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Chefökonom von Goldman Sachs : „Ich würde nicht gegen den Dollar wetten“

  • Aktualisiert am

Jim O'Neill, Chefökonom von Goldman Sachs Bild: Jim O'Neill

Nach dem neuen Rekordhoch des Euro gehen viele von einer weiteren Aufwertung aus. Jim O'Neill, Chefökonom von Goldman Sachs, ist sich nicht so sicher. Im Interview schließt er mit Blick auf das G7-Treffen Überraschungen nicht aus.

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          Mit einem Kurs von 1,4319 Dollar erreichte der Euro in den vergangenen Stunden den höchsten Stand gegen die amerikanische Währung seit seiner Einführung im Jahr 1999. Viele gehen davon aus, dass die europäische Einheitswährung weiter aufwerten wird.

          Jim O'Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, dagegen ist nicht so sicher. Er hält eine Erholung des Dollars für möglich. Interventionen seien als Folge des anstehenden G7-Treffens denkbar, erklärt er im folgenden Interview. Auf der Aktienseite setzt es auf Schwellenländeraktien. Interessant seien jene in Lateinamerika, insbesondere in Brasilien.

          Der Dollar wertet gegen den Euro im Trend ab und befindet sich praktisch auf Rekordtief. Wieso?

          Der Dollar tendiert aus zwei Gründen zur Schwäche. Erstens glaubt der Markt, die amerikanische Zentralbank werde die Zinsen aufgrund der anhaltenden Schwäche der amerikanischen Wirtschaft weiter senken. Zweitens geht er davon aus, dass China die eigene Währung trotz aller Mahnungen von außen nicht schneller aufwerten lassen wird. So bleibt der Euro im Grunde die einzige größere Währung, die aufwerten kann, wenn der Dollar abwertet.

          Bild: FAZ.NET

          Wird sich dieser Trend fortsetzen?

          Man mag's glauben oder auch nicht - zum ersten Mal seit mehreren Jahren bin ich davon nicht mehr überzeugt. Ich denke die Europäer sind deutlich besorgter über die Entwicklung als früher, was aus einem entsprechenden Statement vom vergangenen Wochenende beziehungsweise Anfang der Woche abzuleiten ist. Aus diesem Grund dürfte man den Euro gegenwärtig mit einer gewissen Vorsicht betrachten müssen.

          Was könnte schon passieren?

          Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich die Haltung der Finanzminister der sieben größten Industriestaaten (G7) zu diesem Thema beim anstehenden Treffen in Washington verändern und in einem entsprechenden Communiqué äußern wird. Die amerikanische Seite könnte die Europäer insofern unterstützen, als sie ab nun keine weitere einseitige Abwertung der eigenen Währung nur gegen den Euro mehr tolerieren wird. Sollte der Euro nach dem Wochenende weiter aufwerten, würde ich eine unabhängige Intervention der Europäischen Zentralbank nicht ausschließen.

          Denken Sie, der Markt würde so ein Communiqué für glaubwürdig halten?

          Der Markt wäre überrascht, wenn es den Rückhalt der amerikanischen Regierung hätte. Ist und war der Markt bisher geradezu darauf geeicht, amerikanische Bekenntnisse zum „starken Dollar“ zu ignorieren und als Einladung zum Verkauf des Greenbacks zu betrachten, so würde sich das mit einem geschlossenen Auftreten ändern. Die Marktteilnehmer wären möglicherweise sogar geschockt.

          Mit welcher Konsequenz?

          Der Dollar würde ein gewisses Maß an Stärke zurückgewinnen.

          Kann eine unilaterale Intervention der Europäischen Zentralbank überhaupt wirken oder stellt sich nicht eher eine Verlaufsgelegenheit für die Devisenhändler dar?

          Das hängt davon ab, wie sie ihre weitere Zinspolitik beschreiben wird und davon, welche Haltung die amerikanische Regierung und die Zentralbank einnehmen. Sicherlich würde es den Markt jedoch überraschen. Immerhin hat die erste Intervention der Europäischen Zentralbank den Trendwechsel des Euro nach oben gebracht.

          Was würde das für die so genannten „Crosses“ bedeuten, also für die Währungspaare, die nicht über den Dollar gehandelt werden?

          Der Euro würde beispielsweise gegen den Yen an Wert verlieren.

          Schlechte Zeiten also für die so genannten Carry Trades?

          Nicht unbedingt. Ein Bekenntnis zum starken Dollar der skizzierten Art würde zwar wahrscheinlich den Yen gegen die amerikanische Währung deutlich aufwerten lassen. Ich bin aber gar nicht so sicher, ob davon Währungspaare wie der Yen gegen den australischen oder den Neuseeland-Dollar beeinflusst werden würden.

          Aber im Kern befinden sich Staaten wie Australien und Neuseeland genau in derselben Lage, wie Europa!

          Ja, sicher. Aber ich glaube nicht, dass sich die Vereinigten Staaten davon beeindrucken lassen werden.

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