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Umtausch von heute auf morgen : Das indische Bargeld-Experiment

Wie die Dinge wirklich liegen, sagen aber Oppositionspolitiker und Ökonomen ganz offen. Von „monumentalem Missmanagement“ spricht beispielsweise Manmohan Singh, der frühere Wirtschaftsreformer und indische Ministerpräsident. „Jene, die sagen, die Maßnahme schmerze kurzfristig, sei aber im langfristigen Interesse unseres Landes, seien an die Worte des Ökonomen John Maynard Keynes erinnert: Langfristig sind wir alle tot“, ätzt Singh.

Er bekommt Rückendeckung von zwei Nobelpreisträgern. „Ich verstehe die Idee, aber sie bringt die Wirtschaft fast zum Stillstand. Ich kann kaum langfristige Gewinne erkennen, aber es gibt ganz sicher hohe, wenn auch zeitlich begrenzte Kosten“, kritisiert Paul Krugman das Vorhaben Modis. Sein indischstämmiger Kollege Amartya Sen bezeichnet die Regierungspolitik schlicht als „despotisch und autoritär“. Sen wettert: „Diese Entscheidung bringt minimalen Erfolg, aber maximales Leid.“ Die Analysten von Deutscher Bank und Credit Suisse kamen unabhängig voneinander zu der Einschätzung, dass das Trockenlegen des Bargeldbestandes Indien rund einen Prozentpunkt Wachstum kosten werde.

Schwarzgeld waschen geht immer noch

Trotzdem gelingt es Modi, seine Maßnahmen als Erfolg zu verkaufen, weil jeder im Lande weiß: Die Bestechung floriert in Indien, weil die Voraussetzungen dafür stimmen. Indien ist nämlich eine Bargeld-Gesellschaft. Bislang werden rund 90 Prozent des Handels in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft in bar abgewickelt. Von rund 15 Millionen Geschäften gibt es nur 1,4 Millionen mit Lesegeräten für Kreditkarten. Rund eine Viertelmilliarde Inder haben kein Bankkonto.

Da der Barverkehr kaum überwacht werden kann, und weil auch Politiker traditionell ihre Stimmen kaufen lassen und Steuerhinterziehung und Schwarzgeldbesitz bislang kaum geahndet wurden, hat sich ein ganz eigenes Model herauskristallisiert: In dem Land mit fast 1,3 Milliarden Einwohnern zahlen nur 20 Millionen (und damit nur 1,6 Prozent der Menschen) überhaupt Einkommensteuer. Die Steuereinnahmen Indiens liegen bei weniger als sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein Prozent der Inder hält 58,4 Prozent des gesamten Wohlstands des Landes, die obersten zehn Prozent 81 Prozent - nur in Russland ist die Verteilung noch ungleicher.

Könnten Modis Pläne also nicht doch etwas bringen? Es sieht nicht danach aus. Denn Indien wäre nicht in dem Zustand, in dem es ist, hätten die Inder nicht Wege gefunden, die von der Regierung geschaffenen Hürden zu umschiffen. In Singapur beispielsweise, wo eine große indische Diaspora lebt, tauschen Geldwechsler die 1000-Rupien-Scheine für einen Wert von 40 Prozent - über ihr Hawala-Netzwerk (eine Art informelles, nicht immer legales Überweisungssystem) lassen sie das Geld dann in Indien in kleinen Portionen zum vollen Preis in neue Scheine tauschen und streichen 60 Prozent Gewinn ein. „Es ist überhaupt nicht einfach, Indien vom Schwarzgeld zu befreien. Die wirklich großen Spieler sind schwer zu bekommen“, kritisiert C. H. Venkatachalam, der Generalsekretär der Vereinigung der indischen Bankangestellten, das Vorgehen Modis.

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