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EZB : Deutscher Targetsaldo steigt auf 1,081 Billionen Euro

Zentrale der EZB in Frankfurt: Der deutsche Target-Saldo beschreibt Forderungen der Bundesbank gegen die EZB aus dem europäischen Zahlungsverkehrssystem Target 2. Bild: dpa

Zuletzt sanken die Forderungen der Bundesbank gegen die Europäische Zentralbank, nun ist der Saldo aus dem Zahlungsverkehrssystem Target 2 wieder gestiegen. Er verharrt über der Billionengrenze.

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          Der deutsche Target-Saldo ist im März um rund 37 Milliarden Euro auf 1,081 Billionen Euro gestiegen. Das hat die Deutsche Bundesbank am Mittwoch mitgeteilt. Hinter dieser gewaltigen Zahl verbergen sich Forderungen der Bundesbank aus dem europäischen Zahlungsverkehrssystem Target 2 gegen die Europäische Zentralbank (EZB). Über dieses System wird unter anderem der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr zwischen Banken und Notenbanken in der Eurozone abgewickelt, am Ende jedes Tages werden die unterschiedlichen Zahlungsströme für jedes Land zu einem Saldo aufgerechnet. Die Salden verraten deshalb etwas über die Geldströme in Europa.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der Corona-Pandemie hat der deutsche Saldo neue Höhen erreicht, nachdem es zwischenzeitlich um ihn etwas ruhiger gewesen war. Auf den bislang höchsten Stand kam er im Dezember 2020 mit 1,136 Billionen Euro. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres war der Saldo leicht rückläufig. Jetzt aber ist er wieder gestiegen. Ein wichtiger Grund, warum der Saldo in der Krise tendenziell zunimmt, sind die Anleihekäufe der Notenbanken des Eurosystems. Bei diesen Anleihekäufen entfallen die Käufer und Verkäufer von Anleihen oftmals auf unterschiedliche Länder. Wenn beispielsweise eine spanische Staatsanleihe von der spanischen Notenbank angekauft wird, aber der Verkäufer ein internationaler Investor mit einem Konto in Frankfurt ist, führt das zu einem Geldstrom, der den Target-Saldo beeinflusst - in diesem Beispiel positiv für Deutschland, negativ für Spanien.

          Für den leichten Rückgang des Targetsaldos im Januar und Februar machte die Bundesbank vor allem Stichtagseffekte verantwortlich sowie übliche saisonale Schwankungen: "Auch in den vergangenen beiden Jahren war der Targetsaldo im Januar und Februar geringer als im Dezember und März."

          Der Osnabrücker Ökonom Frank Westermann hebt aber noch ein anderes Phänomen hervor, das in der Pandemie die Targetsalden ebenfalls beeinflusse: Kapitalflucht, in einem weiteren Sinne. Investoren wollten sich in der Corona-Krise von riskanten Wertpapieren in Südeuropa trennen und lieber sichere Vermögenstitel in Deutschland erwerben, sagt Westermann. Sie täten das, indem sie die unsicheren Papiere bei ihren nationalen Notenbanken im Eurosystem als Sicherheiten hinterlegten und dafür Kredite bekämen, mit denen sie beispielsweise in Deutschland sichere Vermögenstitel erwerben können. Diese grenzüberschreitenden Transaktionen zögen entsprechende Bewegungen der Target-Salden nach sich: Der deutsche Saldo steige, die südeuropäischen würden stärker negativ.

          Beobachten könne man dieses Phänomen an der Entwicklung des Volumens der sogenannten Refinanzierungskredite. Bei diesen Krediten der Notenbanken an die Banken habe es zum Stichtag 25. März in der Eurozone einen auffälligen Anstieg gegeben, den zweithöchsten seit EZB-Präsident Mario Draghis „Bazooka“ im Jahre 2011. Das Volumen aller Refinanzierungskredite in der Eurozone sei um 312 Milliarden auf 2105 Milliarden Euro gestiegen. Der parallele Anstieg des deutschen Target-Saldos lege nahe, dass ein Teil dieser Liquidität nach Deutschland überwiesen wurde, sagte Westermann: „Ich halte es für wahrscheinlich, dass Kapitalflucht dabei eine Rolle spielt.“

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