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„Blockchain“ : Bargeld, Banken und Betrüger

Eine Welt ohne Bargeld, ohne Banken. Was „Bitcoin“ versprochen hatte - und scheiterte - soll „Blockchain“ bald ermöglichen. Bild: Picture-Alliance

„Blockchain“ heißt der Code für die nächste Revolution im Internet: Bargeld, Banken und Betrüger werden abgeschafft. Wer und was steckt dahinter?

          Was diskutieren Milliardäre und digitale Pioniere, wenn sie auf einer Trauminsel in der Karibik unter sich sind? Natürlich die „Blockchain“, was sonst. Nie davon gehört? Dann haben Sie die Anfänge der nächsten Revolution im Netz wohl verpasst. Aber Kopf hoch - noch ist es nicht zu spät für die Beschäftigung mit der ominösen Kette.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wo immer es heute um das große Ganze, um Macht und das Geschäft der Zukunft geht, fällt das Stichwort „Blockchain“. Denn wozu Bankgebühren bezahlen, um Geld zu überweisen, wozu einen Notar einschalten, um ein Haus zu kaufen, wenn es auch ohne geht? Genau das verspricht die Blockchain-Technologie: Banken, Bargeld und vieles mehr wird abgeschafft, die ganze Art, wie wir wirtschaften auf den Kopf gestellt. Da lag Richard Branson, der fünf Milliarden Dollar schwere Virgin-Gründer, also richtig, als er im Sommer „die besten Köpfe der digitalen Erneuerung“ zu einem „Blockchain Summit“ auf seine Privatinsel lud.

          Noch ist nicht ausgemacht, was die Technologie tatsächlich taugt: Sind da großmäulige Visionäre am Werk oder nur visionär tönende Großmäuler? Tatsache ist, die cleveren Burschen wie Branson stürmen vorneweg. Irgendwas muss also dran sein, wenn so viel Sachverstand und Geld sich in Bewegung setzt. Microsoft-Gründer Bill Gates schwärmt von der Blockchain. Amerikas ehemaliger Finanzminister Larry Summers mischt mit, ebenso die schwerreichen Gründer im Silicon Valley. Die „Blockchain“ schlägt Wellen bis in die Führungsetagen der deutschen Traditionskonzerne. Deutsche Börse, Telekom – alle strecken ihre Fühler aus, auch ein RWE-Chef Peter Terium gibt sich schwer optimistisch, dass die „Blockchain“ irgendwie seinen siechenden Energiekonzern rettet.

          Richard Branson, Milliardär und Virgin-Gründer, lud im Sommer „die besten Köpfe der digitalen Erneuerung“ zu einem „Blockchain Summit“ auf seine Privatinsel.

          Was genau aber verbirgt sich hinter dem Zauberwort, das jedermann im Munde führt? Es ist – glaubt man den Anhängern – eine Netzwerk-Technologie, die alles revolutioniert und nebenbei das Ende von Lug und Trug im Internet einläutet, die „größte Neuerung seit der Erfindung des Internets“, tönen die Anhänger. „Es tut mir leid für Sie, aber in zehn Jahren werden alle Ihre Banken nicht mehr existieren“, schleuderte in Davos ein Blockchain-Pionier der versammelten Hochfinanz entgegen. Das mag übertrieben sein. Ernst nehmen die Konzerne das Phänomen dennoch. Selbst Skeptiker wie Edward Budd von der Deutschen Bank in London räumen der Blockchain „gewaltiges Potential“ ein.

          Niemand hat die Macht, die Daten zu manipulieren

          Erstmals aufgetaucht ist das Stichwort als Technologie hinter der virtuellen Währung Bitcoin. Die Blockchain funktioniert wie ein digitales Kassenbuch. Wenn Person A einer Person B Geld leiht, wird diese Transaktion auf den Computern aller an der Blockchain Beteiligten dokumentiert. Das Gleiche passiert, wenn B später einen Teil des Geldes an C oder D weiterreicht. Alle diese Daten werden dezentral gespeichert. So entsteht nach und nach eine Kette von Datenblöcken (daher der Name Blockchain), an denen nachträglich nichts gelöscht oder geändert werden kann. Das alles läuft ohne Mittelsmann ab, die Teilnehmer verifizieren die Vorgänge selbst, ohne Bank. Alles Wissen wird geteilt. Niemand hat die Macht, die Daten zu manipulieren.

          Nun ist Bitcoin als Zockerwährung und Platz für dubiose Geschäfte in Verruf geraten, das spricht aber nicht prinzipiell gegen die zugrundeliegende Technologie. Über Blockchains lassen sich Aktien und Anleihen handeln, Darlehen vergeben, Verträge abschließen. Urkunden jeglicher Art, Ausweise und Testamente könnten so im Netz hinterlegt werden, Diamanten, Häuser, Grundstücke den Besitzer wechseln. Und das alles, so versprechen die Protagonisten, schneller, einfacher, billiger als heute. In der schönen neuen Blockchain-Welt wäre Betrug nahezu unmöglich, da die Datenketten aufeinander aufbauen. Wer Dubioses im Sinne hat, müsste stets die gesamte Historie ändern. Hackern wäre das Handwerk gelegt, Geldwäsche leicht nachvollziehbar. „Technisch finden Betrüger zwar immer einen Weg für ihre Geschäfte. Aber wenn der Aufwand viel größer ist als der erhoffte Ertrag, lassen sie es bleiben“, erklärt Don Tapscott, Wirtschaftsprofessor an der Universität Toronto, dessen neues Buch „Blockchain Revolution“ im Mai erscheint. „Blockchain macht Internetbetrug extrem unattraktiv.“

          Wie jeder neue Hit aus dem Netz kommt auch die Blockchain mit gewaltigem, disruptivem Anspruch daher. Kleine Angreifer aus der Online-Welt, die sogenannten Fintechs, wittern ihre Chance, um den traditionellen Banken das Wasser abzugraben. Die Aufregung ist groß. Allein im Banking ließen sich mit Blockchain 20 Milliarden Dollar im Jahr einsparen, so schätzt die spanische Bank Santander. „Da will jeder vorne mitmischen“, erzählt der Manager einer internationalen Großbank. Edward Budd, der verantwortliche Experte in der Deutschen Bank, formuliert es so: „Wir wollen die Blockchain nutzen, um Geschäftsbereiche, die noch nicht so effizient sind, zu optimieren.“ Allein im Wertpapierhandel nimmt jede Transaktion in der Nachbearbeitung zwei bis drei Tage in Anspruch. „Das ist suboptimal.“ Mit der Blockchain ginge das in Echtzeit.

          Jede Großbank tüftelt deshalb an Blockchain-Produkten, die Schweizer UBS betreibt dafür in London ein eigenes Forschungslabor, Goldman Sachs hat eine Kryptowährung entwickelt, auch Deutsche Börse und Nasdaq testen Blockchains, die Bank of England erforscht das Wesen eines dezentralen Blockchain-Registers. Ganze Staaten (unter den Ersten: Griechenland und Honduras) überlegen, wie sie die Grundbücher in eine Blockchain umbauen. Großbritannien geht noch weiter, will sein Steuersystem überprüfen, das Rentenwesen und die Ausgabe von Pässen. Derartige Aktivitäten kratzen am Kerngeschäft von Notaren, Maklern und Rechtsanwälten. Manche Blockchain-Verfechter sehen gar eine Gefahr für Facebook und Google aufziehen. Etliche Giganten im Silicon Valley könnten unter die Räder kommen, warnt Bestseller-Autor Don Tapscott. Einige Start-ups arbeiten bereits an Modellen, die Uber und Airbnb überflüssig machen: „Für die Vermittlung von Taxis braucht es kein 60 Milliarden Dollar schweres Uber, das können die Fahrer unter sich ausmachen.“

          „Der Run auf die großen Namen ist irre“

          Wie weit die Euphorie am Ende trägt, ist schwer vorherzusagen, das Geld jedenfalls fließt reichlich. Allein im Jahr 2015 haben Risikokapitalgeber 450 Millionen Dollar in Blockchain-Start-ups gepumpt, 2012 lagen die Investitionen noch bei null. Das in New York ansässige „R3 CEV“ ist einer der aufsteigenden Sterne unter den Blockchain-Entwicklern. 42 Banken, darunter alles, was Rang und Namen hat, haben sich an der jungen Firma beteiligt, die im Netz eine „globale Finanzfabrik“ aufbauen will, die dann alle Banken nutzen dürfen. Auch die Deutsche Bank und die Commerzbank sind mit von der Partie. Bei der Konkurrenz, der Linux Foundation mit seinem „Hyperledger“-System, sind andere prominente Firmen eingestiegen - Accenture, Cisco, IBM, JP Morgan, Mitsubishi, Intel, Fujitsu, Wells Fargo. „Der Run auf die großen Namen im Blockchain-Business ist irre“, sagt ein Banker, der bei Finanzierungsrunden in Amerika, in der Schweiz und Deutschland dabei war. Die Start-ups können demnach astronomische Preise verlangen, „zu unglaublich schlechten Konditionen“.

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          Nicht jeder kann nun mal die notwendigen Kryptoprogramme schreiben. Das schaffen nur eigenartige Menschen wie Vitalik Buterin, hofiert als Blockchain-Wunderkind: 21 Jahre alt, geboren in Russland, aufgewachsen in Kanada, heute wohnhaft in der Schweiz und in Berlin. Das Studium hat er abgebrochen. Blass ist er und hager, kein Wunder, programmiert er doch von morgens bis abends, sieben Tage die Woche. Der Autodidakt hat sich am Computer mehrere Sprachen angeeignet (darunter Deutsch und Mandarin), spricht aber eher ungern mit Menschen. Am liebsten kommuniziert er mit Computern. 18 Millionen Dollar hat er innerhalb von vier Wochen durch Crowdfunding für seine gemeinnützige Ethereum-Stiftung eingesammelt. Banker, Politiker, Industrielle umlagern ihn, wo immer er als Redner auftaucht.

          Die Deutsche Börse dagegen setzt auf Ex-Bankerin Blythe Masters, die eine rasante Karriere bei JP Morgan hingelegt hatte. Der Legende nach ist sie Erfinderin der Derivate, die in der Finanzkrise zu zweifelhaftem Ruhm kamen, der Credit Default Swaps (CDS). Auch für „R3 CEV“ werkelt ein Star: Mike Hearn, ein englischer Informatiker, der in Zürich lebt und lange für Google arbeitete, war bis vor kurzem eine große Nummer bei Bitcoin. Ende Januar hat er sich mit großem Tamtam von der Währung verabschiedet: Das Experiment Bitcoin sei gescheitert, schrieb er in einem Blog. Bitcoin führt vor Augen, wo die Krux der Blockchain-Technologie liegt. Es geht um IT-Sicherheit und um ausreichenden Speicherplatz. Daneben sind juristische Fragen zu klären. Großflächig könne Blockchain frühestens in drei bis fünf Jahren zum Einsatz kommen, schätzt Edward Budd von der Deutschen Bank. Sein Konzern sei nicht bedroht, sagt er wacker: „Wir müssen uns wandeln, aber Blockchain wird die großen Spieler von heute nicht vom Markt fegen.“ So haben schon andere gedacht, die dann verschwunden sind.

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