https://www.faz.net/-gv6-7nk52

Devisenmarkt : Der Dollar als Versicherung

  • -Aktualisiert am

Mark Carney, Präsident der Bank of England. Die „Forward Guidance“ hält Höfert für gescheitert Bild: AFP

Andreas Höfert, Chefvolkswirt der UBS, lässt kein gutes Haar an der angelsächsischen Geldpolitik. Im Euroraum sorgt er sich um die Deflationsgefahr und den Ausgang der Europawahl. Und er verrät, worauf er im Zweifelsfall setzt.

          3 Min.

          Andreas Höfert gehört zu den scharfen Kritikern der amerikanischen Geldpolitik. Der in New York lebende Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS sieht die amerikanische Notenbank mehr denn je in Erklärungsnot. Ihre Prognosen zum Arbeitsmarkt, von denen die Fed den weiteren Ankauf von Anleihen („Tapering“) abhängig machen wollte, seien inzwischen übererfüllt. „Vor zwei Jahren hätte man bei derart guten Zahlen vom Arbeitsmarkt wie bisher in diesem Jahr die Leitzinsen erhöht, anstatt sich mit mehr oder weniger Tapering zu beschäftigen“, kritisiert Höfert. Die Fed habe ihre Prognosen nicht im Griff, ebenso wenig wie die Bank von England. Höfert spricht deshalb von einem „Fiasko der Forward Guidance“.

          Gleichwohl findet Höfert auch ein gutes Haar in der amerikanischen Geldpolitiksuppe: „Die Vereinigten Staaten gehen wenigstens nicht den falschen japanischen Weg.“ Indem die Fed die Geldmenge aufblähe, verhindere sie zumindest Deflation. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) werde ihre derzeit allzu gelassene Haltung zu den sinkenden Inflationsraten im Euroraum und dem starken Eurokurs noch aufgeben müssen, meint Höfert. Schon heute fielen 30 Prozent der Preise in Spanien. Auch die EZB liege mit Prognosen, in ihrem Fall zur Inflation, oft falsch. „Die Politiker fordern positive Leistungsbilanzen im Euroraum. Die Löhne fallen wegen der hohen Arbeitslosigkeit. Damit entsteht deflationärer Druck als Schattenseite der zurückgewonnenen Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Höfert.

          Seit dem vierten Quartal 2013 setzt Höfert verstärkt auf europäische Aktien von Unternehmen mit zyklischem Geschäft, weil die Konjunktur im Euroraum aus der Rezession gefunden hat und die Zinsen gerade in der Peripherie deutlich gesunken sind. „Aber wenn sich der deflationäre Druck konkretisiert, würde das Europa sehr schaden“, sagt Höfert. Er erwartet deshalb, dass die EZB bald zu einer lockeren Geldpolitik gezwungen sein wird. Zuvor könne der Euro von Kursen um 1,39 Dollar, die er noch zu Beginn dieser Woche aufwies, noch ein Stück nach oben „überschießen“. Dann aber werde die EZB die Deflationsgefahr zu bannen versuchen, die Fed dagegen werde mit Tapering voranschreiten. „Deshalb erwarten wir bald einen deutlich aufwertenden Dollar. Es kann gut sein, dass 1 Euro in sechs bis zwölf Monaten weniger als 1,30 Dollar kostet“, sagt Höfert. Neben dem Deflationsrisiko hat der UBS-Chefvolkswirt für den Euroraum noch ein weiteres großes Risiko auf dem Zettel: die Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai. Danach werde rund ein Viertel der Abgeordneten vermutlich von euroskeptischen Parteien gestellt.

          „Endlösung der Euro-Krise“ ist in Gefahr

          Die Euro-Krise sei noch nicht beendet. Portugal könnte zwar am Jahresende die Rückkehr an den Kapitalmarkt gelingen, wenn denn die Zinsen mit rund 5 Prozent so niedrig blieben wie derzeit, meint Höfert. Aber: „Es steht in diesem, spätestens im nächsten Jahr noch ein weiteres Rettungspaket für Griechenland an“, sagt Höfert und spricht von einem neuen Schuldenschnitt oder einem Länderfinanzausgleich im Euroraum wie zwischen den Bundesländern in Deutschland. „Wenn man auf die Währungskurse als Ventile für sich entladende volkswirtschaftliche Spannungen verzichtet und weiterhin auf einen europäischen Währungsverbund setzt, braucht man mehr gemeinsame Regeln“, sagt Höfert. Die Bankenunion sei daher ein enormer Fortschritt, die Vertrauen schaffe und die Kreditvergabe anrege. Nach bestandenem Stresstest sollten die Aktien von europäischen Banken dann attraktiv sein“, blickt Höfert voraus.

          Insgesamt aber überwiegt für Höfert das politische Risiko, dass die „Endlösung der Euro-Krise“ nach den Wahlen schwer wird. „Man müsste einen Strich unter die aufgelaufenen Schulden der Staaten ziehen und sie unter den Ländern ausgleichen – als Preis für einen gleichgewichtigeren Währungsverbund“, sagt er. „Und es müssten in der Währungsunion die Sozialgesetze harmonisiert werden, also zum Beispiel gleiches Renteneintrittsalter für allem im Euroraum.“

          Da Höfert zweifelt, dass sich die Politiker nach den Europawahlen in dieser Politik bestätigt sehen, sieht er die Risiken für den Euroraum wachsen: „Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn es ab Mai zu erhöhter Volatilität am europäischen Aktienmarkt kommt“, sagt Höfert. Anleihen mit ihren „renditelosen Risiken“ seien dann keine Alternative, und die Anleger in den Schwellenländer vermutlich auch noch zu nervös. „Ich würde dann amerikanische Aktien bevorzugen. Und den Dollar, der gerade in politisch unruhigeren Zeiten eine gute Versicherung ist“, sagt Höfert. Seinen Frieden mit der amerikanischen Geldpolitik hat er gleichwohl nicht gemacht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Reges Treiben in der Londoner U-Bahn

          Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

          Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.
          Auf dieses Bild werden die Frankfurter in diesem Jahr verzichten müssen: Der Weihnachtsmarkt am Römer (Archivbild von 2015)

          Höchststand an Neuinfektionen : Frankfurt sagt Weihnachtsmarkt ab

          Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist endgültig abgesagt. Das hat Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) nach einer Sondersitzung des Verwaltungsstabs am Samstag bestätigt. Zudem beschließt die Stadt weitere Einschränkungen.
          Ein Adelssitz im Zwielicht: die Burg Hohenzollern bei Hechingen in Baden-Württemberg

          Entschädigungsansprüche : Das Recht der Hohenzollern

          Der Ton in der Debatte wird schärfer: Im Streit um die Entschädigungsansprüche der Hohenzollern werden Politik und Verwaltung von Kammerjägern unter Druck gesetzt. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.