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Kampf gegen die Erderwärmung : Der Imagewandel Chinas vom Klimasünder zum Klimaschützer

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang Bild: dpa

Der weltgrößte Emittent von Treibhausgasen hat in der Klimaschutzpolitik eine bemerkenswerte Wandlung in der öffentlichen Wahrnehmung erlebt. Wird China nun tatsächlich zum Klimaretter?

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          Es war bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009, als Amerikas Präsident Barack Obama in ein Geheimtreffen zwischen den Regierungschefs von China, Indien, Brasilien und Südafrika platzte.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Sie und Obama hätten auf dem Klimagipfel in der Hauptstadt Dänemarks Ausschau nach dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao gehalten, schreibt die damalige Außenministerin Hillary Clinton in ihren Memoiren mit dem Titel „Entscheidungen“ aus dem Jahr 2014. Es sei klar gewesen, dass ein Durchbruch bei den Verhandlungen nur gemeinsam mit jenen Nationen zu erreichen sei, die am meisten Treibhausgase ausstießen. Man habe Chinas Regierungschef aber nicht finden können. „Die Chinesen gingen uns aus dem Weg.“

          Als Mitglieder ihres Verhandlungsteams von einem Geheimtreffen zwischen den großen Entwicklungsländern unter der Führung Wen Jiabaos erfahren hätten, seien sie und Obama losgestürmt, schreibt Clinton. Hohe chinesische Regierungsbeamte hätte die amerikanische Delegation noch aufhalten wollen, ohne Erfolg. Obama sei in den Raum gerauscht, in dem die Staatschefs aus China und den anderen Ländern berieten, und habe in die Richtung Wens gerufen: „Herr Ministerpräsident!“ Das sei der Startschuss für ernsthafte Verhandlungen mit China gewesen.

          China wird weiter am Kampf gegen die Erderwärmung festhalten

          Wie sich die Zeiten ändern. Siebeneinhalb Jahre nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen verurteilt China öffentlich die Vereinigten Staaten als Klimasünder, und die Welt scheint Peking Recht zu geben: Die Entscheidung von Präsident Donald Trump, Amerika aus dem Klimaschutzabkommen von Paris zurückzuziehen, sei ein „globaler Rückschlag“, hieß es am Freitag in einem Kommentar der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Trump habe „zum Bedauern fast aller“ entschieden, sich und Amerika von einer „historischen globalen Vereinbarung abzuschneiden, bei deren Entstehung sein Land einmal eine Schlüsselrolle spielte“. Ähnlich hatte sich am Donnerstag vor der zu erwartenden Entscheidung in Washington bereits das chinesische Außenministerium in Peking geäußert.

          „Unerschütterlich“ werde China weiter am Kampf gegen die Erderwärmung festhalten, hatte Chinas heutiger Ministerpräsident Li Keqiang bereits am Donnerstag bei seinem Staatsbesuch in Berlin verkündet. Nicht ohne anzumerken, man werde das im Pariser Klimavertrag vereinbarte Ziel, nach dem China ab dem Jahr 2030 weniger CO2 emittieren muss als bis zu diesem Zeitpunkt, „Schritt für Schritt“ erreichen. Damit hat Peking schon einmal jenen Hoffnungsvollen in der Welt eine Absage erteilt, die darauf drängen, dass die zweitgrößte Wirtschaft der Welt ihren Höchststand bei den Emissionen schon früher als geplant erreichen soll.

          Nichtsdestotrotz ist die Entwicklung des Landes in Sachen Klimaschutz bemerkenswert. Vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung rund um den Erdball ist China von einem Leugner des Klimawandels zu einem Anführer im Kampf gegen die Erderwärmung geworden – und das in nur dreißig Jahren.

          Noch Ende der Achtziger Jahre, als sich die chinesische Wirtschaft zu öffnen begann, gab es weder in der Regierung noch an den Universitäten und Forschungseinrichtungen des Landes Menschen, die sich mit der Erderwärmung befassten. Erst 1990 bildete die Regierung eine kleine Gruppe an Wissenschaftlern und Beamten, die den Klimawandel untersuchen sollten.

          Umdenken in Sachen Klimaschutz

          1998 unterschrieb China das Kyoto-Protokoll, das erstmals verbindliche Ziele für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern festlegte. China ratifizierte das Abkommen im Jahr 2002, drei Jahre später trat es in Kraft. Allerdings hatte das Abkommen eher Symbolcharakter. Für Länder mit rasch steigendem CO2-Ausstoß wie China sowie für andere Entwicklungsvolkswirtschaften gab es keinerlei Einschränkungen in ihrer Energiepolitik. Für ein armes Land wie die Volksrepublik, das in der Vergangenheit vom Westen ausgebeutet worden sei und nun den Anschluss an den Rest der Welt erst finden müsse, könnten nicht dieselben Klimaschutzvorschriften gelten wie für entwickelte Industriestaaten, lautete die stete Argumentation Pekings bei den Verhandlungen.

          Zwei Jahre nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen begann auch in China ein Umdenken in Sachen Klimaschutz. Dazu trug bei, dass die Luft in den vielen Millionenstädten des Landes so schlecht geworden war, dass die Atemnot der Bevölkerung bei den kommunistischen Führern zu Sorgen vor einem Volksaufstand führte.

          Im November 2012 schrieb Donald Trump, damals noch in der Rolle als Fernsehstar und Immobilienmogul, seinen berühmten Twitter-Eintrag, in dem er behauptete, die Erderwärmung sei von den „Chinesen erfunden“ worden, um „Chinas Industrie wettbewerbsunfähig zu machen“.

          Auf dem Apec-Gipfel im November des Jahres 2014 in Peking schlossen Amerikas Präsident Obama und Chinas Präsident Xi Jinping dann ihren „Klimapakt“, in dem die Volksrepublik erstmals das Ziel nannte, ab 2030 weniger CO2 zu emittieren. Ein Jahr später dankte Obama der chinesischen Regierung, dass diese geholfen habe, das Pariser Klimaabkommen zustande zu bringen.

          Im Juni 2017 hat die Wandlung des früheren Klimawandelleugners China in der öffentlichen Wahrnehmung nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Dieser gipfelt in der Frage: Kann und will China die Führungsrolle als oberster Klimaschützer der Welt übernehmen?

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