsentiere, was kleinere Schwankungen von vornherein ausgleichen, so Keis.

          Ein wichtiger Test für den Euro-Dollar-Kurs könnte jedenfalls die Sitzung der amerikanischen Federal Reserve am kommenden Mittwoch sein. Sollte die Federal Reserve die Leitzinsen senken, könnte das paradoxerweise sowohl positiv als auch negativ für den Dollar ausgehen. Positiv, wenn der stimulierende Effekt auf das Wirtschaftswachstum im Vordergrund steht. Negativ, wenn die Zinssenkung als Zeichen für den doch noch schlechter als angenommenen Zustand der amerikanischen Wirtschaft interpretiert wird. Selbst wenn die Zinsen unverändert bleiben, könnte das Bewegung in den Kurs bringen - es bleibt als spannend.

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