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Teure Wohnungen : Der Wettlauf um Immobilien

  • -Aktualisiert am

Viele träumen von den eigenen vier Wänden. Gern im sanierten und sündhaft teuren Großstadt-Altbau. Bild: dpa

Die Zinsen sind niedrig und die Deutschen kaufen Wohnungen, als gebe es kein Morgen mehr. Wer jedoch in die eigenen vier Wände kommen will, muss sich auf dem Immobilienmarkt ganz schön viel gefallen lassen. Droht die nächste große Blase?

          Man muss schnell sein, das hat Dirk Kreuzmann in den vergangenen Monaten gelernt. Verdammt schnell und ultraflexibel natürlich sowieso. Wenn eine E-Mail vom Makler kommt, muss man sofort handlungsbereit sein und meist auch schon wenig später irgendwohin ausschwärmen. Da ist es natürlich besser, wenn man keine wichtigen Termine mehr an diesem Tag hat und möglichst auch einen verständnisvollen Chef. Denn so eine Hatz erlebt Dirk Kreuzmann neuerdings mehrmals pro Woche. Häufiger verschwindet er für eine Stunde oder zwei zu einem Besichtigungstermin, von dem er kurz vorher selbst noch nichts wusste. Er sucht eine Eigentumswohnung in München – wie so viele andere auch in dieser Stadt. Da gibt’s nur eines, wenn man zum Zuge kommen will: schneller zu sein als all die anderen.

          Man könnte an dieser Stelle auch München ersetzen durch Frankfurt, Berlin, Köln, Düsseldorf, Stuttgart oder Hamburg. Und auch der wahre Name von Dirk Kreuzmann tut wenig zur Sache. Kreuzmann heißt in Wirklichkeit anders, will aber seine Kaufchancen nicht dadurch schmälern, dass sein Name in der Zeitung steht. Die Geschichte aber wäre überall dieselbe. Es ist die Geschichte vom ganz normalen Immobilienwahnsinn, wie er sich heute in deutschen Großstädten abspielt.

          Denn die Deutschen kaufen Wohnungen, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie stecken derzeit so viel Geld ins Hauseigentum wie seit Jahrzehnten nicht. Kein Wunder, wo es doch überall sonst kaum noch Zinsen fürs Ersparte gibt. Und sie rufen so viele Kredite ab wie noch nie. Weil auch die Finanzierungszinsen so niedrig sind, wie sie es noch nie waren. Für weniger als ein Prozent bekommt man zurzeit schon einen Immobilienkredit mit zehn Jahren Laufzeit. Für 15 Jahre sind es rund 1,5 Prozent. Deshalb erlebt der Immobilienmarkt einen Boom wie zuletzt Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Das lässt die Preise in den größten deutschen Städten steigen und steigen.

          Preisanstieg geht weiter

          Um rund 50 Prozent haben sich Wohnungen seit 2010 in den Metropolen im Schnitt verteuert. Auf absehbare Zeit wird der Preisanstieg auch noch weiter gehen, sagen Analysten, weil sich in den großen Städten plötzlich jeder Wohneigentum zulegen will, aber gar nicht so viele Wohnungen verkauft werden, geschweige denn neu gebaut. Zwar machten die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes Mut, wonach im ersten Halbjahr 30 Prozent mehr Wohnungen gebaut wurden als im Vorjahreszeitraum. „Doch die Zahl der Baugenehmigungen reicht immer noch nicht aus, um den Bedarf von jährlich 400.000 neuen Wohnungen gerade in den wachsenden Ballungsräumen zu decken“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW.

          Momentan übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem, das führt schon in einigen Städten zu Preisverzerrungen. Etliche Immobilienanalysten warnen jetzt tatsächlich vor einer Immobilienblase: Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich und die Bundesbank sprechen von „Preisübertreibungen“, das Analysehaus Empirica sieht im jüngsten Halbjahresbericht eine „Blasengefahr für Wachstumsregionen“. In 52 Landkreisen sei die Blasengefahr bereits „hoch“ bis „eher hoch“. Zuletzt mahnte auch die Commerzbank: „Der Immobilienboom in Deutschland nimmt immer mehr Züge einer Blase an, da sich die Häuserpreise mehr und mehr von den Fundamentalfaktoren abkoppeln.“

          Denn die Preise für Wohnimmobilien stiegen zuletzt viel stärker als die Einkommen. Das ist der entscheidende Unterschied zum Boom Ende der 80er Jahre: Damals kletterten die Hauspreise auch, aber Inflation und Gehälter taten es ebenfalls. Jetzt steigen vor allem die Immobilienpreise. Deswegen müssen Käufer in den sieben Superstädten schon sehr aufpassen, keine absurden Beträge für Betoninvestments zu zahlen, nur weil derzeit alle verrückt nach Immobilien sind und beim Kauf alles so unglaublich schnell gehen muss.

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