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Niedrige Zinsen : Der Deutsche Staat spart viele Milliarden

Niedrigzins-Gewinner: Bundesfinanzminister Olaf Scholz Bild: dpa

Für den deutschen Staat sind die niedrigen Zinsen eine feine Sache: Er spart eine Menge Geld. Doch eine Kehrseite gibt es auch.

          2 Min.

          Die europäischen Staaten sparen durch die niedrigen Zinsen große Summen in ihrem Schuldendienst. Laut einer Aufstellung der Bundesbank haben Bund, Länder und Gemeinden von 2008 bis einschließlich 2018 demnach fast 370 Milliarden Euro gespart. Diese Summe ergibt sich, wenn man die aktuellen Zinsniveaus mit dem höheren Zinsniveau von 2007 vergleicht, bevor die globale Finanzkrise ausbrach und die Notenbanken mit der Niedrigzinspolitik darauf antworteten. Seit mehreren Jahren liegen die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) bei null. Die Durchschnittsverzinsung der deutschen Staatsschulden fiel von 4,2 Prozent auf 1,5 Prozent.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Fast ebenso viel wie der deutsche Staat profitierte Frankreichs Staat von den sinkenden Zinsen, die von durchschnittlich 4,4 auf 1,9 Prozent fielen: Frankreichs Zinsersparnis im Staatshaushalt belief sich dadurch auf 350 Milliarden Euro, so die Bundesbank-Berechnung. Der hochverschuldete italienische Staat, für den die Durchschnittsverzinsung seit 2008 von 4,9 auf 2,8 Prozent fiel, habe 260 Milliarden Euro gespart. Für alle Staaten des Euroraums zusammen gibt die Bundesbank-Berechnung die Zinsersparnis über ein Jahrzehnt mit 1,4 Billionen Euro an. Allein 2018 kamen 230 Milliarden Euro hinzu. Die Gesamtersparnis gegenüber dem Vorkrisenzinsniveau beträgt etwas mehr als ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts. Relativ gesehen haben von den großen Staaten Italien und Frankreich mit 15 Prozent des BIP am meisten gespart.

          Ökonomen verweisen darauf, dass es durch die Niedrigzinspolitik sowohl Gewinner als auch Verlierer gibt. Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, wandte sich gegen die Interpretation, Deutschland insgesamt sei ein Gewinner. „Nicht Deutschland profitiert von den Niedrigzinsen, sondern der deutsche Staat“, betonte er. „Die deutschen Kapitalanleger verlieren. Als Nettogläubiger verliert Deutschland auch gesamtwirtschaftlich“, fügte er hinzu. Nach Berechnung der DZ Bank haben die privaten Haushalte durch die lang anhaltende Phase sehr niedriger Zinsen in den Jahren 2010 bis 2018 Zinseinbußen bei Einlagen, Rentenpapieren und Versicherungen von insgesamt 533 Milliarden Euro erlitten im Vergleich zum „Normalzinsniveau“. Dem stehen Zinsersparnisse durch günstigere Kredite von 238 Milliarden Euro gegenüber. „Rechnerisch ergeben sich Netto-Zinseinbußen von knapp 300 Milliarden Euro“, sagte DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier.

          Investoren am Geldmarkt rechnen aufgrund der zunehmenden Konjunktursorgen inzwischen immer später mit der ersten Zinserhöhung der EZB seit 2011. Ein derartiger Schritt wird erst für Mitte 2020 vorhergesagt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB ihren Negativzins für Banken in diesem Jahr abmildert, wurde nur noch auf 45 Prozent beziffert.

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