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Bitcoins : Die digitale Geldrevolution entlässt ihre Kinder

Bier bezahlen mit Bitcoins: In dieser australischen Kneipe ist es möglich. Bild: Getty Images

Das Internetgeld Bitcoins ist in das Visier der Aufsichtsbehörden geraten. Erste Nachfolgeprojekte sind auf dem Markt. Sogar Amazon hat eine eigene Währungen geschaffen.

          Revolutionen sind merkwürdig. Dass sie stattfinden, bekommt jeder mit. Die teilnehmenden Personen aber werden vergessen. Lediglich an die Symbole und Ideen kann man sich später immer noch erinnern. Um das aktuelle Phänomen der Internetwährung Bitcoins besser zu verstehen und einen Blick in die Zukunft zu wagen, hilft daher ein Blick zurück auf andere Entwicklungen, die ganze Märkte umkrempelten.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Stellvertretend stehen dafür die kolossalen Änderungen auf dem Musikmarkt. Seit Jahren gehen die Umsätze und Gewinne der Musikunternehmen zurück, sie stürzen regelrecht ein. Nach Schallplatten suchen allenthalben noch Liebhaber; CDs verkaufen sich nur noch bei internationalen Stars wirklich gut. Die Wachstumsmärkte sind im Internet: Bei digitalen Musikläden oder sogenannten Streamingdiensten, bei denen man die Musik zwar nicht selbst runterlädt, aber für eine Abogebühr nahezu jedes Lied anhören kann. Aber erinnert sich heute noch irgendjemand, wer genau diese Revolution ausgelöst hat?

          Den wenigsten wird der Name Shawn Fanning sofort in den Sinn kommen. Jener Fanning erfand die Musiktauschbörse Napster. Mit diesem Computerprogramm war es um die Jahrtausendwende erstmals problemlos möglich, Tonaufnahmen untereinander zu tauschen. Nahezu alle Musikstücke von Beethovens fünfter Symphonie über alle Lieder der Beatles bis hin zu den Pixies und damals aktuellen Stücken von Britney Spears waren problemlos zu finden. Mit wenigen Mausklicks war das Lied auf dem Computer. Musik im Laden zu kaufen war unnötig geworden. Der Haken daran war gewaltig: Es war illegal. Millionen Menschen machten sich strafbar. Die Quittung folgte bald darauf. Das Unternehmen wurde mit Klagen überzogen und schon Anfang der 2000er Jahre war der Spuk schon wieder vorbei. Aber die Auswirkungen spürt die Musikindustrie bis heute. Programme, mit denen man heute Musik kaufen kann, sind im Grundsatz noch immer so aufgebaut wie damals die Tauschbörsen. Ohne Napster wäre etwa iTunes nie möglich geworden.

          Die Goldgräberstimmung bei den Bitcoins ist vorbei

          Eine ähnliche Bedeutung für den Online-Bezahlmarkt könnte den Bitcoins bevorstehen. Der Erfinder ist nicht nur ähnlich unbekannt wie der von Napster, er ist sogar vollkommen anonym. Bekannt ist nur, dass das Konzept der Bitcoins von einer Person oder Gruppe entwickelt wurde, die sich den Namen Satoshi Nakamoto gab. Ob das der echte Name ist oder nur ein Pseudonym, ob dahinter ein Amerikaner, ein Asiate oder ein Europäer steckt, ob es eine Frau oder ein Mann ist - alles komplett unbekannt. Die ersten Bitcoins entstanden im Januar 2009, heute ist Nakamoto komplett verschwunden.

          Das Prinzip hinter den Bitcoins ist relativ einfach. Einheiten der digitalen Währung kann praktisch jeder am Rechner erzeugen. Dazu muss lediglich ein Programm auf dem Computer installiert werden, das dann die Bitcoins erstellt. Dazu löst es komplizierte Rechenfolgen ohne jeglichen Nutzen. Ist eine solche Gleichung gelöst, hat der Nutzer ein Bitcoin verdient. Dieser Prozess wird von den Enthusiasten gern „Mining“ genannt, übersetzt heißt das etwa „Schürfen“. Das drückt wohl auch in etwa die Goldgräberstimmung aus, welche die Schürfer empfunden haben, als der Wert der Bitcoins durch die Decke schoss. Im April kostete ein Bitcoin in der Spitze 266 Dollar. Dabei ist ein Bitcoin an sich rein gar nichts wert. Die Währung ist mit nichts anderem hinterlegt als mit dem Vertrauen der Nutzer. Das scheint aber in Zeiten der Finanzkrise und offenen Geldschleusen der Notenbanken ein wertvolles Gut zu sein.

          Aufstieg und Fall der Bitcoins

          Auch an Inflationsvermeidung hat Nakamoto gedacht. Da die Rechenfolge immer komplizierter wird, benötigt ein Nutzer immer mehr Zeit, um einen Bitcoin zu verdienen. Außerdem ist die maximale Menge erstellbarer Bitcoins von vornherein auf 21 Millionen Stück begrenzt. Etwa die Hälfte davon wurde bis zum heutigen Tag produziert, bis ins Jahr 2033 sollen die letzten Rechenfolgen gelöst und damit die letzten Einheiten der digitalen Währung hergestellt werden. Durch die künstlich erzeugte Knappheit wird Inflation sogar verringert oder ganz verhindert. Mittlerweile sind die Rechnungen allerdings schon so komplex, dass ein einzelner Nutzer die Gleichungen eigentlich nur noch dann allein lösen kann, wenn er einen Nasa-Rechner hat. Allerdings würde die Gewinnung durch die exorbitant hohen Stromkosten bei weitem überstiegen. Daher haben sich viele Nutzer mittlerweile zusammengetan, um Bitcoins zu schürfen.

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