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Umtausch von heute auf morgen : Das indische Bargeld-Experiment

Ein anderer Weg, sein Schwarzgeld auch unter den neuen Bedingungen reinzuwaschen, funktioniert so: Ein Fabrikant von Gasflaschen für den Haushalt erzählt im vertraulichen Gespräch, wie er seinen Bargeldbestand in Höhe von sieben Millionen Rupien (gut 960.000 Euro) los wird. Eine halbe Million Rupien konnte er bei Banken unterbringen, die ihm zurückdatierte Quittungen ausstellten. Der Priester eines Hindu-Tempels wechselte ihm 350 00 Rupien in großen Scheinen in 100-Rupien-Noten. Damit zahlte er 40 Angestellten, Fahrern und Wachen die Löhne für die nächsten Monate in bar aus. So können diese das Bargeld auf ihre Konten einzahlen, was aufgrund der geringeren Summen wenig Aufsehen erregt. Manche Fabrikanten geben ihren Arbeitern sogar frei, damit die nun die rasch in alten Geldscheinen vorausbezahlten Löhne auf ihre Konten legen. „Jeder Arme in Indien ist derzeit heiß begehrt bei Schwarzgeldbesitzern, deren Geld sich ohne dessen Einsatz in Luft auflösen würde“, sagt Prashant Thakur, ein Steuerbeamter in Kalkutta.

Notenbanker behalten kühlen Kopf

Modis Partei gibt an, dass Inder 250 Milliarden Dollar unversteuert auf Schweizer Konten versteckten - das aber sind eben nicht die kleinen Leute, die nun vor den Geldautomaten Schlange stehen. Umso unverständlicher, wieso Modi nun mit den neuen 2000-Rupien-Scheinen eine noch größere Banknote hat einführen lassen. Rund um die Erde werden, um Schwarzgeld zu bekämpfen, die großen Scheine gestrichen. „Wenn jetzt ein Beamter Geld von mir will, dann verlangt er halt die großen Banknoten. Das ist das einzige, was sich ändert“, sagt ein Geschäftsmann in Delhi.

Scheinheilig wirkt auch, dass die Regierung den Kampf gegen Schwarzgeld zum Beginn der bargeldlosen Wirtschaft deklariert. Gemeinsam mit Beratern und Software-Konzernen will sie das gesamte System umstellen - oder propagiert dies zumindest. Die treibende Kraft dahinter ist Nandan Nilekani, der Gründer des Datenkonzerns Infosys. Nilekani installierte mit riesigem Aufwand das Datenerfassungssystem Aadhaar, das jedem Inder einen Personalausweis und damit Zugang zu Sozialhilfen sichern sollte. Indien aber ist in Wahrheit nicht bereit für das bargeldlose Zeitalter: Das Land zählt bislang nur 250 Millionen Nutzer, die Smartphones besitzen, die für die Geldübertragung oder Bezahlung geeignet wären. Auf der anderen Seite gibt es rund 400 Millionen Menschen, die überhaupt kein Mobiltelefon benutzen.

Einen kühlen Kopf behalten haben in dem Chaos wenigstens die indischen Notenbanker: Sie entschieden am Mittwoch, den Leitzins von 6,25 Prozent entgegen Modis erklärten Willen nicht weiter zu senken. Zugleich senkte die Reserve Bank of India ihre Wirtschaftserwartungen: Der Bargeldentzug werde das „Wachstum nach unten drücken“.

Wann sie vom Einzug des Geldes gehört hatten, wollten die Banker freilich nicht sagen. Es wäre interessant gewesen. Denn es hält sich das Gerücht, der weltweit anerkannte Notenbank-Präsident Raghuram Rajan sei im September deswegen zurückgetreten, weil er sich der Modi-Reform entgegengestellt habe.

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