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Der Finanzmarktbericht : Die Rally an den Aktienmärkten ist reif für eine Pause

Die Aktienmärkte haben sich wichtigen Durchbruchslinien genähert oder diese schon durchbrochen. Der Gleichlauf von Dollar und Aktenmärkten ist gebrochen.

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          Die Aktienmärkte haben sich in diesen Tagen wichtigen Durchbruchslinien genähert oder diese schon durchbrochen. Europas schwerster Index, der britische FTSE 100, hat nach mehreren Versuchen in der vergangenen Woche die Schwelle von 4000 Punkten nach oben passiert. In den Vereinigten Staaten geht es mit dem S&P 500 ohne Unterbrechung jetzt schon seit fünf Wochen aufwärts - eine Gewinnstrecke, die zuletzt im November 2001 erreicht wurde. Dabei nähert sich der Index zielstrebig der 1000-Punkte-Linie.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Dax indes ist wieder unter die Barriere von 3000 Punkte gefallen, die er Anfang Mai durchschlagen hatte. Immerhin beendete er die vergangene Woche aber noch leicht im Plus und bleibt in der Nähe der Dreitausender-Schwelle. Dabei fällt auf, daß der Dax seit dem Tiefstand Mitte März schon 35 Prozent gewonnen hat, während der FTSE-100-Index nur ein Plus von 23 und der Dow Jones 30 von 15 Prozent verzeichnen können.

          Etliche Experten glauben, daß die Rally nun erst einmal eine Pause einlegen könnte. Die Unternehmensergebnisse vom ersten Quartal, die häufig positiv ausfielen, sind verdaut, jetzt gilt es abzuwarten, ob sich auch an der volkswirtschaftlichen Front eine Aufhellung einstellt. Die Finanzminister der G-7-Staaten haben in der französischen Kasino-Stadt Deauville am Wochenende versucht, den Märkten Vertrauen einzuflößen. Investoren und Analysten wissen aber, daß dabei Schönmalerei und Wunschdenken mitwirkten, denn die Spitzenpolitiker hatten eine Menge Probleme zu wälzen, angefangen beim ewigen Sorgenkind Japan bis zur stagnierenden Euro-Zone, die neben den hausgemachten Problemen jetzt auch noch unter der Stärke der eigenen Währung ächzt.

          Der japanische Finanzminister Masajuro Shiokawa verkürzte seinen Besuch in der französischen Küstenstadt, um zu Hause die fünftgrößte japanische Bank, Resona Holdings, mit einer Finanzspritze vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Von einem Rettungspaket über mehr als 17 Milliarden Dollar ist die Rede, was wieder einmal ein Schlaglicht auf die desolate Lage der japanischen Banken wirft. Analysten halten es für möglich, daß der Nikkei-Index wieder unter die Grenze von 8000 Punkten fällt und sich damit seinem 20- Jahre-Tief vom vergangenen Monat nähert.

          In Europa und den Vereinigten Staaten indes haben gleichzeitig mit den Aktien weiterhin auch die Staatsanleihen Boden gutgemacht. Dies ist insofern bemerkenswert, als in den vergangenen drei Jahren der Bondmarkt eine Alternative zum fallenden Aktienmarkt darstellte, so daß meistens entgegengesetzte Kursbewegungen entstanden. Doch die Finanzmärkte müssen in diesen Tagen von einigen alten Gewohnheiten Abschied nehmen.

          Auch der Gleichlauf zwischen Dollar und dem amerikanischen Aktienmarkt scheint beendet zu sein, denn er steigt nicht mehr zusammen mit den Kursen für Unternehmensanteile. Seit Oktober 2000 hat er gegenüber dem Euro 28 Prozent seines Wertes verloren; der S&P 500 aber notiert nahe eines 9-Monats-Hochs. Der Kursverfall des Dollar ist ein Segen für die amerikanische Exportwirtschaft, aber Gift für die Ausfuhren der Eurozone.

          Dies trägt dazu bei, daß jenseits des Atlantiks derzeit die optimistische Sicht überwiegt: Die Bondrally, die trotz des größeren Angebots neuer Papiere zur Finanzierung der Staatsverschuldung entstanden ist, wird stärker mit der Erleichterung über das Ausbleiben von Inflation erklärt als mit der Angst vor einem weiteren Wirtschaftsabschwung. Die jüngste volkswirtschaftlichen Rahmendaten sind in Amerika auch nicht so schlecht ausgefallen.

          Gleichzeitig notiert man, daß die amerikanische Wirtschaft von einer hohen Kapazitätsauslastung noch weit entfernt ist. Damit kann sie weiter wachsen, ohne daß die Federal Reserve die Zinsen anheben muß. Die Investoren auf den Bond- und auf den Aktienmärkten sind daher zufrieden. Wenn die amerikanische Notenbank zur Vermeidung von Deflation dann noch Anleihen kaufen sollte - um so besser für die Anleiheinvestoren, lautet die Kalkulation.

          Auf dem europäischen Kontinent dagegen geht die Furcht vor einer Rezession um. Europäische Anleihen sind hier stärker ein Fluchtort für Pessimisten. Zudem dürften sie noch weiteres Potential für Kurssteigerungen enthalten, denn die Dollarschwäche scheint internationale Anleger in die Euro-Zone umzuleiten. Nach der jüngsten Befragung von Fondsmanagern durch Merrill Lynch ist der Euro derzeit ihre Lieblingswährung, denn sie sehen das Ende des Dollarverfalls noch nicht gekommen. Zum aktuellen Kurs seien viele Anleger nicht mehr bereit, das amerikanische Leistungsbilanz-Defizit mit Käufen im Dollar-Raum zu finanzieren, heißt es, daher müsse die amerikanische Währung weiter an Wert verlieren.

          Unterdessen habe die Europäische Zentralbank nun keinen Grund mehr, eine Zinssenkung aufzuschieben, wird immer lauter erklärt. Das macht Anleihen ebenfalls attraktiver. Die Unternehmen machen sich die Kauflust auf den Anleihemärkten zunutze. In der kommenden Woche werden neue Papiere von einer Reihe mittelgroßer Unternehmen erwartet, darunter Henkel und Ciba Specialty.

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