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Agrarrohstoffe : Reispreis auf kritischem Niveau

  • Aktualisiert am

Die Reisernten hinken der Nachfrage hinterher Bild: picture-alliance/ dpa

Seit 2005 steigt der Preis für Rohreis unaufhörlich. Mittlerweile hat er den höchsten Stand seit 1994 erreicht. Ob der Preisanstieg weitergehen wird, hängt aber nicht zuletzt von der Entwicklung der Welthandelsordnung ab.

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          Nach den dramatischen Preissteigerungen beim Nudel-Grundstoff Hartweizen, die sich zeitverzögert bei den Produzenten niederschlagen, rollen auch an anderer Stelle höhere preise auf die Verbraucher zu. Der Preis für Rohreis notiert an der Warenterminbörse von Chicago derzeit auf Rekordhöhe.

          Für den amerikanischen Zentner von 45,359237 Kilogramm werden aktuell 11,60 Dollar bezahlt, was 25,6 Cents für das Kilogramm entspricht. Das liegt nur wenig unter dem Höchststand von 11,75 Dollar je Zentner, der Ende September verzeichnet wurde. Seit dem Januar 1994, als der Zentner mit 12,73 Dollar bezahlt wurde, war Reis nicht mehr so teuer.

          Keine spekulative Spitze

          Seinerzeit sorgte vor allem der Bericht des World Watch Institutes für Auftrieb, in dem dieses zu dem Schluss kam, die Weltbevölkerung könne nicht mehr länger damit rechnen, von der Landwirtschaft ausreichend ernährt zu werden und die Wende im Wachstum der landwirtschaftlichen Erträge für das laufende Jahr prognostizierte. Ermüdungserscheinungen seien bei allen wichtigen Getreidesorten, vor allem aber bei Reis, sichtbar, hieß es.

          Bild: Bloomberg

          Indes hielt die Hausse nicht lange, im Jahr 2002 fiel der Preis sogar auf ein Rekordtief von 3,57 Dollar. Preisspitzen gab es bei dem Grundnahrungsmittel immer wieder, zuletzt 2004. Der aktuelle Preisanstieg ist indes weniger plötzlich vonstatten gegangen und eher mit der Hausse der Jahre 1995 und 1996 zu vergleichen, als sich der Preis von 6,54 Dollar auf 12,33 Dollar fast verdoppelte. Damals stieg der Preis annualisiert um rund 37 Prozent, während der spekulativen Spitzen 1993/94 und 2003/2004 waren es 765 bzw. 124 Prozent. In der nunmehr seit Juli 2005 währenden Hausse sind es bis zum Septemberhoch knapp 32 Prozent gewesen.

          Schwache Ernten und zuviel Biosprit

          Als Hintergrund für die Preissteigerungen nennt der Getreidenährmittelverband eine stärkere Nachfrage, Ernteeinbußen und höhere Kosten. Hinzu kommt die Verdrängung von Anbaufläche durch den Anbau von alternativen Energieträgern. Wie weit die Steigerung der Rohreis-Preise auf die Verkaufspreise im Laden durchschlägt, konnte der Verband indes nicht sagen. Der Endverbraucherpreis sei von zu vielen anderen Faktoren abhängig, so Verbandsgeschäftsführer Alexander Jess zur Nachrichtenagentur AP.

          Den Angaben zufolge stagniert die Weltreisproduktion - bei einem gleichzeitigen Bevölkerungswachstum von nahezu zwei Prozent. Der weltweite Reisverbrauch werde die Produktion um zirka fünf bis sechs Millionen Tonnen überschreiten, „das heißt, die weltweiten Reisbestände sinken deutlich, nämlich auf das niedrigste Niveau seit den 80er Jahren“.

          In der Europäischen Union erhöhte sich die Nachfrage dem Verband zufolge um weitere 100.000 Tonnen durch den Beitritt Rumäniens und Bulgariens. Beim Basmati-Reis seien die Märkte durch die schlechten Ernten im zweitgrößten Produzentenland Indien und der Nummer zwölf, Pakistan und Bevorratungskäufe durch den Iran wie leergefegt. „Die Preise für die neue Basmati-Ernte haben sich quasi verdoppelt.“ Um die Ernährung der einheimischen Bevölkerung sicherzustellen, habe die indische Regierung den Export der preisgünstigeren, langkörnigen Reissorten verboten.

          Löwenanteil der Weltproduktion wird nicht gehandelt

          Dementgegen steht die Tatsache, dass der drittgrößte Produzent Indonesien die Prognose für die Produktion von hüllenlosem Reis zum zweiten Mal in diesem Jahr anhob. Allerdings wird in Indonesien weniger als zehn Prozent der Weltproduktion angebaut, während der indische Reisanbau für etwa 20 Prozent steht. Größter Produzent ist mit rund 30 Prozent China, so dass Indien und China über die Weltproduktion entscheiden.

          Längerfristig aber könnte sich der Markt entscheidend wandeln und hier sind die Konsequenzen noch nicht ganz absehbar. Derzeit schützen zahlreiche Entwicklungsländer ihre Reisbauern durch hohe Zölle, so dass nur 6,5 Prozent der globalen Reisproduktion überhaupt auf dem Weltmarkt gehandelt werden.

          Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank übten Druck auf die Regierungen aus, die Zölle auf Reis zu senken oder zumindest nicht anzuheben. Die Menschenrechtsorganisation FIAN und „Brot für die Welt“ sehen aber Druck von Seiten des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, die Märkte zu öffnen.

          Europäisches und amerikanisches Dumping verzerrt die Preise

          Dies drücke die inländischen Reispreise, weil Reisexporteure wie die Vereinigten Staaten durch Subventionen, Exportkredite und den Missbrauch von Nahrungsmittelhilfe Dumpingpraktiken betrieben. Nach Angaben der Organisation Oxfam beträgt das Dumping bei Reis in der EU 26 Prozent, wobei die Europäer vor allem Rundkornreis exportieren.

          Nimmt man die Entwicklung in Ghana als Muster, so dürfte der Reispreis längerfristig auf höherem Niveau bleiben oder steigen. Der Abbau von Handelsschranken ließ in dem afrikanischen Land die Nachfrage stark steigen, doch gleichzeitig sank aufgrund der billigen Importe die inländische Reisanbaufläche. Sollte es aber zu einem gleichwertigen Abbau von Handelshemmnissen kommen, so dass das Weltmarktdumping entfällt, könnte der Reispreis über ein steigendes Angebot längerfristig wieder sinken.

          Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Andererseits hat der Reispreis derzeit kritische Kursmarken erreicht. Sollte er keine neuen historischen Höchststände erreichen, könnte dies eine Trendwende im Future-Handel bewirken.

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