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Schweizer Großbank : Der Credit Suisse laufen die Kunden davon

Die Schweizer Fahne am Hauptquartier der Credit Suisse in Zürich Bild: Reuters

Die Schweizer Großbank erwartet auch im vierten Quartal einen Milliardenverlust. Die nun kommende Kapitalerhöhung wird dringend benötigt – und beschert der Bank einen Großaktionär aus Saudi-Arabien.

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          Die Aktionäre der Credit Suisse (CS) haben am Mittwoch den Weg zu einer milliardenschweren Kapitalerhöhung geebnet. Damit soll die verlustgeplagte Schweizer Großbank das nötige finanzielle Polster erhalten, um die wohl größte Krise ihres Bestehens zu überwinden. In einer außerordentlichen Aktionärsversammlung stimmten die Anteilseigner mit großer Mehrheit für die vorgeschlagene, zweistufige Erhöhung des Kapitals um insgesamt 4 Milliarden Franken. Damit ist der Weg frei für den umstrittenen Einstieg der Saudi National Bank (SNB Group). Die größte Bank Saudi-Arabiens, die mehrheitlich unter Kontrolle des saudischen Staats steht, wird sich mit 9,9 Prozent an der Bank beteiligen.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann wertete die Zustimmung der Aktionäre als Vertrauensbeweis für den Ende Oktober angekündigten strategischen Kurswechsel. Nach etlichen, vornehmlich hausgemachten Skandalen und Schieflagen, die in hohen Milliardenverlusten mündeten, will die Bankführung das riskante Investmentbanking deutlich stutzen und zugleich die Geschäfte in der Vermögensverwaltung sowie im Schweizer Heimatmarkt stärken. Bis zum Jahr 2025 will der Vorstand die Kosten um 2,5 Milliarden Franken oder 15 Prozent senken und die Zahl der Mitarbeiter um 9000 auf 43.000 reduzieren.

          Die Erneuerung der Credit Suisse sei nicht nur aus strategischer und betrieblicher,
          sondern auch aus kultureller Sicht zwingend notwendig, sagte Lehmann in einer kurze Rede, welche die Bank im Anschluss an die Generalversammlung veröffentlichte. Und: „Wir müssen Risiken umsichtig und mit höchster Professionalität eingehen.“ Auf dieses Versprechen konnten die Aktionäre nicht weiter eingehen. Denn die Aktionärsversammlung fand nicht öffentlich statt.

          Kritikgewitter bleibt erspart

          Die Aktionäre konnten lediglich vorab Fragen einreichen, welche die Bank dann bilateral beantwortete. Somit blieb der CS-Spitze das öffentliche Kritikgewitter der leidgeprüften (Klein-)Aktionäre erspart, das sich angesichts der desolaten Entwicklung der Bank im Fall einer Präsenzveranstaltung gewiss Bahn gebrochen hätte.

          Wie weit der Weg zu einer Erholung der CS noch ist, zeigen die am frühen Mittwochmorgen veröffentlichten Aussagen zur aktuellen Geschäftsentwicklung. Demnach erwartet die Bank im vierten Quartal einen Vorsteuerverlust von bis zu 1,5 Milliarden Franken. Zum erwarteten Ergebnis unter dem Strich äußert sich die Bank nicht. Nach den ersten neun Monaten dieses Jahres hatte ein Reinverlust von 5,9 Milliarden Franken zu Buche gestanden.

          Die Verluste im Schlussquartal kommen zum größten Teil aus dem Investmentbanking. Dieses litt nicht nur unter dem verschlechterten Marktumfeld, sondern auch unter dem eingeleiteten Rückzug aus verschiedenen Geschäftsfeldern. Damit fallen zwar Risiken, aber eben auch Erträge weg. Auch in der Vermögensverwaltung erwartet die Credit Suisse im Schlussquartal einen Verlust.

          Kunden ziehen 84 Milliarden Franken ab

          In ihrer Paradedisziplin sind der Bank infolge der vielen schlagzeilenträchtigen Skandale scharenweise Kunden von der Fahne gegangen. In den ersten beiden Oktoberwochen verzeichnete die CS nach eigenen Angaben Abflüsse von Einlagen und Nettovermögen, die deutlich über den Raten des dritten Quartals 2022 lagen. Auf Gruppenebene betrugen die Nettoabflüsse per 11. November 2022 rund 6 Prozent der Vermögen, welche die Bank noch am Ende des dritten Quartals 2022 verwaltet hatte. Aus diesen Angaben lässt sich errechnen, dass die CS in der genannten Zeit Kundengelder von 84 Milliarden Franken verloren hat.

          Die tatsächlichen Quartalsergebnisse hingen „von einer Reihe von Faktoren” ab, so auch vom weiteren Ausstieg aus Geschäften, die nicht mehr für wesentlich erachtet würden. Wie berichtet, will sich die CS von Immobilien wie dem Hotel Savoy in Zürich trennen. Ob ein Verkauf bis zum Jahresende zustande kommt, ist allerdings noch offen. Vermutlich droht der Bank auch 2023 ein Verlust. Der Vorstandsvorsitzende Ulrich Körner hat nämlich lediglich versprochen, dass die Bank von 2024 an „definitiv” profitabel sein werde.

          Andreas Venditti, Analyst der Bank Vontobel, hält die massiven Nettoabflüsse im Kerngeschäft der CS für „sehr besorgniserregend – umso mehr, als sie sich noch nicht umgekehrt haben“. Die Credit Suisse müsse so schnell wie möglich Vertrauen zurückgewinnen, aber das sei schwieriger gesagt als getan. An der Börse herrschte am Mittwoch kein Vertrauen: Der ohnehin stark gebeutelte CS-Aktienkurs sackte im Verlauf um 5 Prozent auf 3,67 Franken ab.

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