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Kapitalmarkt : Deutschland, ein Entwicklungsland

New York lockt: Ein überlebensgroßer CureVac-Chef wirbt für den Börsengang des Unternehmens 2020. Bild: AP

Erfolgreiche deutsche Wachstumsunternehmen wie BioNTech zieht es bisher an die Börse nach Amerika. Das hat gute Gründe.

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          Die Corona-Pandemie hat Biotechunternehmen und vor allem ihren Impfstoffforschungen von einem Moment auf den nächsten viel Aufmerksamkeit beschert. Zuvor fristeten viele dieser Gesellschaften in der öffentlichen Wahrnehmung und unter deutschen Investoren eher ein Schattendasein. Spätestens aber als CureVac im August 2020 für den Börsengang die amerikanische Technologiebörse Nasdaq wählte und BioNTech damit ein knappes Jahr später nachfolgte, war das Aufsehen groß und Kritik darüber zu vernehmen, dass ein mit deutschen Staatsgeldern gefördertes Unternehmen nicht an die Heimatbörse gegangen sei.

          Kerstin Papon
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch ein Börsengang ist keine Frage des Nationalstolzes. Vielmehr geht es darum, Kapital zu mobilisieren, um den nächsten Wachstumsschritt zu schaffen und die besten Rahmen- und Finanzierungsbedingungen wahrzunehmen. Dies sagt das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Die Entscheidung deutscher Biotechnologie-Gesellschaften für amerikanische Börsen sei letztlich ein Armutszeugnis für den Finanzierungsstandort Deutschland.

          „Deutschland ist mit Blick auf die Finanzierung junger Wachstumsunternehmen ein Entwicklungsland“, sagte Christine Bortenlänger, Vorständin des Deutschen Aktieninstituts, am Mittwoch in Frankfurt. Vor allem Unternehmen mit spezialisiertem Geschäftsmodell und hohem Finanzierungsbedarf seien auf ausländische Investoren angewiesen. Wenn innovative Wachstumswerte in Deutschland gehalten werden sollen, müsse die Politik nun energisch gegensteuern. Ein leistungsfähiges Ökosystem Kapitalmarkt entstehe nicht über Nacht.

          Christof Hettich, Partner der Wirtschaftskanzlei Ritterhaus, fordert bessere rechtliche Rahmenbedingungen, damit sich innovative Unternehmen Wachstumskapital auch mit einem Börsengang am deutschen Aktienmarkt besorgen könnten. So sollte etwa das Aktienrecht geöffnet werden, damit Gesellschaften vom eingeschränkten Ausschluss des Bezugsrechts oder dem Verbot des Mehrfachstimmrechts abweichen könnten.

          Das Aktieninstitut ist gemeinsam mit der Kanzlei Ritterhaus der Frage nachgegangen, warum sich so viele deutsche Biotechnologie- und andere Wachstumsunternehmen für einen Börsengang in Amerika entscheiden und sich das für Forschung und Entwicklung ihrer Produkte notwendige Geld nicht in Deutschland besorgen. Damit haben sie auch nach Gründen gesucht, warum Deutschland im Vergleich zu anderen wichtigen Industrienationen so wenig Börsengänge von Wachstumsunternehmen aufweist und was dies für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet. Hierfür wurden unter anderem Gespräche geführt mit Vertretern junger Wachstumsunternehmen mit einer Börsennotiz im Ausland und Kapitalmarktexperten. Befragt wurden etwa BioNTech, Biofrontera, CureVac, Delivery Hero, Software AG und Trivago.

          Laut dieser Analyse gibt es in Deutschland zu wenige finanzstarke Kapitalgeber, die das Wachstumspotential von Börsenkandidaten etwa aus dem Biotechnologiebereich einschätzen können. Zudem konzentrierten sich Emissionsbanken und Analysten meist auf größere Unternehmen, da sich bei kleineren Börsengängen der Aufwand nicht lohne. Auch mehr Chancenkultur sei nötig, denn nicht jede gute Idee wird ein Erfolg.

          Laut der Studie wäre ein ganzes Paket von Maßnahmen sinnvoll, um Wachstumsunternehmen aus kapitalintensiven Zukunftsbranchen den Zugang zu ausreichend Kapital zu erleichtern und den deutschen Kapitalmarkt überdies zu stärken. Eine Empfehlung zielt auf die Altersvorsorge und ein Ansparverfahren mit Aktien auch in Deutschland ab. Andere Länder, wie Schweden oder Amerika, zeigten, dass Menschen im Alter davon profitierten und finanzstarke Pensionsfonds in diesen Ländern zudem dafür sorgten, dass die Entwicklung von Wachstumsunternehmen und Börsengängen einen nachhaltigen Schub erhalte, heißt es.

          Um Aktien für die Altersvorsorge und den Vermögensaufbau noch attraktiver zu machen, müssten auch steuerliche Rahmenbedingungen verbessert werden. Wichtig sei etwa die Wiedereinführung der Steuerfreiheit von Veräußerungsgewinnen für Aktien nach einem Jahr, wie sie für Bitcoin und Gold gelte. Dringender Reformbedarf besteht demnach auch im deutschen Aktienrecht, das nicht auf die Bedürfnisse von Wachstumsunternehmen zugeschnitten sei. So flüchten viele deutsche Unternehmen etwa ins niederländische Recht, das mehr Flexibilität für den Bezugsrechtsausschluss und die Höhe des genehmigten Kapitals biete. Zudem sei es angesichts der vielen Kapitalmarktpflichten, die ein Gang an die Börse mit sich bringe, angemessen, jungen Wachstumsunternehmen wie in Amerika eine mehrjährige Eingewöhnungsphase zu gewähren, in der sie zunächst nur einen Teil der Pflichten erfüllen müssten.

          Über den Börsenerfolg von BioNTech und Co. könnten sich Anleger bisher jedenfalls freuen. Nach einem Ausgabepreis von 14,95 Dollar im Oktober 2019 kosten die BioNTech-Aktien aktuell rund 208 Dollar. Selbst CureVac liegen mit etwa 55 Dollar deutlich über dem Ausgabepreis von 16 Dollar je Aktie, obwohl die Studien zum Erfolg des Impfstoffs enttäuscht haben.

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