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Deutschlands Target-Saldo : Forderungen gegen Eurosystem steigen weiter

Ganz schön viel Geld Bild: dpa

Auch oberhalb der Billionen-Grenze schreitet der Anstieg der deutschen Forderungen gegen die Europäische Zentralbank voran. Was steckt hinter diesen gewaltigen Zahlen? Die EZB präsentiert mehrere Gründe dafür.

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          Deutschlands Target-Saldo ist bis Ende August bis auf 1,056 Billionen Euro gestiegen. Das hat die Deutsche Bundesbank am Montag mitgeteilt. Die Forderungen  der Deutschen Bundesbank aus der europäischen Zahlungsverkehrssystem „Target 2“ gegen die Europäische Zentralbank (EZB) haben damit gegenüber dem Juli noch einmal um rund 37 Milliarden Euro zugelegt. Im Juli hatte dieser Wert, um dessen Deutung es unter Ökonomen immer viel Streit gibt, erstmals die Marke von einer Billion Euro überschritten. Die EZB und die Deutsche Bundesbank hatten vor allem die Anleihekäufe des Eurosystems im Zuge des 1,35 Billionen Euro schweren Pandemieprogramms PEPP für die Spreizung der Target-Salden verantwortlich gemacht. Die Bundesbank hatte daneben weitere Ursachen für möglich gehalten.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unter anderem die Frage, ob hinter dem Anstieg des deutschen Target-Saldos zu erheblichem Teil auch eine Form von Kapitalflucht aus südeuropäische Länder in den Norden steckt, ist umstritten. Der Osnabrücker Ökonom Frank Westermann beispielsweise, der einen sehr weiten Begriff von Kapitalflucht pflegt, sieht in solchen Bewegungen den entscheidenden Grund für den Anstieg der Target-Salden. „Investoren wollen sich in der Corona-Krise von riskanten Wertpapieren in Südeuropa trennen und lieber sichere Vermögenstitel in Deutschland erwerben“, sagte Westermann der F.A.Z. „Sie tun das, indem sie die unsicheren Papiere bei ihren nationalen Notenbanken im Eurosystem als Sicherheiten hinterlegen und dafür Kredite bekommen, mit denen sie beispielsweise in Deutschland sichere Vermögenstitel erwerben können.“ Diese grenzüberschreitenden Transaktionen zögen entsprechende Bewegungen der Target-Salden nach sich: „Der deutsche Saldo steigt, die südeuropäischen werden stärker negativ.“

          Parallel mit der Spreizung der Target-Salden sei auch die Summe der Refinanzierungskredite der Notenbanken in Europa gestiegen, sagt Westermann. Das seien die Kredite, die das Eurosystem über die einzelnen nationalen Notenbanken in ihren Ländern gegen Sicherheiten vergebt. Die Summe dieser Kredite sei in der Corona-Krise deutlich angestiegen. Das seien also Kredite, die zum Teil gegen risikobehaftete Sicherheiten vergeben wurden, die private Investoren loswerden wollten.

          Die Erklärung der EZB

          Die EZB hatte auf ihrer Internetseite zuletzt die Einschätzung vertreten, der Anstieg der Target-Salden müsse einen nicht beunruhigen, da er eine logische Folge der aktuellen Geldpolitik sei. Die Notenbank hatte den Anstieg so erklärt: Target 2 sei ein System, das Geld von einer Bank zu einer anderen bewegt, und zwar sowohl innerhalb von Ländern als auch grenzüberschreitend. Zentral- und Geschäftsbanken nutzen es, um Zahlungen in Euro abzuwickeln. Der Netto-Geldfluss zwischen zwei Ländern wird im Saldo der nationalen Notenbank verzeichnet. Um zu vermeiden, dass nun jede einzelne Notenbank des Eurosystems mit jeder anderen einen eigenen Saldo aufbaut, werden alle bilateralen Salden am Ende eines Tages zu einem einzigen gegenüber der EZB zusammengefasst.

          Wenn Banken in einem Land mehr Geld gesendet als empfangen haben, hat die nationale Zentralbank einen negativen Saldo. Hat sie mehr Geld empfangen als gesendet, hat sie einen positiven Saldo. Für solche grenzüberschreitenden Geldbewegungen nennt die EZB drei Gründe: um für Waren, Dienstleistungen oder Finanzanlagen zu zahlen; wenn Banken sich Geld leihen; oder auch die Geldpolitik, wenn Banken von den Notenbanken Kredite gegen Sicherheiten bekommen.

          Die EZB beschreibt nun unterschiedliche Möglichkeiten, warum die Salden auseinandergehen können. In der Finanzkrise hätten sich die Banken untereinander nicht mehr getraut. Notenbanken seien eingesprungen. „Zwischen 2008 und 2012 wuchsen die Targetsalden wegen der großen Menge Geld, das geschaffen wurde und die Grenzen überquerte“, schreibt die Notenbank.

          Der Grund für den neuerlichen Anstieg seit 2015 sei ein anderer. Dahinter steckten die geldpolitischen Anleihekäufe. Gekauft würden dabei Anleihen von den jeweiligen nationalen Notenbanken: Die spanische Notenbank etwa kaufe spanische Staatsanleihen. Verkäufer aber seien häufig internationale Investoren, die ihre Konten an wichtigen Finanzplätzen hielten, etwa in Frankfurt. Deshalb sorge ein Anleihekauf für Bewegungen im Targetsystem – im Beispiel positiv in Deutschland, negativ in Spanien.

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