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Preisverfall : Das Öl ist spottbillig

Was, wenn die Welt das ganze Öl nicht mehr will?

Allerdings gibt es auch Investoren, die die ganze Geschichte vom Ölpreisverfall ein wenig anders erzählen als der Mainstream. Gerade jetzt. „Ich habe in den vergangenen Jahren den Ölpreisrückgang genutzt, um in die kanadische Ölindustrie zu investieren“, sagt Matthias Woestmann, der über seine Investmentholding Quadrat Capital Kapital anlegt. Die Holding hat eine Beteiligung an einem kanadischen Explorationsunternehmen erworben, das sich in Kanada Bohrungsrechte gesichert hat. Mit dem Drilling, den sogenannten Probebohrungen, wurde schon begonnen. Der niedrige Ölpreis verunsichert dort niemanden, auch Woestmann nicht. „Wir können selbst für 20 Dollar je Barrel noch kostendeckend produzieren“, sagt er und sieht die Entwicklung am Markt viel optimistischer. Die Ölindustrie müsse jährlich rund 300 Milliarden Dollar investieren, um die Produktion in etwa aufrechtzuerhalten. Genau das tut sie aber gerade nicht, was für die Unternehmen in einigen Jahrzehnten unangenehme Folgen haben könnte: Die bestehenden Quellen werfen immer weniger ab. Wenn zudem auf die Erkundung neuer Vorkommen verzichtet wird, werden die Konzerne künftig weniger Öl fördern können. In 15 Jahren wollte Shell die Produktion vor Alaska hochfahren.

„In einigen Jahren kommt dieser Spareffekt in der konventionellen Ölindustrie zum Tragen“, sagt Woestmann. „Die Ölproduktion wird weltweit sinken.“ Wenn dann auch noch die Ölnachfrage aufgrund des niedrigen Ölpreises steigt - ein Effekt, den man derzeit schon beobachten kann -, wird sich auf Dauer auch der Preis wieder erholen. „Ein niedriger Ölpreis heute bedeutet Ölknappheit morgen“, zitiert der Investor eine alte Regel des Ölmarktes, die seiner Meinung nach ungeachtet aller Verschiebungen im Machtgefüge von Angebots- und Nachfrageseite weiter gilt.

Und wenn die Welt das ganze Öl langfristig gar nicht mehr will? Wenn die Staaten beschließen, sich immer mehr von fossilen Brennstoffen abzuwenden, und wie Deutschland die Energiewende weiter vorantreiben? Auch da bleibt Investor Woestmann gelassen. „Das ist ein Prozess, der frühestens in einem Jahrzehnt erste Auswirkungen zeigen könnte.“ Wenn man sehr langfristig denke, müsse man das einkalkulieren. Für sein eigenes Investment spiele das allerdings heute keine Rolle. Zwei Drittel der Ölnachfrage ist mobilitätsgetrieben. Und der Verkehr fährt zu Land oder in der Luft fast ausschließlich mit Sprit.

Ob das alles so kommt? Festlegen will sich derzeit niemand. „Ölproduzenten sind um ein Vielfaches flexibler als früher“, sagt Goldman-Sachs-Analyst Jeff Currie. „Das macht den Markt kaum noch vorhersehbar.“ Damit nimmt er seiner Prognose etwas von ihrer Dramatik. Eigentlich ist die Frage nach der Zukunft des Ölpreises auch keine nach dem Faktischen, sondern eine des Glaubens. Wann werden die Akteure des Ölmarkts ihre Einschätzung ändern und darauf setzen, dass der Preis wieder steigt? Ende 2016 schon oder vielleicht 2017? Zumindest BP-Chef Bob Dudley hat sich vage festgelegt: Einige Jahre wird er wohl noch so niedrig bleiben.

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