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Geldhaus in der Krise : Die Deutsche Bank prüft ihr Investmentbanking

John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Bild: dpa

Die Führungskrise verunsichert die Aktionäre des Unternehmens. Im Vergleich zu ihren Wettbewerbern schneidet sie sehr schlecht ab. Nun äußert sich Bankchef John Cryan.

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          Die Deutsche Bank durchleuchtet ihr Investmentbanking daraufhin, wie es in Zukunft schlanker aufgestellt werden kann. In einer offenbar seit längerem laufenden Untersuchung, die intern „Projekt Colombo“ genannt wird, soll überprüft werden, welche Geschäfte noch immer mit so viel Kapital unterlegt werden müssen, dass sie sich nicht mehr rentieren, wie am Mittwoch in Finanzkreisen zu hören war. Auch Stellen könnten am Ende der Untersuchung zum Opfer fallen, die sich offenbar vor allem auf die Handelsaktivitäten bezieht. Nachdem in der Vergangenheit schon eine Reihe von Geschäften rund um den Anleihemarkt eingestellt wurden, steht nun offenbar das Aktiengeschäft im Fokus. Die Bank macht seit jeher mehr Geschäft an den Anleihe- als an den Aktienmärkten. Die Deutsche Bank wollte sich dazu nicht äußern.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nachdem am Dienstag bekannt geworden war, dass sich der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner auf die Suche nach einem Nachfolger für den Bankchef John Cryan gemacht hat, wandte sich der Vorstandsvorsitzende am Mittwoch in einem Brief an seine Mitarbeiter. „Ich möchte Ihnen versichern, dass ich mich weiterhin mit all meiner Kraft für die Bank einsetze und gemeinsam mit Ihnen den Weg weiter gehen möchte, den wir vor rund drei Jahren angetreten haben“, schrieb Cryan darin. „Wir müssen uns weiter darauf konzentrieren, unsere mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Strategie umzusetzen. Hier gibt es keinen Dissens“, betonte Cryan.

          „Wer 2,3 Milliarden Euro Boni ausschüttet, muss auch liefern“

          An der Börse sorgte die Unsicherheit über die weitere Ausrichtung der Bank am Mittwoch im Handelsverlauf allerdings weiter für Kursverluste. Zum Handelsschluss stand dann allerdings ein Plus von 1 Prozent auf 11,24 Euro zu Buche. Seit Jahresbeginn hat die Aktie nach dem Kursrutsch in der vergangenen Woche schon rund 30 Prozent ihres Werts verloren und ist damit im Vergleich zu anderen europäischen Bankaktien der mit Abstand schwächste Wert. Zwar mussten in den vergangenen Wochen fast alle großen Kreditinstitute Abschläge hinnehmen, weil die Gefahr zunehmender Handelskonflikte auch die Gefahr einer Konjunktureintrübung mit sich bringt. Doch nirgendwo fiel der Wertverlust so groß aus wie bei der Deutschen Bank.

          Zweitschwächster Wert im Branchenindex der Eurozone, dem Euro Stoxx Banken, ist nach der Deutschen Bank die Commerzbank, die seit Jahresanfang knapp 15 Prozent ihres Werts verloren hat. Andere große Universalbanken wie die französische BNP Paribas oder der spanische Banco Santander gaben im gleichen Zeitraum jeweils rund 5 Prozent ab. Dass nicht alle europäischen Bankaktien auf den Verkaufslisten der Anleger stehen, zeigen die italienische Unicredit und die österreichische Erste Bank, deren Kurs seit Jahresbeginn 7,5 Prozent beziehungsweise 12,5 Prozent zulegten.

          Bild: F.A.Z.

          Noch drastischer fällt der Abstand der Deutschen Bank zu ihren europäischen Wettbewerbern aus, wenn man sich die Entwicklung seit dem Amtsantritt Cryans im Juli 2015 anschaut. Seither ist der Aktienkurs der Deutschen Bank um 55 Prozent gesunken. Nur drei Banken, aus Portugal, Italien und Irland, haben in dem Zeitraum noch mehr an Wert verloren. Die österreichische Großbank Raiffeisen Bank International konnte ihren Börsenwert indes nach einer Krise mehr als verdoppeln. Die Credit Suisse, die vom Aufbau und auch von ihren Problemen her eher mit der Deutschen Bank vergleichbar ist, hat seit Cryans Amtsantritt etwa ein Drittel an Börsenwert verloren, seit Jahresbeginn etwa 10 Prozent. Der Chef der Schweizer Bank, Tidjane Thiam, der gleichzeitig mit Cryan auf seinem Posten eingestiegen ist, hat allerdings das Investmentbanking strikter zurückgefahren und die Bank stärker auf die Vermögensverwaltung wohlhabender Kunden ausgerichtet.

          Viele Analysten sehen die Deutsche Bank bei ihrem aktuell sehr niedrigen Kurs durchaus fair bepreist. Die beiden Großbanken HSBC und BNP Paribas geben den Zielkurs für die Bank inzwischen mit 12 Euro beziehungsweise 12,30 Euro an, Piers Brown von der australischen Bank Macquarie sieht ihn bei 10,50 Euro. Von den 33 Fachleuten, deren Einschätzungen Bloomberg zusammenstellt, empfehlen nur noch 5 den Kauf der Aktie.

          Auch im politischen Berlin sind die Querelen um die Deutsche Bank nicht unbemerkt geblieben. Regierungssprecher Steffen Seibert wollte sich zwar weder zur Lage der Bank noch zu der Personalsuche äußern. Aus der SPD aber meldete sich der Wirtschaftspolitiker Bernd Westphal zu Wort: „Das Management der Deutschen Bank muss seinen Job machen, für den es bezahlt wird. Wer 2,3 Milliarden Euro Boni ausschüttet, muss auch liefern“, sagte er. „Ungeklärte Personalfragen erfordern smartes Management und Professionalität. Das kann die Politik von so einem bedeutenden Unternehmen wie der Deutschen Bank erwarten.“

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