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Immobilienfonds schließen : Brexit-Beschluss bringt britisches Finanzsystem in Gefahr

Derzeit gibt es bessere Anlagen als Immobilien in London. Blick von der Waterloo Bridge. Bild: AFP

Immer mehr britische Immobilienfonds schließen. Was wie eine Randnotiz erscheint, ist die erste spürbare Folge des Brexit und bedroht die finanzielle Stabilität Großbritanniens.

          Großbritannien hat sich für den Austritt aus der EU, den Brexit entschieden. Derweil auf der Insel darüber Konfusion und Chaos ausgebrochen zu sein scheint, ob das Land tatsächlich die EU verlassen wird und wann und wie sehr, beginnen sich die befürchteten wirtschaftlichen Folgen zu zeigen. Mit am schnellsten tun sie das an dem ansonsten ja eher längerfristig reagierenden Immobilienmarkt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dies sieht man zwar noch nicht in den Preisen, aber sehr wohl im Verhalten der Investoren. Am Dienstag setzte mit dem Vermögensverwalter M&G nun die dritte Gesellschaft den Handel mit Anteilen eines Immobilienfonds aus. Wegen der hohen Unsicherheit in der britischen Gewerbeimmobilien-Branche hätten die Anleger verstärkt Fondsanteile zurückgegeben, teilte die Gesellschaft mit.

          Man sei zum Schluss gekommen, dass die Interessen der Anteilseigner am besten geschützt würden, in dem der Fonds vorübergehend vom Handel ausgesetzt werde. In den vergangenen Monaten hatten bereits so viele Anleger ihre Anteile an britischen Immobilienfonds zurückgegeben, dass deren Barmittel knapp geworden waren.

          Bei den Fonds handelt es sich nicht eben um kleine Kapitalsammelstellen: Der M&G-Fonds bringt es immerhin auf 4,4 Milliarden Pfund (5,2 Milliarden Euro), zusammen mit den Fonds von Standard Life und Aviva geht es um Kundeninvestments von gut neun Milliarden Pfund (10,6 Milliarden Euro). Das ist immerhin ein Viertel des Gesamtmarktes und es steht zu befürchten, dass weitere Fonds folgen werden.

          Deutschen Anlegern könnte das Einfrieren von Immobilienfonds vertraut erscheinen. Nach einer länger schwelenden Krise waren in Deutschland 2006 etliche beliebte offene Immobilienfonds wegen hoher Mittelabflüsse erst geschlossen worden, bevor es in die Abwicklung ging, die zum Teil bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

          Noch sind die Immobilienpreise natürlich nicht spürbar gefallen, doch die Prognosen sind schlecht. Das Immobilienportal Zoopla etwa prognostiziert einen Fall der durchschnittlichen Hauspreise um 18 Prozent für das Vereinigten Königreich. Andere gehen von geringeren Rückgängen von etwa acht Prozent aus.

          Immobilienbranche als Wachstumsbremse

          Wieder andere Prognosen sehen wiederum nur einen geringen Preisverfall. Allerdings nicht aus Optimismus, sondern weil sie von einem Einfrieren des Marktes ausgehen. Das zeigt sich auch bei den Fonds, die nicht nur hohe Abflüsse, sondern naturgemäß auch geringe Zuflüsse verzeichnen und das schon bevor über die Briten abgestimmt hatten.

          Keine der Prognosen aber ist günstig für Großbritannien. Zuletzt hatte die Immobilienbranche zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Ein Preisverfall oder ein Markt im Tiefschlaf würde sich damit auch gesamtwirtschaftlich deutlich bemerkbar machen.

          Hinzu kommt, dass die Bank of England ohnedies den Markt für Gewerbeimmobilien als überbewertet einstufte. Unter diesen Umständen kann es kaum überraschen, dass viele Investoren die Brexit-Entscheidung zum Anlass nahmen, Gewinne zu sichern. Besonders hart dürfte es den Londoner Markt treffen, da hier viele ausländische Investoren aktiv sind. Allein für das kommende Jahr 2017 rechnet die Bank of America Merrill Lynch mit einem Minus von zehn Prozent.

          Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits wird schwierig

          Für die Bank of England ist all dies Grund zu großer Besorgnis, vor allem mit Blick auf das hohe und Leistungsbilanzdefizit des Landes von zuletzt mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Denn dieses wurde nicht zuletzt durch die Investitionen ausländischer Investoren gerade am Immobilienmarkt finanziert. Nun sind die Zuflüsse geschrumpft und haben den Wechselkurs des Pfunds auf historische Rekordtiefs fallen lassen.

          Das britische Pfund steht knapp zwei Wochen nach dem Brexit-Votum weiter unter Druck. In der Nacht auf Mittwoch sank der Kurs der britischen Währung erstmals seit Juni 1985 mit 1,2798 Dollar unter die Marke von 1,30 Dollar. Auch gegenüber dem Euro wertete das Pfund seit der Brexit-Entscheidung um mehr als 13 Cent auf zuletzt 1,1682 Euro ab.

          GBP/USD

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          Der niedrigere Wechselkurs sollte eigentlich Exporte aus dem Inselreich begünstigen. Die Frage ist allerdings, ob Großbritannien seine Ausfuhren so schnell steigern kann wie die Kapitalimporte zurückgehen. Fast 10 Prozent aller britischen Ausfuhren entfallen auf Autos, weitere 8 Prozent auf Gold und 5 Prozent auf Rohöl. Die britische Leistungsbilanz hat sich zudem seit 1948 beständig verschlechtert.

          Bank of England sieht systemische Risiken Gestalt annehmen

          Mittlerweile geht in Großbritannien schon die Furcht vor einer neuen Finanzkrise um. 2008 waren mehr als die Hälfte des Vermögens aus Immobilienfonds abgezogen worden. Heute verwalten die Fonds 80 Prozent mehr an Vermögen als seinerzeit. Schon vor der Abstimmung hatten sich die Fonds und die Bank of England beraten. Seinerzeit hieß es aus der Branche, man befinde sich nicht in einem Zustand eines erhöhten systemischen Risikos.

          In ihrem jüngst veröffentlichten Stabilitätsbericht hat die britische Zentralbank indes festgestellt, dass einige der Risiken Gestalt angenommen hätten. Die Perspektive für die finanzielle Stabilität Großbritanniens sei „herausfordernd“. Mittlerweile hat die Bank of England die für März 2017 geplante Erhöhung der Kapitalanforderungen für Banken nicht nur verschoben, sondern sogar angekündigt, diese zu senken, und somit 5,7 Milliarden Pfund (6,7 Milliarden Euro) Kapital freizugeben.

          Die Regierungspläne einer massiven Stenkung der Unternehmenssteuern zielen ebenso darauf, weiter für ausländische Unternehmen attraktiv zu bleiben und so Kapitalzuflüsse zu erhalten.

          Auch ohne dass der Brexit umgesetzt worden wäre, zeigen sich schon jetzt Anzeichen massiver wirtschaftlicher Probleme, die aus diesem resultieren. Um so mehr müssen rasch klare Verhältnisse geschaffen werden – wobei der Vollzug eines Austritts die Lage wohl kaum verbessern würde.

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