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Australischer Dollar : Auf Rekordjagd

Doppelt geschützt: Der „Aussie” ist gekoppelt an ganz reales Wirtschaftswachstum Bild: AFP

Der „Aussie“ steht auf dem höchsten Stand gegenüber dem amerikanischen Dollar seit der Freigabe 1983. Viele Australier profitieren vom Wertgewinn ihrer Währung. Allerdings birgt der hohe Kurs auch Risiken für die heimische Industrie.

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          Belinda ist bestens gelaunt. Ihr Geschäft für Segelbedarf auf der Halbinsel Balmain, die in den Hafen von Sydney hineinragt, schließt sie am Nachmittag um fünf. An die Ladentür hängt sie noch ein Schild: „Gone sailing“ steht darauf. Diesmal wird es länger hängen. Denn Belinda geht nicht segeln, sondern fliegt für eine Woche nach New York. „So günstig werden wir es nie wieder bekommen“, sagt sie. Ein iPhone, zwei iPads für die Kinder, Levis-Jeans und neue Schuhe, am Ende der obligatorische Besuch in der Boutique von Donna Karan stehen auf dem Programm. „Es ist unglaublich, aber die Sachen sind in diesem Jahr spottbillig“, sagt Belinda. Dann dreht sie den Schlüssel in der Tür um.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Viele Australier profitierten vom ständigen Wertgewinn ihrer Währung. Mit 1,0197 notierte der australische Dollar am Donnerstag auf dem höchsten Stand gegenüber der amerikanischen Währung seit seiner Freigabe 1983. Kostete der „Aussie“ Anfang Januar 2002 bei der Einführung des Euro noch 0,57495, liegt er heute bei 0,77076 Euro. Devisenhändler orakeln, nur die Ausgabe europäischer Anleihen in großem Stil im Januar könne dem weiteren Aufstieg des australischen Dollar Einhalt gebieten – vorübergehend.

          Doppelt geschützt

          Denn gestützt wird der Dollar aus „down under“ gleich doppelt: Zum einen stellt er eine Fluchtwährung da, zum anderen ist er gekoppelt an ganz reales Wirtschaftswachstum. Anleger aus Europa und Amerika reizen die hohen Zinsen Australiens – der Leitzins liegt bei 4,75 Prozent, in Amerika aber praktisch bei null. Der sogenannte „Carry Trade“, bei dem Spekulanten mit Devisengeschäften von Zinsdifferenzen profitieren, ist gefürchtet, weil „heißes Geld“ auch schnell wieder abgezogen werden kann. Investoren spekulieren aber auch auf weitere Kursgewinne zumindest der Rohstoffwerte an der australischen Börse, die inzwischen als Ableitung des Wachstums Asiens gesehen wird. Dabei gilt diese durchaus als angemessen bewertet. Seit Jahresbeginn hat der Leitindex ASX 200 denn auch 2 Prozent verloren.

          Gleichwohl profitiert Australien wie kein anderes Land der Welt von Asiens Nachfrage nach Flüssiggas und Kohle, Erz und Gold. Die Bergwerke fliegen ihre Mitarbeiter inzwischen aus den Städten der Ostküste in den Nordwesten. Die Inflation, die dank der überzogenen Löhne in den Minen in die Metropolen getragen wird, ängstigt inzwischen die Wirtschaft. Der Arbeitsmarkt aber ist robust, die Zentralbank hat als erste der Notenbanken der Industrieländer schon 2009 mit Zinserhöhungen begonnen.

          Vorteile einer starken Währung

          „Praktisch unbeachtet von der Masse der Bevölkerung ist unser Land in den vergangenen zehn Jahren reich geworden, sehr reich“, zieht die Wirtschaftszeitung „Australian Financial Review“ ihr Fazit aus dem vergangenen Jahrzehnt. Lag das Bruttoinlandsprodukt Australiens pro Kopf im Jahr 2000 bei 21.170 Dollar, sind es heute 42.280 Dollar. Die Zahl der Millionäre stieg von 74.000 auf nun 174.000. Und wurden „down under“ vor zehn Jahren 1,4 Millionen Champagnerflaschen geköpft, waren es in diesem Jahr 2,9 Millionen.

          Längst haben die Konsumenten den Vorteil der starken Währung erkannt und bestellen ihre Waren über das Internet im Ausland: William Olds wollte sich zu Weihnachten sein erstes Paar handgenähter Schuhe leisten. Er probierte sie im edlen Queen-Victoria-Building im Zentrum Sydneys an, wählte das Leder. Dort verlangte der Händler 995 Dollar. Olds verließ den Laden, setzte sich daheim an den Computer und bestellte seine Schuhe in London – für 509 Dollar. „Dem netten Händler gegenüber habe ich mich mies gefühlt. Aber nicht so mies, dass es 500 Dollar wert gewesen wäre“, sagt er. Kein Wunder, dass Australiens Einzelhandel inzwischen Sturm läuft gegen die Regel, bei Auslandseinkäufen über das Netz die Mehrwertsteuer zu erlassen, solange sie unterhalb der 1000 Dollar bleiben.

          Zu mehr Effizienz erzogen

          Längst belastet der hohe Dollarkurs auch die heimische Industrie und Dienstleistungsbranche. Touristen, die vor dem europäischen Winter flüchten wollen, kommt der Australien-Urlaub in diesem Jahr rund 50 Prozent teurer zu stehen als in der vorvergangenen Saison. Damals gab es den australischen Dollar im Sonderangebot für 0,48878 Euro. Auch werden die meisten Rohstoffe in amerikanischen Dollar berechnet. Allerdings treibt der starke australische Dollar die Übernahmen durch die Rohstoffindustrie des Landes. Doch fällt es den Unternehmen im entlegenen fünften Kontinent besonders schwer, ihre Kosten ins Ausland zu verlagern.

          Mark Bryan, Chef des Software-Entwicklers Integrated Research, der 160 Leute beschäftigt, verbucht 66 Prozent seiner Kosten in Australien, macht aber 85 Prozent seines Umsatzes in Übersee. „Wir können nicht einfach abwandern, denn unser geistiges Eigentum liegt in unseren Beschäftigten hier“, sagt Bryan. Doch wäre er kein Australier, nähme er die Sache zu schwer: „Immerhin erzieht uns der Dollarkurs dazu, noch effizienter zu werden.“

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