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Kritik am EZB-Kurs : Der Euro im Sturzflug

Liegen fast gleichauf: Euro und Dollar in einer gestellten Fotoillustration. Bild: Reuters

Rasant nähert sich der Euro der Parität mit dem Dollar. Selbst dem größten Profiteur, der Exportwirtschaft, ist das nicht mehr geheuer. Kritiker warnen vor einem drohenden Währungskrieg.

          Es ist nicht einmal zwölf Monate her, da kratzte der Wechselkurs des Euro an der Marke von 1,40 Dollar und die Welt spekulierte, ob die Gemeinschaftswährung noch weiter aufwerten würde. Mehrere tiefgreifende Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) später hat sich das Blatt gewendet: Am Donnerstagmorgen setzte der Euro seinen Sturzflug fort und fiel zwischenzeitlich bis auf 1,0494 Dollar – den tiefsten Stand seit Januar 2003. Der Wertverlust schmerzt Amerika-Urlauber und verursacht selbst beim größten Profiteur, der Exportwirtschaft, Sorgen vor einem „Währungskrieg“.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Dass nun die Parität von Euro und Dollar in greifbare Nähe rückt, hängt stark mit dem am Montag von der EZB begonnenen Anleihekaufprogramm zusammen. Am Mittwoch verteidigte Notenbankpräsident Mario Draghi mit Nachdruck das Programm, mit dem die Zentralbank jeden Monat 60 Milliarden Euro in den Markt pumpen will – und schickte den Euro damit weiter auf Talfahrt: „Wir können und wir werden die Geldpolitik in einer Weise einsetzen, dass sie die Inflation in Einklang mit unserem Ziel stabilisieren kann und wird“, sagte Draghi in einer Rede an der Goethe-Universität in Frankfurt.

          Viele Devisenmarktspezialisten hatten schon vor Jahresfrist damit gerechnet, dass die Währungen sich in Richtung Parität bewegen würden. Die Deutsche Bank rechnet mittelfristig sogar nur noch mit einem Kurs von 0,85 Dollar, verbunden mit erheblichen Kapitalabflüssen. Die amerikanische Wirtschaft hat sich erholt, die Notenbank Federal Reserve daraufhin die Ausweitung der Geldmenge gebremst und eine Leitzinserhöhung in Aussicht gestellt. In Europa dagegen weitet die EZB das Geldangebot aus, so dass eine Abwertung des Euro die logische Folge ist. „Seit der Lehman-Pleite war der Euro überbewertet“, sagt Holger Bahr, Leiter Volkswirtschaft der Deka-Bank. Das korrigiere sich jetzt und helfe dabei, das geldpolitische Ziel einer höheren Inflation zu erreichen, weil durch die höheren Einfuhrpreise Inflation importiert werde.

          Die Notenbank strebt an, die Inflationsrate wieder an das selbst gesteckte Ziel von knapp 2 Prozent zu bringen. Die Abwertung ist dabei eine nicht unerwünschte Nebenwirkung. Den Eurokurs nannte Draghi als einen Grund für das etwas angesprungene Wachstum im Euroraum und die verbesserten Konjunkturaussichten der Notenbank. In Anbetracht der gesunkenen Renditen von Staatsanleihen mehrerer Euroländer betonte Draghi, dass die Wirkung des Programms ähnlich stark sei wie in anderen Ländern, die geldpolitisch denselben Weg beschritten hätten.

          Die Deutsche Wirtschaft, die mehr Waren aus- als einführt, profitiert kurzfristig von der Abwertung. Einzelne Volkswirte beziffern den zusätzlichen Schub für die Konjunktur mit einem halben Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts und sprechen von „Doping für die Konjunktur“. Getrübt wird dieser Effekt durch die Gefahr, dass es zu einem Abwertungswettlauf kommt: „Die EZB hat eine Tür geöffnet, hinter der die Gefahr eines Währungskrieges lauert. Dieser Schritt zerstört zudem das notwendige weltweite Vertrauen in eine stabile Währung und gefährdet den Zusammenhalt in Europa“, sagte Anton Börner, der als Präsident des Außenhandelsverbandes BGA die größten Profiteure des schwachen Euro repräsentiert. Abgesehen von den Vereinigten Staaten, folgen viele Notenbanken der Welt dem Trend, ihre Währungen zu schwächen.

          „Langfristig ist eine Abwertung schlecht“, sagte Lutz Karpowitz, Direktor Devisenstrategie der Commerzbank. Die italienische Lira habe drei Jahrzehnte gegenüber der D-Mark abgewertet, dennoch sei die deutsche Wirtschaft exportstärker. EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny widersprach dem Eindruck, der Wechselkurs werde gezielt beeinflusst: „Ich denke, es ist falsch anzunehmen, das, was jetzt stattfindet, ist ein Währungskrieg“, sagte er in Frankfurt.

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