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Online-Broker auf Rekordkurs : Flatex hadert nur mit seiner Einstufung durch die Deutsche Börse

Frank Niehage, Vorstandsvorsitzender des Online-Brokers Flatex Degiro, der die Fußballmannschaft von Borussia Mönchengladbach sponsort. Bild: Borussia Moenchengladbach via Ge

Die Börse lässt Flatex Degiro nicht in den Tec-Dax. Doch der Online-Broker erhöhte am Donnerstag einmal mehr die Prognosen, und die Flatex-Aktie stellt einen neuen Rekordkurs auf. Womöglich sehen wir die Broker-Aktie sogar bald im M-Dax.

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          Mit Drägerwerk, LPKF Laser & Electronics und Pfeiffer Vacuum gibt es drei Unternehmen unter den 30 Mitgliedern im deutschen Technologieaktienindex Tec-Dax, deren Börsenwert des Streubesitzes deutlich kleiner ist als eine Milliarde Euro. Der Online-Broker Flatex Degiro hingegen kommt auf mehr als eine Milliarde Euro Marktkapitalisierung und hat zur eigenen Überraschung dennoch keine Chance, in diesen Index zu rücken. „Die Deutsche Börse hat uns mitgeteilt, dass sie Flatex Degiro nicht als Technologieunternehmen einstuft“, sagt Frank Niehage, Vorstandsvorsitzender des Online-Brokers, im Gespräch mit der F.A.Z.

          Hanno Mußler
          (ham.), Finanzen, Wirtschaft

          Diese Entscheidung der Deutsche Börse AG überrascht, schließlich sind nach Flatexs Angaben fast die Hälfte seiner 900 Mitarbeiter IT-Fachkräfte, ihre am Jahresende 2020 1,3 Millionen Kunden erreichen die Wertpapierhandels- und -depotbank ausschließlich online, und Flatex bezieht seine Wertschöpfung zu mehr als 90 Prozent aus eigener Technik. Niehage vermutet deshalb: „Im Tec-Dax soll keine Finanzindustrie mehr abgebildet werden.“

          Flatex ist anders als Neobroker 

          Das war bis vor kurzem noch anders: Der seit Sommer 2020 insolvente Zahlungsverkehrsabwickler Wirecard gehörte nicht nur dem Dax, sondern auch dem Tec-Dax an. Ein Sprecher des Indexbetreibers Deutsche Börse erklärt das so: Wirecard sei als Softwareunternehmen klassifiziert worden, Flatex dagegen als klassisches Finanzunternehmen. Die Einstufung nehme die Deutsche Börse vor und lasse sich dabei davon leiten, wo der „Umsatzschwerpunkt“ der Unternehmen liege. Dabei greife die Deutsche Börse auf Daten von Thomson Reuters und Bloomberg zurück.

          Flatex hadert nicht nur mit der Einstufung der Deutschen Börse. Auch mit Fintechs und Neobrokern wie Trade Republic oder Robinhood will man nicht in einen Topf geworfen werden. Tatsächlich ist Flatex keineswegs ein junges Start-up. Vielmehr wurde der Online-Broker schon 1999 zu Zeiten des Neuen Marktes unter dem Namen Pre-IPO AG vom Kulmbacher Verleger („Der Aktionär“) Bernd Förtsch gegründet und hieß zwischen 2014 und 2019 Fintech Group.

          Seit 2009 börsennotiert, startet Flatex gerade am Aktienmarkt so richtig durch: Seit einem Jahr hat sich der Flatex-Kurs mehr als verdreifacht. Allein am Donnerstag kletterte die Aktie um 11 Prozent auf den Rekordkurs von 103,40 Euro. Viele Analysten trauen der Aktie noch höhere Kurse zu.

          FLATEXDEGIRO AG NA O.N.

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          Denn nicht nur die Neobroker, auch Flatex profitiert vom florierenden Börsenhandel, den gerade junge Leute während der Corona-Pandemie ausgelöst haben. 2020 verdoppelte sich der Flatex-Umsatz auf rund 260 Millionen Euro, und die Zahl der abgewickelten Transaktionen legte gegenüber dem Vorjahr um 140 Prozent auf 75 Millionen zu. Nach einem starken ersten Quartal 2021 erhöhte Flatex am Donnerstag seine erst im Februar genannten Ziele für dieses Jahr. Die Zahl der Transaktionen soll 2021 auf 90 bis 110 Millionen steigen, bisher hatte Flatex 75 bis 90 Millionen prognostiziert. Und die Zahl der Kunden wird nun am Jahresende in einer Spanne von 2,0 bis 2,2 Millionen erwartet nach zuvor 1,8 bis 2,0 Millionen.

          Anders als die meisten Fintechs ist Flatex hochprofitabel. Die Kunden haben die Wahl zwischen einer Vielzahl von Börsenplätzen und zahlen dafür eine Flatrate. Spätestens seit der Übernahme von Degiro Ende 2019 und dem damit erfolgten Markteintritt in 18 Ländern hält sich Flatex für etabliert. „Wir sind der größte Broker für Privatanleger in Europa und breiter aufgestellt als manche Großbank“, sagt Niehage. Man führe die Konten und Depots seiner Kunden selbst im eigenen Kernbanksystem, habe seinen Kunden zum Wertpapierkauf 800 Millionen Euro an Lombardkrediten vergeben und wolle nun „der größte Anbieter von ETF- und Fondssparplänen“ werden. Der teuer erkaufte Name Flatex Degiro auf der Brust der Fußballspieler des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, der in dieser Saison in Europa in der Champions League antrat, unterstreicht die Ambitionen. 30 Millionen Euro habe Flatex in den vergangenen drei Jahren allein in die eigene IT investiert – mehr, als manches Fintech an Eigenkapital aufweise, sagt Niehage. 

          Bald Handel von Kryptowährungen

          Die Mehrheit der Flatex-Kunden ist im Alter von 25 Jahren bis 54 Jahren. Dabei wendet sich Flatex durchaus gezielt an junge Leute – etwa mit einer neuen App und dem geplanten Angebot zum Handel von Kryptowährungen wie Bitcoin. Deren Speicherorte, sei es im Internet („Hot Wallets“) oder auf Sticks („Cold Wallets“) gelten als anfällig für Hacker-Angriffe. „Wir werden das Risiko der Verwahrung nicht selbst tragen, sondern voraussichtlich mit einem Drittanbieter lösen. Im Übrigen sind solche Risiken inzwischen auch versicherbar“, sagt Niehage.

          Auch wenn es für den Tec-Dax nie reichen wird, Flatex Degiro wird bei gleichbleibender Entwicklung vermutlich nicht mehr lange dem S-Dax angehören. Vielmehr ist nun der M-Dax das Ziel. Dort gibt es eine Reihe von Unternehmen, die auch rund 1 Milliarde Börsenwert im Streubesitz aufweisen. Bei Flatex kommt hinzu: 27 Prozent der Aktien, die bisher nicht zum Streubesitz zählen, werden vermutlich bald hinzugerechnet. Denn sie stammen aus der Übernahme des holländischen Brokers Degiro. Dessen ehemalige Eigentümer haben sich für zwölf Monate bis Juli 2021 verpflichtet, ihre Aktien nicht zu verkaufen (Lock-up). „Ab Juli 2021 zählen die bisher unter Lock-up stehenden Aktien, ob sie tatsächlich verkauft werden oder nicht, nicht mehr per se zum Festbesitz“, sagt Niehage. „Damit erhöht sich die für die Indizes der Deutschen Börse relevante Marktkapitalisierung, und Flatex wird zum Kandidaten für den M-Dax.“

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