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Goldeinkäufe : Dämpfer für den Schweizer Goldrausch

Geld im Tresor der Schweizer Nationalbank Bild: Picture-Alliance

Eine Volksinitiative will die Schweizer Nationalbank zum Großeinkauf von Gold zwingen. Doch nach umfassenden Aufklärungen zu den Risiken haben jetzt die Gegner plötzlich Oberwasser.

          Ob von Frankfurt, London oder New York aus: Am 30. November blicken die Gold- und Devisenhändler dieser Welt in die Schweiz. Das ist zwar ein Sonntag. Gleichwohl wird es die Trader brennend interessieren, ob die Schweizer ihre Nationalbank dazu zwingen, die Goldreserven drastisch zu erhöhen. Denn dies könnte sowohl den Goldpreis als auch den Kurs des Franken beeinflussen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Den in direkter Demokratie gut geübten Eidgenossen liegen übernächsten Sonntag drei Volksinitiativen zur Entscheidung vor. Eine davon ist die sogenannte Goldinitiative. Unter der Schlagzeile „Rettet unser Schweizer Gold“ wollen die Initiatoren durchsetzen, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) künftig mindestens 20 Prozent ihrer Vermögensgegenstände in der Bilanz in Gold halten muss. Der Goldbestand soll zudem unverkäuflich sein und komplett in der Schweiz gelagert werden.

          Aktuell hält die Nationalbank knapp 8 Prozent ihrer Reserven in Gold vor. Um den Anteil auf 20 Prozent zu erhöhen, müsste sie 65 bis 70 Milliarden Franken in die Hand nehmen. Dies kommentierte der SNG-Präsident Thomas Jordan kürzlich mit den Worten: „Für Goldspekulanten kann es fast nichts Besseres geben, als zu wissen, dass jemand für rund 70 Milliarden Franken Gold kaufen muss und dieses danach nie mehr auf den Markt bringen kann.“ Daher rieben sich viele Händler schon die Hände, als Ende Oktober eine Umfrage veröffentlicht wurde, nach der 44 Prozent der Schweizer für die Annahme der Goldinitiative seien und 39 Prozent dagegen.

          47 Prozent würden die Goldinitiative ablehnen

          Doch nun hat sich die Stimmung offenbar gedreht. In der zweiten Umfrage des Forschungsinstituts GfS Bern, deren Ergebnisse am Dienstagabend veröffentlicht wurden, sind die Gegner in der Überzahl: 47 Prozent der Befragten würden die Goldinitiative ablehnen, nur noch 38 Prozent sind dafür. Die Meinungsforscher glauben, dass die Ablehnung im laufenden Abstimmungskampf noch steigt und sehen die Goldliebhaber, die aus dem Umfeld der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) stammen, auf der Verliererstraße. Noch aber sind 15 Prozent der Wähler unentschlossen. Es bleibt also eine gewisse Unsicherheit.

          Gerade die ältere Generation hege nostalgische Gefühle zum Gold und bringe daher der Initiative viel Sympathie entgegen, erklärt Janwillem Acket, Chefvolkswirt der Bank Julius Bär. Dabei habe die Schweiz, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, die höchste Golddeckung in der Welt. In absoluten Zahlen liegt sie mit 1040 Tonnen Gold auf Platz sieben.

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          Zum Stimmungsumschwung dürfte beigetragen haben, dass die Bürger, alte wie junge, inzwischen besser informiert sind über die Risiken eines verordneten Goldrauschs. Seit den für ihn so erschreckenden Umfrageergebnissen von Ende Oktober hat der Präsident der Nationalbank einen regelrechten Interview-Marathon hingelegt. Dabei warnte er eindringlich davor, die Handlungsfähigkeit der Nationalbank zu schwächen: „Das führt auch zu höherer Arbeitslosigkeit.“ Jordan hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken unter allen Umständen zu verteidigen. An diese Untergrenze, welche die Nationalbank zum Schutz der Schweizer Exportwirtschaft 2011 gezogen hat, ist der Wechselkurs in den vergangenen Wochen immer wieder sehr nah herangerückt. Sollte die SNB Devisenkäufe vornehmen, um den Franken zu schwächen, müsste sie nach den Regeln der Goldinitiative stets auch Gold kaufen. Da sie das Edelmetall aber nicht mehr verkaufen dürfte, erwüchse ihr über die Jahre ein enormes Klumpenrisiko. Das wiederum würde die Verteidigungslinie gegenüber möglichen Attacken von Spekulanten aus dem Finanzmarkt schwächen.

          Um dieses Risiko zu illustrieren, zieht der Julius-Bär-Chefvolkswirt Acket einen Vergleich zur Welt des Laufsports: „Das wäre so, als wenn die SNB mit einem 30 Kilo schweren Rucksack in ein Rennen mit Usain Bolt geht. Das kann sie nur verlieren.“ Acket ist nach der jüngsten Umfrage sehr zuversichtlich, dass der Nationalbank dieses Schicksal erspart bleibt. „Aber sollte die Goldinitiative angenommen werden, muss sich die SNB warm anziehen. Dann ist ein massiver Angriff auf die Frankenschwelle zum Euro zu erwarten.“ Acket hält die Schweizer Währung jetzt schon für überbewertet. Deren fairen Wert veranschlagt er zwischen 1,30 und 1,35 Franken je Euro. Wenn die Schweizer die Goldinitiative am 30. November ablehnten, müsste dies den Franken schwächen, sagt der Ökonom und fügt hinzu: „Für die Schweizer Wirtschaft wäre das ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.“ Für den Nationalbankpräsidenten Thomas Jordan sicherlich auch.

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