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Scherbaums Börse : Der neue Daimler-Konzern ganz in Grün

  • -Aktualisiert am

Der Stern soll wieder strahlen: Markenzeichen von Mercedes an einem Kühlergrill Bild: obs

Der Autohersteller will sich auf Luxus und Premium konzentrieren und sich zu einem führenden Elektroauto-Hersteller wandeln. Diese neue Strategie ist vielversprechend, zudem bietet der charttechnische Blick auf die Daimler-Aktie Anlass zu Optimismus.

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          Der Premiumhersteller will grün werden und hat sich vorgenommen, im Jahr 2039 vollständig CO2-neutral zu sein. In diesem Zusammenhang sollen Elektro-Fahrzeuge schon bis zum Jahr 2030 mehr als 50 Prozent des Absatzes ausmachen, während der Bestand an Verbrennermodellen im gleichen Zeitraum um 70 Prozent reduziert werden soll.

          Mit dieser Neuausrichtung will Daimler sich aber nicht nur zum grünen Auto-Konzern umwandeln. Das Ziel ist es auch, endlich wieder langfristig wirtschaftliche Kennzahlen zu präsentieren, die institutionelle Investoren und Kleinaktionäre erfreuen. Bis 2025 strebt der Dax-Konzern eine wieder anziehende Umsatzrendite an. „Ziel des Unternehmens ist es, in einem starken Marktumfeld eine zweistellige Rendite zu erzielen“, so Daimler-Vorstandschef Ola Källenius am Dienstag.

          Kosten senken, Marge erhöhen

          Daimler als neuer weltweit führender Elektroauto-Hersteller? Das klingt verlockend, und wer schon seit vielen Jahren Aktionär des traditionsreichen Autokonzerns ist, wird vielleicht ein bisschen auf den Aktienkurs des amerikanischen Elektroautobauers Tesla blicken und insgeheim hoffen, dass der Dax-Konzern mit seiner künftigen Modellpalette den doch zuletzt etwas verblassten Daimler-Stern in Untertürkheim wieder leuchten lassen kann.

          Nicht alle sind mit den neuen Plänen glücklich. So warnte der Gesamtbetriebsratschef des Autobauers, Michael Brecht, bereits einen Tag nach der Präsentation seinen Arbeitgeber vor einer reinen Fokussierung auf die Elektromobilität. Man dürfe nicht alles auf diese Karte setzen, sagte Brecht in einem Interview. „Die Gesamtklimabilanz ist wichtig, nicht die Antriebsart. Wer ohne Verbrenner plant, schlägt all denjenigen Kolleginnen und Kollegen ins Gesicht, die seit Jahrzehnten in diesen Bereichen eine hervorragende Arbeit leisten und diese Technik weiter verbessern.“

          Die Aussagen sind seitens des obersten Arbeitnehmervertreters sehr gut nachzuvollziehen. Denn der Wandel zum Elektroauto-Konzern wird bei Daimler auch mit dem Abbau tausender Arbeitsplätze einhergehen. Bis zu 15.000 Stellen könnten betroffen sein, hieß es zuletzt. Laut Brecht machten die Personalkosten aber weniger als 15 Prozent der Gesamtkosten aus, da müsse das Unternehmen sich mehr einfallen lassen, „als uns jedes Mal die Personalkosten um die Ohren zu hauen“, so der Gesamtbetriebsratschef.

          Besser spät als nie

          Die neue Ausrichtung des Daimler-Konzerns verdient durchaus auch den kritischen Untertitel „Besser spät, als nie.“ Zuhauf wurde dem Konzern seitens Investoren in der Vergangenheit vorgeworfen, wichtige Weichenstellungen für den Umstieg auf die E-Mobilität verschlafen zu haben. Auch hänge die aktuelle Krise nicht nur allein mit Corona zusammen, sondern sei hausgemacht.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Daimler scheint den Schalter nun umzustellen. Es wurde auch höchste Zeit. Im nächsten Jahr werden die neuen Kohlendioxid-Grenzwerte in Kraft treten, die jeder Autohersteller mit seinen verkauften Autos einhalten muss. Das Unternehmen musste also reagieren.

          Die neue grüne Konzern-Ausrichtung wird trotz aller Kritik der Arbeitnehmerseite vielen gefallen. Unter anderem den Investoren, die in diesem Frühjahr eine Anlage in Daimler-Papiere getätigt haben, als der Konzern zunächst eine magere Bilanz für 2019 ablieferte und anschließend der Aktienkurs wegen der Corona-Pandemie noch weiter abstürzte.

          Seitens der Analysten gibt es zumindest zu diesem Zeitpunkt nur wenige, die zum Verkauf der Aktie raten. Goldman Sachs gehört zu den Skeptikern. Das Analysehaus sieht bei Daimler ein Kursziel von 40 Euro. Dagegen haben viele andere Autoaktien-Experten die Daimler-Strategie für gut befunden.

          Das Analysehaus Jefferies rät zum Kauf mit einem Kursziel von 53 Euro. Fixkosten, Investitionen und das Budget für Forschung und Entwicklung um 20 Prozent zu senken, sei ein „Big Deal“ und eine Botschaft, die Investoren ernst nehmen sollten, so die Einschätzung. Bernstein Research wiederum sieht das Kursziel bei 60 Euro, ein JP-Morgan-Analyst sprach sogar von der „tiefgründigsten“ Kapitalmarktveranstaltung der vergangenen zehn Jahre und beließ die Daimler-Aktie auf „Overweight“ mit einem Kursziel von 54 Euro.

          Wer als Anleger gerne die Technische Chartanalyse zu Rate zieht, wird bei der Daimler-Aktie jetzt im Oktober 2020 eines sehen: Einen intakten langfristigen Aufwärtstrend, nachdem das Papier zuvor einen mehr als zwei Jahre andauernden Sinkflug erlebt hat. Zwischen Januar 2018 und März 2020 brachen die Notierungen mehr als 70 Prozent ein und markierten Mitte März dieses Jahres bei 21 Euro den tiefsten Kursstand seit dem Krisenjahr 2009.

          DAIMLER

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          Von diesem Kursboden aus kam es zu einer steilen Aufholjagd, im Zuge derer Anfang August die Rückeroberung der 200-Tage-Linie und damit der Wechsel in den übergeordneten Aufwärtstrend gelang. Auch in den folgenden Wochen ging es für den Aktienkurs weiter nach oben.

          Diese Woche markierte die Daimler-Aktie neue Achtmonatshochs im Bereich der 49-Euro-Marke. Charttechnisch ist der Weg jetzt frei bis zum Hoch bei 54,50 Euro aus dem November 2019. Das nächste Etappenziel wäre danach das 2019er-Jahreshoch vom vergangenen April bei 60 Euro. Ausgehend vom aktuellen Kursniveau errechnet sich bis hierhin auf Sicht der kommenden Monate ein weiteres Gewinnpotenzial von 25 Prozent.

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