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Anzapfen der Ölvorräte : Die Debatte nimmt Fahrt auf

Die Pipelines der „Strategic Petroleum Reserve“ in Texas. Das Zentrum mit strategischen Ölreserven ist eins von vier in den Vereinigten Staaten Bild: dpa

Wegen der stark gestiegenen Energiekosten fordern die G-7-Länder eine höhere Ölförderung. Auch Rufe, die Öl-Notreserven zu nutzen, werden lauter. Das würde die Preise jedoch langfristig nicht senken.

          Die gestiegenen Ölpreise bringen die Industrieländer zunehmend unter Druck. Damit verstärkt sich die Debatte um ein Anzapfen der Ölreserven, die eigentlich für Notfälle angelegt sind. Das zusätzliche Ölangebot soll die Preise drücken. Wie in einem Teil unserer Auflage berichtet, hatten die Finanzminister der Siebenergruppe der großen Industriestaaten (G 7) am späten Dienstagabend in einer Erklärung die ölproduzierenden Staaten aufgefordert, ihre Förderung zu erhöhen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Minister erinnerten an die von Saudi-Arabien beim G-20-Gipfeltreffen in Los Cabos im Juni abgegebene Zusage, notfalls ungenutzte Kapazitäten zu mobilisieren, um eine angemessene Versorgung sicherzustellen. „Wir stehen bereit, die Internationale Energieagentur (IEA) zu angemessenen Maßnahmen aufzufordern, um eine vollständige und zeitgemäße Versorgung des Markts sicherzustellen“, hieß es.

          Damit deutete die G 7 eine grundsätzliche Bereitschaft zur Freigabe von Teilen der Ölreserven an. Der Siebenergruppe gehören neben dem derzeitigen Vorsitz Vereinigte Staaten auch Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada und das Vereinigte Königreich an. Die IEA berät 28 Industrieländer in Energiefragen und ist für die Freigabe der Öl-Notreserven zuständig.

          Steigende Kosten für Unternehmen und Verbraucher

          Seit Anfang Juni haben die Ölpreise in Europa um knapp 30 Prozent zugelegt, in den Vereinigten Staaten gibt es einen Zuwachs von 20 Prozent. Entsprechend steigen die Kosten für Unternehmen, die das Öl zur Produktion nutzen, sowie für Verbraucher, die Benzin und Heizöl kaufen. Die IEA kommentierte die Äußerungen der G-7-Minister nicht. IEA-Direktorin Maria van der Hoeven hatte zuvor mehrmals erklärt, dass ein Anzapfen der Reserven nicht nötig sei.

          Aus Sicht von Branchenkennern ist das Agieren der G 7 ungewöhnlich: „Letztlich bedeutet es, dass die G 7 die Opec auffordert, mehr Öl zu fördern, um damit die Folgen der Sanktionen gegen ein Opec-Mitglied auszugleichen“, sagt Olivier Jakob vom Analysehaus Petromatrix. Seit Anfang Juli gilt ein Importstopp für iranisches Öl der Europäischen Union (EU). Iran ist Opec-Mitglied. Die Vereinigten Staaten hatten wegen des Atomstreits zuvor schon Sanktionen gegen das Land ausgesprochen.

          Zuletzt waren die Ölpreise nicht nur wegen der Furcht vor Lieferengpässen durch eine Eskalation der Situation im Nahen Osten geklettert. Es gibt wartungsbedingte Produktionsausfälle in der Nordsee. Zudem ist die Ölförderung im Golf von Mexiko wegen des Hurrikans Isaac gestört. Solche Angebotsstörungen sind überwiegend ein Indiz dafür, dass eine Freigabe der strategischen Ölreserven letztlich nur kurzfristig Ursachen verdeckt, ohne langfristig zu nutzen.

          Dies war auch die Erfahrung im Juni 2011, als die Vereinigten Staaten und andere IEA-Mitgliedsländer 60 Millionen Barrel (je 159 Liter) Rohöl aus ihren Reserven freigaben, nachdem der Bürgerkrieg in Libyen zu Lieferunterbrechungen geführt hatte. Die Ölpreise sanken nur für eine kurze Zeit.

          Mit Blick auf die Ausfälle, die durch den EU-Importstopp für iranisches Öl entstanden sind, hat Saudi-Arabien seine Lieferungen erheblich gesteigert und für einen Ausgleich gesorgt. Auch der Irak pumpt deutlich mehr Öl und hat zum ersten Mal seit 22 Jahren Iran als zweitwichtigsten Anbieter innerhalb der Opec abgelöst.

          „Die Option bleibt auf dem Tisch“

          Trotz des höheren Angebots schließt die amerikanische Regierung eine Freigabe von Teilen der strategischen Ölreserven nicht aus. Ein Regierungssprecher sagte, die Option bleibe auf dem Tisch. Amerika hatte nach dem Opec-Ölembargo in den frühen siebziger Jahren eine Ölreserve von 727 Millionen Barrel angelegt. Die Regierung hatte im März eine solche Freigabe erwogen, sie dann aber wegen sinkender Energiepreise zurückgestellt.

          Eine Freigabe von Teilen der Rohölreserven würde im Wahlkampf den Zorn der Republikaner auf sich ziehen. Gegen Ende der „Fahrsaison“ im Sommer ist der Preis für Normalbenzin zuletzt auf 3,80 Dollar je Gallone (knapp 80 Eurocent je Liter) gestiegen. Das sind 9 Prozent mehr als vor einem Monat oder 5 Prozent mehr als vor einem Jahr.

          Die Bundesregierung wiegelt bei dem Thema ab: Man will offensichtlich den Befürwortern einer Teilfreigabe der strategischen Ölreserven nicht Auftrieb geben. Man versteckt sich daher hinter der in Paris ansässigen IEA. „Uns ist kein Antrag der IEA bekannt“, heißt es in Berliner Regierungskreisen. „Vor dem Hintergrund beteiligen wir uns auch nicht an Spekulationen.“

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