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Deutsche Börse : Schon wieder unter Beschuss

  • -Aktualisiert am

Die Deutsche Börse lässt sich nicht vom Weg abbringen und hält am Kauf der ISE fest Bild: ddp

Hedge-Fonds Atticus bleibt mit seiner öffentlichen Kritik an der Übernahme der Terminbörse ISE bisher allein. Öffentlich stellte sich kein anderer Aktionär auf ihre Seite. Ein Eklat auf der Hauptversammlung der Deutschen Börse scheint daher unwahrscheinlich.

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          Der amerikanische Hedge-Fonds Atticus bleibt mit seiner Kritik an den Plänen der Deutschen Börse, die amerikanische Terminbörse International Securities Exchange (ISE) zu übernehmen, offenkundig alleine. Öffentlich stellte sich kein anderer Aktionär des deutschen Börsenbetreibers auf die Seite von Atticus. Ein Eklat auf der Hauptversammlung der Deutschen Börse am heutigen Freitag scheint daher unwahrscheinlich.

          Der Hedge-Fonds Atticus hatte in einem Brief an den Vorstand und den Aufsichtsrat der Deutschen Börse dem geplanten ISE-Kauf den strategischen Sinn abgesprochen und die 2,8 Milliarden Dollar (gut 2 Milliarden Euro) teure Übernahme als wertvernichtend bezeichnet. Zudem habe die Führung der Deutschen Börse nur ein begrenztes Verständnis des amerikanischen Terminmarktes, weswegen Atticus ohnehin kein Vertrauen mehr in die Analyse möglicher Transaktionen durch die Deutschen Börse habe.

          Atticus ist dabei nicht irgendein Aktionär, sondern verfügt mit 11,7 Prozent über ein großes Stück des Frankfurter Börsenkonzerns. Lediglich der britische Hedge-Fonds The Children's Investment Fund (TCI) besitzt einen ähnlich großen Anteil. Er hat zu der ISE-Übernahme öffentlich noch keine Stellung bezogen. Den beiden Fonds war es bereits im Jahr 2005 gelungen den damaligen Börsenchef Werner Seifert zur Aufgabe seines Amtes zu bewegen und die geplante Übernahme der London Stock Exchange (LSE) zu verhindern.

          „Wir sind erbost“

          „So billig wie damals wird man die LSE nie wieder kriegen können“, sagt Aktienanalyst Bernd Müller-Gerberding von der Hypo-Vereinsbank. Seither hat sich der LSE-Aktienkurs nämlich verdreifacht. Die Hedge-Fonds bevorzugten damals jedoch ein Ausschüttungsprogramm für die Aktionäre. Dieses wurde mittlerweile durchgeführt und über Aktienrückkäufe und Sonderdividenden flossen den Anteilseignern rund 2 Milliarden Euro zu. Das Programm soll nun aber erst einmal bis zum zweiten Halbjahr 2008 ausgesetzt werden.

          Grund: Die Übernahme der ISE muss finanziert werden, schließlich will die Deutsche Börse die Aktien der amerikanischen Börse in bar aufkaufen. Atticus gefällt das gar nicht. „Wir sind über die Übernahmevereinbarung mit der ISE erbost“, heißt es in dem Brief an Vorstand und Aufsichtsrat. Der Hedge-Fonds hätte das Kapital lieber selbst erhalten, als dass es für eine vielleicht langfristig sinnvolle Übernahme verwendet wird. „Hier steht eine kurzfristige Ertragsmaximierung einer langfristigen Strategie gegenüber“, sagt Müller-Gerberding. Er hält es für wahrscheinlich, dass der geplante Kauf der ISE für die Aktionäre langfristig mehr bringt als eine hohe Ausschüttung heute.

          Drohung: Abwahl der Aufsichtsräte

          Es ist daher auch fraglich, wie weit die Unterstützung des Vorgehens von Atticus unter den anderen Aktionären reicht. Schon im Februar hatte der Hedge-Fonds in einem Brief die Zerschlagung des Unternehmens gefordert, weil so mehr Geld an die Aktionäre ausgeschüttet werden könnte. Öffentlich hat die Amerikaner jedoch niemand unterstützt, und der Vorschlag wurde stillschweigend wieder vergraben. Auch dieses Mal hat sich kein anderer Aktionär an die Seite von Atticus gestellt.

          Atticus' Drohung mit einer außerordentlichen Hauptversammlung zur Abwahl des Aufsichtsrates, falls die Deutsche Börse noch einmal einen größeren Zukauf ohne die Genehmigung der Aktionäre tätigen würde, wirkt daher wortgewaltiger, als sie ist. Die Möglichkeit einer solchen Einberufung hat Atticus zwar - 5 Prozent der Stimmrechte reichen. Für eine Abwahl der Aufsichtsräte bedarf es dann jedoch einer Mehrheit von 75 Prozent des vertretenen Kapitals. Diese hohe Messlatte wird Atticus wohl nicht überspringen können.

          Atticus hat nach Ansicht von Marktbeobachtern anders als vor zwei Jahren unter den Aktionären keine breite Unterstützung. Die Mehrzahl der Aktionäre scheine mit ihrer Investition in die Aktien der Deutschen Börse nicht unzufrieden. Der Konzern legt regelmäßig neue Rekordzahlen vor - zuletzt am 3. Mai -, und der Aktienkurs entwickelt sich seit Jahren besser als der Deutsche Aktienindex.

          Größere Unruhen werden nicht erwartet

          Manchen Aktionären scheint das noch nicht zu reichen. Am Donnerstag kursierten Gerüchte, denen zufolge Atticus mit der amerikanisch-französischen Börse Nyse Euronext gemeinsam die Deutsche Börse für mindestens 200 Euro übernehmen wolle. Der Markt nahm das nicht wirklich ernst, die Aktie stieg nur leicht auf 171 Euro.

          Die Deutsche Börse lässt sich von der Attacke seines Großaktionärs jedenfalls nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen und hält am Kauf der ISE fest. Börsenchef Reto Francioni hat am heutigen Freitag die Gelegenheit, den Aktionären den Sinn der Übernahme noch einmal zu erklären. Um 10 Uhr kommen diese zur Hauptversammlung in die Frankfurter Jahrhunderthalle. Dass es zu größeren Unruhen kommen könnte, wird nicht erwartet. Zumal die Aktionäre nicht über die Übernahme abstimmen dürfen.

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