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Niedrigzinsen : Immer mehr Banken erwägen Strafzinsen für Kunden

Die Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee belastet reiche Kunden schon länger mit negativen Zinsen. Bild: dpa

In der deutschen Kreditwirtschaft dürfte das Tabu negativer Zinsen für Sparer fallen, sollte das Zinsumfeld noch tiefer in den Minusbereich sinken.

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          Die deutschen Banken und Sparkassen scheuen nicht mehr davor zurück, auch an Privatkunden negative Zinsen weiterzugeben. Das ist ein Ergebnis der Niedrigzinsumfrage von Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) unter 1412 kleinen und mittelgroßen Instituten.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Androhung des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), negative Zinsen für Spareinlagen von bis zu 100.000 Euro gesetzlich zu verbieten, hat nicht allzu großen Eindruck auf die Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken hinterlassen. Sie standen im Mittelpunkt der Untersuchung deutscher Bankenaufseher.

          „Banken ziehen in ihren Planrechnungen vermehrt auch eine mögliche Weitergabe negativer Zinsen an Kunden in Betracht, bislang trifft dies allerdings vor allem Geschäftskunden und vermögende Privatkunden“, sagte Joachim Wuermeling, der im Bundesbank-Vorstand für Bankenaufsicht zuständig ist.

          Fast jedes zweite Institut

          Der Umfrage zufolge planen mehr als 40 Prozent der kleinen und mittelgroßen Institute, mittelfristig negative Zinsen weiterzugeben. Vor zwei Jahren waren es 23 Prozent. Sollte das Zinsniveau um einen weiteren Prozentpunkt tiefer in den Minusbereich rutschen, dann ist fast jedes zweite Institut bereit, Strafzinsen für den einfachen Sparer einzuführen.

          Offenbar hat die jüngste geldpolitische Lockerung der Europäischen Zentralbank (EZB) die Bereitschaft erhöht. So wurde der Einlagensatz von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent gesenkt. Die Banken müssen also für die bei den Notenbanken des Eurosystems geparkten Mittel einen noch höheren Strafzins zahlen.

          Entlastung reicht nicht aus

          Zwar ist die EZB den Banken mit einem entlastenden Staffelzins, der auf einen Freibetrag hinausläuft, entgegengekommen. Doch die Ankündigung neuer Anleihekäufe ohne zeitliche Begrenzung kann die Renditen von Staatsanleihen sowie einigen Unternehmensanleihen noch weiter in den negativen Bereich drücken.

          Die grundsätzliche Bereitschaft von Banken und Sparkassen, negative Zinsen an immer mehr Kunden weiterzureichen, wundert Wuermeling nicht. Noch seien die Ergebnisse der meisten Institute solide, aber der ungünstige Mix aus schwächelnder Konjunktur und sich fortsetzender Niedrigzinsphase erhöhten den Handlungsdruck auf die Institute.

          Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling

          Der Dachverband der Banken und Sparkassen, die Deutsche Kreditwirtschaft, machte die Niedrigzinspolitik der EZB dafür verantwortlich, dass in dem Stresstest Ertragsrückgänge aufgezeigt wurden, auch wenn die Institute im Stressfall im Durchschnitt solide kapitalisiert sind.

          „Ein Ende dieser extrem expansiven Geldpolitik, das die Ergebnissituation der Institute entlasten würde, ist leider nicht absehbar“, erklärte die Deutsche Kreditwirtschaft und rechtfertigte damit auch mögliche negative Zinsen: „Jedes Institut muss deshalb entscheiden, wie es unter dem zunehmenden ökonomischen Druck damit umgeht.“ Die Deutsche Kreditwirtschaft warnte vor dem Vorschlag Söders. Gesetzliche Verbote hülfen nicht weiter und könnten zudem zu einer gefährlichen Instabilität der Finanzmärkte führen.

          Zuletzt hatte auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) den Bank-Vorständen davon abgeraten, für Millionen von Sparer negative Zinsen einzuführen. Darüber hinaus wird im Bundesfinanzministerium darauf verwiesen, dass die Allgemeinen Geschäftsbedingungen derzeit in 95 Prozent aller Fälle keine negativen Zinsen zulassen.

          Negativer Effektivzins

          Jedoch können die Institute mit ihren Kunden neue Verträge abschließen, in denen der negative Zins als Verwahrentgelt vereinbart wird. Schließlich können die Banken die Kontoführungsgebühren weiter erhöhen. Da es auf die Kontogelder keine Zinsen mehr gibt, sind die effektiven Zinsen aufgrund der Gebühren ohnehin schon negativ.

          Das Ergebnis des diesjährigen Stresstests, der sich auf 89 Prozent aller deutschen Banken mit einem Anteil von 38 Prozent an der gesamten Bilanzsumme der Kreditwirtschaft erstreckte, fällt durchwachsen aus. Die Rentabilität der Institute sei schwach. Die Aussicht auf ein weiterhin historisch niedriges Zinsniveau mache einen weiteren Rückgang der Rentabilität wahrscheinlich, erwarten die Aufseher aus Bundesbank und Bafin.

          Bafin-Exekutivdirektor Raimund Röseler

          Im Stressszenario würde die harte Kernkapitalquote zwar um 3,5 Prozentpunkte sinken. Gleichwohl lägen die Institute dann noch immer deutlich über den aufsichtsrechtlichen Mindestquoten. Doch für den obersten Bankenaufseher der Bafin, Exekutivdirektor Raimund Röseler, ist das kein Grund zur Entwarnung. Die Niedrigzinsphase stelle eine erhebliche Herausforderung für die Banken dar.

          Der Stresstest erfasste die von Bundesbank und Bafin direkt beaufsichtigten Institute. Die 21 größten Banken, darunter Deutsche Bank, Commerzbank, DZ Bank und Landesbank Baden-Württemberg, werden von der EZB direkt beaufsichtigt und haben an der Umfrage von Bundesbank und Bafin nicht teilgenommen.

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