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Agrarrohstoffe : Getreidepreise schwanken heftig

  • Aktualisiert am

Winterweizen vor Sommerhimmel Bild: picture-alliance/ dpa

Hedge-Fonds mischen seit Monaten massiv an den Getreidemärkten mit. Sie wetten bei Winterweizen auf einen saisonal bedingten Preisanstieg. Bei Mais erwarten Experten eine akute Knappheit. Das spricht für steigende Preise.

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          Das Wetter und die Agrarmärkte in Chicago haben eine Gemeinsamkeit: Es geht heiß her. Gegenwärtig fallen die Preise für Nahrungs- und Futtergetreide wieder einmal deutlich, doch ist dies gewiß nicht das letzte Wort für diesen Sommer. Die Wetterentwicklung wird in den kommenden Wochen in allen bedeutenden Erzeugerländern wesentlichen Einfluß auf die Erträge der Sommerernten 2006/07 nehmen. Zudem beginnen die Erzeuger in den Produzentenländern auf der südlichen Halbkugel mit dem Anbau ihrer neuen Ernten, und dies in Argentinien und in Australien bisher unter wenig verheißungsvollen Bedingungen.

          Schließlich sind da noch die Hedge-Fonds, die seit Monaten massiv an den Getreidemärkten mitmischen und bei Weizen in Kansas City zuletzt über Netto-Kaufpositionen verfügten, die in ihrer Höhe an die Grenze des für den Markt noch Tragbaren reichten. Der jüngste Preisverfall läßt zwar stark vermuten, daß diese Engagements spürbar verringert wurden, doch die Fonds werden nach Ansicht von Händlern über kurz oder lang wieder kaufen. Sie wissen, daß bei dem in Kansas City gehandelten Winterweizen die Zeit reif ist für einen saisonal bedingten Preisanstieg und Chicagoer Weizen bald danach folgen dürfte.

          Analysten: Verkäufe der Fonds überdecken alles

          Bei Futtergetreide, insbesondere bei Mais, liegen die Verhältnisse anders: Der Großteil der neuen amerikanischen Ernte hat die besonders kritische Bestäubungsphase gerade hinter sich gebracht. Die Berichte darüber, wie stark die wochenlange Hitze und Trockenheit den Pflanzen in Teilen des Maisgürtels im Mittelwesten (Corn Belt) zugesetzt haben, gehen weit auseinander.

          Bild: Thechartstore.com

          Ein Blick auf die Preisentwicklung dieses bedeutendsten Futter- oder Rauhgetreides könnte vermuten lassen, daß das widrige Wetter keine nennenswerten Spuren hinterlassen hat. Doch einige Analysten erklären, die zweifellos entstandenen Schäden könnten sich nicht angemessen im Preis ausdrücken, weil die massiven Verkäufe der Fonds derzeit alles überdeckten. Üblicherweise geraten die Maisnotierungen nach einer gelungenen Bestäubungsphase unter Druck, der meist so lange dauert, bis ein Großteil der Ernte unter zufriedenstellenden Bedingungen eingebracht ist. Darüber kann es Oktober oder November werden.

          Produktionsdefizit bei Mais absehbar

          Fachleute halten es jedoch für unwahrscheinlich, daß Mais in diesem Jahr den vorgezeichneten Verhaltensmustern folgt. Dafür werde das Getreide 2006/07 (Oktober/September) weltweit zu knapp, heißt es. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) hat in der vergangenen Woche seinen neuen Monatsbericht vorgelegt und darin die Weltproduktion von Futtergetreide in der neuen Saison auf 970,22 Millionen Tonnen geschätzt. 2005/06 sollen 972,79 Millionen Tonnen erzeugt worden sein.

          Der Verbrauch dürfte jedoch von 982,93 Millionen Tonnen auf den Rekord von gut 1,009 Milliarden Tonnen steigen. Dies bedeutet ein weiteres Produktionsdefizit, so daß das Ministerium 2006/07 einen Rückgang des Weltvorrats an Futtergetreide von 167,92 Millionen Tonnen auf 128,68 Millionen Tonnen ankündigt. Damit wird nach allen gängigen Maßstäben ein kritischer Punkt für die Versorgung erreicht.

          Äthanolherstellung nimmt explosionsartig zu

          Von der Gesamtproduktion an Futtergetreide entfallen 2006/07 nach Darstellung des USDA 686,75 Millionen Tonnen auf Mais. 2005/06 sollen es 691,74 Millionen Tonnen gewesen sein. Hier wird eine Zunahme des Weltverbrauchs von 695,11 Millionen Tonnen auf 722,62 Millionen Tonnen vorausgesagt. 2006/07 soll der Bestand von 127,08 Millionen Tonnen auf 91,22 Millionen Tonnen schrumpfen. Dies spricht nach dem Urteil von Fachleuten nicht nur für latente Versorgungsschwierigkeiten, sondern für eine heraufziehende Knappheit.

          Die amerikanische Maisernte soll gegenüber der laufenden Saison von 282,26 Millionen Tonnen auf 272,81 Millionen Tonnen sinken. Der Vorrat dort dürfte sich 2006/07 fast halbieren, denn er schwindet nach den Berechnungen des USDA von 52,37 Millionen Tonnen auf 27,35 Millionen Tonnen. So eng war es bei Mais in Amerika selten zuvor, und es könnte noch enger werden. Der Bedarf zur Herstellung von Äthanol als Treibstoff oder Treibstoffzusatz nimmt nämlich explosionsartig zu. Das Ministerium hat ihn bisher notorisch unterschätzt, und es besteht der Verdacht, daß sich dies in den statistischen Ansätzen für den Verbrauch 2006/07 jetzt wiederholt hat.

          Experten: Mais muß teurer werden

          Unter längerfristigen Aspekten wird inzwischen mehr und mehr die Frage diskutiert, ob besonders im amerikanischen Mittelwesten für die Saison 2007/08 überhaupt ausreichend Anbaufläche bereitgestellt werden kann, um den offenkundig wachsenden Bedarf zu decken, wieder Überschüsse zu erzeugen und somit die Vorräte auf ein komfortables Niveau aufzustocken. Skeptiker bezweifeln dies und erklären, dies wäre nur möglich, wenn die Fläche für Sojabohnen spürbar verringert würde.

          Das gleiche Thema wird mit Blick auf China, den mit 138 Millionen Tonnen zweitgrößten Maisproduzenten, diskutiert. Dieses Land verbraucht seit Jahren mit einer Ausnahme mehr Mais, als dort erzeugt werden kann. Dennoch tritt China noch immer als Nettoexporteur auf und macht amerikanischen Anbietern im asiatischen Raum Konkurrenz. Fachleute erwarten, daß China wegen seiner beständig schrumpfenden Vorräte bald zum Nettoimporteur wird und daß dies gravierende Folgen auf der Nachfrageseite zeitigt, weil die Welt dann fast völlig von amerikanischem Mais abhängig würde.

          Amerika führt 2006/07 nach der Prognose des USDA 54,61 Millionen Tonnen Mais aus. An zweiter Stelle folgt mit weitem Abstand Argentinien mit 11,5 Millionen Tonnen und an dritter Stelle China mit nur 4 Millionen Tonnen. Aus der Gesamtkonstellation schließen Experten, daß Mais wesentlich teurer werden muß, um die Nachfrage zu dämpfen und zugleich Anreize zu stark zunehmender Produktion zu geben.

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