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Agrarrohstoffe : Kein Ende der Zucker-Baisse in Sicht

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Kein knappes Gut: Zuckerrohr Bild: picture-alliance/ dpa

Zucker wird knapp, der Preis muß steigen, heißt es immer wieder. Falsch, zeigen neue Statistiken. Vielmehr zeichnen sich Produktionsüberschüsse ab. Der Zuckerpreis fällt und fällt. Auch die Bioethanolphantasie hilft nicht weiter.

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          Am Weltmarkt für Rohzucker herrscht seit Anfang Juli eine Baisse, deren Ausmaße sich die meisten Experten noch vor einigen Monaten nicht hätten vorstellen können. Obgleich beim Handel mit dem sogenannten Weltkontrakt in New York trotz des Preisrückgangs noch immer keine Anzeichen für eine Stabilisierung zu erkennen sind, halten viele Analysten die Baisse für übertrieben und den Markt damit zumindest reif für eine ausgedehntere Erholung.

          Immerhin sind die Notierungen in knapp zwei Monaten in der Spitze um fast 30 Prozent gesunken, ohne daß eine nennenswerte Korrektur nach oben stattgefunden hätte. Gegenüber dem Ende Februar verzeichneten langjährigen Hoch von knapp 20 Cent je Pound ergibt sich sogar ein Minus um rund 40 Prozent.

          Viele Kaufengagements in spekulativen Händen

          Einem Aufschwung könnte nach Meinung von Händlern in den kommenden Wochen aber die Ende September fällige Liquidation des Oktober-Kontrakts in New York entgegenstehen. Die Zahl der offenen Positionen in diesem Termin sei mit zuletzt rund 215.000 Losen (Kontrakten) extrem hoch, heißt es. Ähnliches gelte für den in London gehandelten Weißzucker-Kontrakt. Es wird vermutet, daß sich ein beachtlicher Teil der offenen Kaufengagements an beiden Terminbörsen in spekulativen Händen befindet und daher anfällig sei für weitere Liquidationen.

          Technische Analysten weisen dagegen darauf hin, daß die Netto-Kaufpositionen der spekulativen Fonds an den gesamten offenen Engagements in New York nach der jüngsten offiziellen Statistik zuletzt nur noch 6 Prozent ausgemacht hätten, verglichen zu 43 Prozent auf dem Gipfel der Zuckerhausse, der sich vom späten Winter bis weit ins Frühjahr hinein erstreckte. Sie halten es für möglich, daß bei der Liquidation besonders des New Yorker Oktober-Kontrakts nicht die Inhaber von Kaufengagements, sondern die Inhaber von Baissepositionen in Schwierigkeiten geraten und zu massiven, den Preis nach oben treibenden Eindeckungen gezwungen sein könnten.

          Kein Defizit, sondern ein Überschuß

          Die Preisentwicklung am Weltmarkt für Zucker hatte längere Zeit Rätsel aufgegeben. Sie war zunächst mangels zuverlässiger Erkenntnisse über die statistische Lage in der laufenden Saison 2005/06 (Oktober/September) mit technischen Einflüssen begründet worden. Inzwischen herrscht aber sehr viel mehr Klarheit über die fundamentalen Verhältnisse. Es gilt weithin als sicher, daß im laufenden Rechnungsjahr entgegen früheren Erwartungen kein Produktionsdefizit von bis zu 5 Millionen Tonnen, sondern ein ansehnlicher Überschuß entsteht.

          Das deutsche Statistik-Haus F.O. Licht hat im Juli die Weltproduktion von Rohzucker in der laufenden Saison auf 149,02 Millionen Tonnen geschätzt. 2004/05 wurden 142,1 Millionen Tonnen erzeugt. Der Verbrauch soll hingegen nur von 144,08 auf 145,66 Millionen Tonnen zunehmen. In Marktkreisen kursieren Prognosen, nach denen 2006/07 ein weiterer Überschuß von gut 3 Millionen Tonnen erwartet werden kann. So nennt das Handelshaus C. Czarnikow eine Menge von 3,1 Millionen Tonnen, während J. Kingsman sogar von 3,3 Millionen Tonnen spricht. Als Gründe werden eine höhere Produktion vor allem in China, Indien und Thailand genannt.

          Erzeugung in Brasilien steigt sprunghaft an

          Auf jeden Fall gehen die Experten davon aus, daß bereits Ende 2005/06 ein im Verhältnis zum geschätzten Verbrauch komfortabel hoher Weltvorrat vorhanden sein wird, der sich 2006/07 sogar als drückend erweisen könnte. Dies scheint der Markt mit der laufenden Baisse jetzt schon vorwegzunehmen.

          Als beachtenswert gilt, daß der gezielt eingeleitete Produktionsrückgang in der Europäischen Union, dem bislang bedeutendsten Weißzucker-Exporteur, von einer sprunghaft steigenden Erzeugung in Brasilien und anderen Ländern mehr als aufgewogen wird. Um den Zuckermarkt in ein Gleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch zu bringen und die Preise wenigstens zu stabilisieren, müßten die Erzeuger von Zuckerrohr ihre zuletzt stark ausgeweitete Anbaufläche wieder verringern, heißt es weithin.

          Angebot reicht für Ethanolproduktion mehr als aus

          Mit deutlich gesunkenen Zuckerpreisen ist auch das Argument der Haussiers verstummt, bei diesem Rohstoff drohe eine akute Knappheit, weil immer größere Teile der Zuckerrohrproduktion zur Herstellung von Ethanol als Treibstoff oder Treibstoffzusatz für Fahrzeuge verwendet werde. Die Erzeugung von Ethanol wächst zwar weiterhin kräftig, doch zeigt sich, daß das Angebot an Zuckerrohr mehr als ausreicht, um den laufenden Bedarf wenigstens in überschaubarer Zukunft zu decken.

          Überdies nimmt die Gewinnung von Ethanol aus anderen Agrarprodukten, darunter besonders Mais, spürbar zu. Nicht zuletzt aber bleibt wenigstens für den Augenblick zu beachten, daß sich die Benzinpreise deutlich auf dem Rückzug befinden. In New York sind sie binnen vier Wochen bis zu einem Viertel gesunken. Auch dies wirkt nicht gerade stabilisierend auf die Zuckerpreise, da der Anreiz zur Herstellung von Ethanol schwindet und mehr Zuckerrohr zur Verarbeitung in Zucker angeboten wird.

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