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Der Finanzmarktbericht : Amerikanische Notenbank muß die Anleihe-Investoren beruhigen

Alle Hoffnungen der Finanzmärkte richten sich auf die größte Volkswirtschaft der Welt, die Vereinigten Staaten. Der Offenmarktausschuß der Federal Reserve berät über die Leitzinsen - mehrheitlich wird keine Zinsänderung erwartet.

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          Alle Hoffnungen der Finanzmärkte richten sich mal wieder auf die größte Volkswirtschaft der Welt, die Vereinigten Staaten. Am Dienstag berät der Offenmarktausschuß der Federal Reserve über die Leitzinsen. Mehrheitlich wird keine Zinsänderung erwartet. Die jüngsten Konjunkturdaten dürften die Währungshüter optimistisch genug stimmen, um sich nicht schon wieder zu einer Senkung veranlaßt zu sehen. Dennoch werden die Anleger jedes Wort der Währungshüter auf die Waagschale legen. Denn es geht darum, die Bondmärkte zu beruhigen. An den panikartigen Verkäufen der vergangenen Wochen geben etliche Marktteilnehmer der Fed die Mitschuld.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Verwirrende Botschaften habe sie ausgesandt, lautet die Klage. Im Mai und Anfang Juni sprach die Zentralbank noch davon, möglicherweise zu "unkonventionellen Maßnahmen" zu greifen und Staatsanleihen zu kaufen, um der drohenden Deflation zu begegnen. Dementsprechend stiegen die Kurse und fielen die Renditen. Ende Juni und im Juli aber spielte die Fed diese Möglichkeit schon wieder herunter. Zudem senkte die Zentralbank die Zinsen nicht so weit, wie dies am Markt erwartet worden war.

          Eine Blase von Erwartungen erzeugt

          Daraufhin schossen die Renditen der Staatsanleihen explosionsartig nach oben und führten den schärfsten Umbruch am Anleihemarkt seit Anfang der achtziger Jahre herbei. "Die Fed hätte verstehen sollen, daß sie eine Blase von Erwartungen am Anleihemarkt erzeugt, wenn sie von Deflation spricht. Und weil sie offenbar nicht richtig an die Deflationsgefahr glaubte, hat sie die Voraussetzung für eine scharfe Kehrtwende selbst gelegt", sagt Stephen Lewis, Ökonom von Monument Securities in London.

          In der vergangenen Woche ist der Zinsauftrieb zum Stillstand gekommen - obwohl die amerikanische Regierung Anleihen im Wert von 60 Milliarden Dollar auf den Markt warf. Die zehnjährige Staatsanleihe der Vereinigten Staaten rentierte am Freitag wieder bei 4,23 Prozent, nachdem sie von 3,07 Prozent am 13. Juni auf 4,59 Prozent am 31. Juli dieses Jahres hochgeschossen war. In Europa war der Anstieg der Renditen weniger ausgeprägt gewesen, aber immer noch beachtlich, und auch hier kehrte sich der Trend teilweise um. Die zehnjährige Bundesanleihe war von weniger als 3,5 Prozent Mitte Juni auf 4,2 Prozent Anfang August geklettert, um am vergangenen Freitag wieder auf rund 4 Prozent zurückzufallen. Die Rendite der britischen Staatsanleihe gab aufgrund der Kursgewinne bis zum Wochenende auf 4,33 Prozent nach, nachdem sie zuvor von 3,85 auf 4,44 Prozent gestiegen war.

          Wie weit erholen sich die Anleihemärkte?

          Eine scharfe Erhöhung der Kapitalmarktzinsen ist das letzte, was die Weltwirtschaft derzeit gebrauchen kann. Schon hat sich der Anstieg in höheren Hypothekenzinsen und damit einer Verlangsamung bei den Hausrefinanzierungen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien niedergeschlagen. Diese Umschuldungen machen Mittel frei, die bisher munter für den Konsum genutzt worden waren und damit die Konjunktur stützten. So wie ein scharfer Rückzug der Verbraucher Gift für das zarte Pflänzlein des Aufschwungs wäre, so würden höhere Zinsen auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen bremsen. Die niedrigen Inflationsprognosen geben indes keine Begründung für die rasch erhöhten Zinsen. Auch dies trug in der vergangenen Woche zur Beruhigung der Anleihemärkte bei. An den amerikanischen Markt für Hypothekenanleihen sind die Käufer ebenfalls zurückgekehrt. Fünf Tage hintereinander stiegen dort die Kurse.

          Die Frage ist, wie weit sich die Anleihemärkte von dem Einbruch erholen werden. Das amerikanische Haushaltsdefizit, das zum Angebot immer neuer Papiere führt, lastet auf den Kursen. Im Fiskaljahr bis Ende September wird die Neuverschuldung 455 Milliarden Dollar erreichen, nachdem der Haushalt noch vor drei Jahren im Plus lag. Im laufenden Quartal müssen mehr als 100 Milliarden Dollar aufgenommen werden. Auch in der Eurozone steigen die Defizite, wenn auch nicht im gleichen Maße. Nach Angaben von Morgan Stanley liegt die Emission von Staatsanleihen der vier größten Länder Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien in diesem Jahr 63 Prozent höher als 2001.

          Einzelhandelszahlen über die Kaufbereitschaft

          Am Donnerstag dieser Woche könnte bekanntwerden, daß nach Italien auch Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres in die Rezession gerutscht ist. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters glaubt die Mehrheit von Bankvolkswirten, daß die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft ist, nachdem sie im ersten Vierteljahr bereits einen Rückgang von 0,2 Prozent verzeichnet hatte. Auch wenn es sich dabei um rückwärtsgewandte Kennziffern handelt, dürften sie die Finanzmärkte daran erinnern, daß Zinserhöhungen im Euroraum nicht so schnell kommen werden.

          In den Vereinigten Staaten werden am Mittwoch die neuesten Einzelhandelszahlen über die Kaufbereitschaft der amerikanischen Verbraucher Auskunft geben. Die meisten Analysten rechnen mit einem Anstieg. Wenn er kräftig ausfällt, könnten davon auch die Aktienmärkte profitieren, die sich beiderseits des Atlantiks seit fast zwei Monaten weitgehend seitwärts bewegen.

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