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Anleger bleiben ruhig : Die Aktienmärkte ignorieren Donald Trump

Wirbel an der New Yorker Börse: Der alte „geladene Bulle“ und das junge „furchtlose Mädchen“. Bild: AP

Die politische Unsicherheit ist gestiegen. Doch Anleger lassen sich davon kaum aus der Ruhe bringen. Unter Börsianern herrscht Rätselraten - aber ein Professoren-Duo hat eine Erklärung dafür.

          3 Min.

          Anleger an den Aktienmärkten haben derzeit die Ruhe weg. Weder der Terroranschlag in Manchester noch die jüngsten Kapriolen um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump machen Investoren nervös. Die Sorglosigkeit zeigt sich am historisch niedrigen Niveau der einschlägigen Volatilitätsindizes. Schwankungsbarometer wie der Vix für amerikanische Aktien oder der V-Dax-New für deutsche Titel bilden die erwarteten Kursausschläge an den jeweiligen Märkten ab und sind daher eine stark beachtete Messlatte für die Stimmung der Anleger.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Unter Börsianern herrscht ob dieser Entwicklung dennoch großes Rätselraten. Angesichts der generell hohen Bewertungen der Aktienkurse stellen sich vorsichtige Investoren die Frage, ob es zu Rückschlägen kommen wird und ob das Gros der Finanzmarktakteure möglicherweise schwelende Risiken übersieht.

          Angstindex springt an

          Präsident Trump hat in den ersten Monaten seiner Amtszeit jedenfalls reichlich für Kontroversen gesorgt. Bis jetzt hat sich das allerdings nicht nachhaltig negativ auf die Aktienkurse ausgewirkt. Zwar gab es zwischenzeitlich kräftige Rückschläge wie am Mittwoch der vergangenen Woche. Der Grund: die Wirren um Trumps mutmaßliche Einflussnahme auf Ermittlungen des FBI gegen Mitarbeiter seines Wahlkampfteams. An der Wall Street wurde befürchtet, dass Trump die republikanische Mehrheit im Kongress mit der Kontroverse lähmen könnte.

          Der Vix sprang an diesem Tag um mehr als 46 Prozent in die Höhe – von gut 10 auf ein Niveau von mehr als 15 Prozentpunkten. Am Donnerstag ging es zeitweise noch bis auf 16,30 weiter, anschließend fiel der Vix aber wieder auf aktuell knapp 11 Prozent. Der historische Durchschnittswert liegt bei knapp 20 Prozent. Das auch als Angstindex bezeichnete Marktbarometer bildet die Preise für Optionskontrakte ab, mit denen sich Investoren gegen Kursverluste wegen unerwarteter Schwankungen im amerikanischen Aktienindex S&P 500 absichern können.

          Auch in Deutschland reagieren Anleger auf politische Ereignisse. Im April war der V-Dax-New, das Volatilitätsmaß des Dax, auf das bisherige Jahreshoch von rund 23,50 geklettert. Als Auslöser galten vor allem die Sorgen über den Ausgang der Präsidentenwahlen in Frankreich und ein möglicher Sieg der Eurokritikerin und Populistin Marine Le Pen. Als sich diese Ängste allerdings als unbegründet erwiesen, fielen die Volatilitäten wieder. Aktuell sind es rund 13 Prozent für den V-Dax-New. Er gibt die von den Marktteilnehmern in den kommenden 30 Tagen erwartete Schwankungsbreite des Dax in annualisierter Form an.

          Die Lethargie der Anleger im Angesicht politischer Unwägbarkeiten ist ungewöhnlich. Denn nach Erkenntnissen der Wirtschaftsprofessoren Lubos Pastor und Pietro Veronesi von der University of Chicago gehen Phasen großer wirtschaftspolitischer Unsicherheit in der Regel mit hohen Schwankungen des Aktienmarktes einher. Als Messlatte für die wirtschaftliche Unsicherheit gilt der sogenannte Economic Policy Uncertainty Index (EPU), der große Zeitungen nach entsprechenden Schlagworten untersucht. Zudem gehen Daten zu temporären Steuerbestimmungen sowie die Spannbreite makroökonomischer Prognosen in den EPU-Index ein.

          Widersprüchliche Politik nur schwer zu deuten

          Das Barometer lag nach Angaben von Pastor und Veronesi in den ersten Monaten des Jahres weit über dem langfristigen Durchschnitt von 110 Punkten. „Das ist nicht überraschend angesichts der großen Unwägbarkeiten der zukünftigen Politik der neuen Regierung“, schreiben Pastor und Veronesi in einer aktuellen Studie. Ungewöhnlich ist allerdings der niedrige Stand des Vix, der sich in den vergangenen sechs Monaten meist in einer Spanne von 10 bis 14 Prozent bewegte.

          Nach Ansicht von Pastor und Veronesi sind die politischen Signale der Regierung Trump für Investoren nur schwer zu interpretieren. „Die Signale waren voller Wenden und Widersprüche“, schreiben sie. An einem Tag sei die Nato „obsolet“, am nächsten wieder nicht. China manipuliere einmal die Währung, dann wieder nicht. Einmal habe Trump einen Draht zum russischen Präsidenten Putin, dann wieder nicht. Das Gleiche gilt für die berufliche Zukunft der amerikanischen Notenbankchefin Janet Yellen. Dazu kommt der fragwürdige Wahrheitsgehalt von Aussagen des Weißen Hauses.

          Die Zeitung „The Washington Post“ hat in den ersten 100 Tagen von Trumps Amtszeit „492 falsche oder irreführende Behauptungen“ gezählt. Erst am vergangenen Donnerstag dementierte Finanzminister Steven Mnuchin die nur zwei Wochen vorher abermals von Trump ins Spiel gebrachte Idee einer Aufspaltung großer Banken. Die Aktienkurse der Banken reagierten darauf kaum mehr.

          Macht den Anlegern keine Angst: Präsident Trump. Bisher zeigt die Politik Trumps keine anhaltenden negativen Auswirkungen auf die Aktienkurse.

          „Die widersprüchliche Natur der politischen Signale im Jahr 2017 hat ihren Informationsgehalt vermindert“, schreiben Pastor und Veronesi. Marktteilnehmer hörten Politikern zwar weiter zu, aber sie schenkten ihnen weniger Aufmerksamkeit. Die Ökonomen gehen aber davon aus, dass diese Signale irgendwann wieder stärker werden. Das könne aus einer anderen Ecke kommen, zum Beispiel aus „dem Kongress“ – oder von einem anderen Präsidenten.

          Aufschwung scheint sich fortzusetzen

          Auch Christian Kahlert, Aktienstratege der DZ Bank, konstatiert die bemerkenswerte Sorglosigkeit der Investoren. Anhand der Höhe der erwarteten Volatilität könne man Rückschlüsse auf das Absicherungsbedürfnis der Investoren ziehen. Befänden sich die Aktienmärkte in einem intakten Trendmarkt, der sich über längere Zeit ohne größere Rücksetzer nach oben bewege, dann sinke tendenziell die Zahl der Anleger, die es für notwendig erachteten, sich gegen fallende Kurse abzusichern. Gewinne der Vergangenheit würden gedanklich einfach fortgeschrieben. Dabei sei es wahrscheinlich, dass dies nicht so eintreten werde.

          Dennoch gehen die Analysten der DZ Bank davon aus, dass sich der Aufschwung an der Börse noch einige Zeit fortsetzen werde. Wer sich aber absichern möchte, könne das in diesen Tagen so günstig tun wie selten zuvor, sagt Kahlert. Denn die niedrige Volatilität bedeute eben nicht nur eine geringe Nachfrage nach Absicherungen. Es heiße auch, dass der Preis dafür niedrig sei.

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