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40 Jahre Ölkrise : Die Angst ist geblieben

Wanderfreude 1973: An vier Sonntagen gehörten die Autobahnen den Spaziergängern. Bild: dpa

Vor 40 Jahren setzte ein Lieferstopp der arabischen Ölförderer die Industrieländer unter Schock. Seitdem hat sich die Welt des Öls grundlegend gewandelt. Doch auch heute könnte der Konflikt im Nahen Osten die Energieversorgung gefährden.

          Wenn Syrien im Bürgerkrieg versinkt, Libyen kaum noch Öl exportiert oder Teheran die Öllieferungen an einige EU-Länder einstellt, reagiert der Ölpreis sofort: Er schnellt reflexartig nach oben. Dabei scheint es fast gleichgültig zu sein, dass Syriens Rolle auf dem Ölmarkt nur unbedeutend ist oder Teheran mit seinem Lieferstopp nur einem Embargo der anderen Seite zuvorkommen will.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist kein echter Energiemangel, der die Preise nach oben treibt, alleine die Angst vor einer Knappheit führt zu diesen Ausschlägen. 1973 wurde die Basis für diesen Marktmechanismus gelegt. Die erste Ölkrise, die in diesem Oktober genau 40 Jahre zurückliegt, machte dem Westen schlagartig bewusst, dass die Staaten, die über Bodenschätze verfügen, diese auch als Waffe verwenden können. Diese Erkenntnis schürte Ängste und rief Bedrohungsgefühle hervor - dabei war die Ölversorgung in Deutschland oder Europa in keinem Augenblick gefährdet. Doch die leeren Autobahnen führten der Bevölkerung vor Augen, wie verletzlich die modernen Industriegesellschaften sind und letztlich auch ihr Wohlstand.

          Verlassen: Die leeren Straßen haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt.

          Der ersten Ölkrise waren zwei Jahrzehnte starken Wirtschaftswachstums vorangegangen, die einen sprunghaften Anstieg des Energieverbrauchs mit sich brachten. Das Treibmittel des Wachstums hieß Öl - anders als heute wurde es damals auch in Deutschland noch in Kraftwerken zur Stromerzeugung verfeuert; mehr Menschen als heute heizten ihre Wohnungen damit. Mehr als 50 Prozent des deutschen Rohöls stammten aus Ländern, die sich 1960 in der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) zusammengeschlossen hatten und somit vor allem aus dem Nahen Osten.

          Die „erste Ölkrise“ bestand eigentlich aus zwei Ereignissen, die parallel verliefen: Um die arabische Seite im Yom-Kippur-Krieg gegen Israel zu unterstützen, verhängte die arabischen Mitgliedsstaaten der Opec ein Embargo gegen die Vereinigten Staaten und die Niederlande; auch die übrigen Industrieländer erhielten weniger Öl vom Arabischen Golf. Gleichzeitig kündigte die Opec die Verhandlungen mit multinationalen Konzernen wie Exxon, Shell oder BP, in denen der Preis bis dahin festgelegt wurde, einseitig auf. Kostete ein Barrel (159 Liter) Rohöl 1973 noch 3 Dollar, hatte sich der Preis als Folge innerhalb eines Jahres vervierfacht.

          Inflationsbereinigte Entwicklung des Ölpreises seit 1963

          Vor allem die Bilder aus dieser Zeit haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Die Autobahnen wurden an vier Sonntagen in Folge von Spaziergängern anstatt von Autos bevölkert. Um Energie zu sparen, waren Fahrverbote verhängt worden. Die Beleuchtung öffentlicher Straßen und Plätze wurde aus dem gleichen Grund eingeschränkt. An einigen Tankstellen kündigten Schilder davon, dass Benzin ausverkauft sei.

          „Ende 1973 und hinübergreifend ins Jahr 1974 hat ein Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte stattgefunden. Nichts wird wieder ganz so sein, wie es vorher war“, sagte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). Er sollte recht behalten - aber wohl auf eine andere Art, als er damals vermutete. Die Krise endete Weihnachten 1973, als die Opec eine weitgehende Aufhebung der Lieferbeschränkungen beschloss. In der Realität hatte sich die Ölwaffe als stumpf erwiesen: Das Embargo wurde umgegangen, indem Opec-Öllieferungen an Länder, die nicht von den Beschränkungen betroffen waren, einfach an die Vereinigten Staaten weiterverkauft wurden. Knapp war der Rohstoff zu keinem Zeitpunkt.

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