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Geldpolitik : Reicher dank der EZB

  • -Aktualisiert am

Christine Lagarde führt die EZB seit fast einem Jahr. Bild: AFP

Schimpfen auf die Europäische Zentralbank ist in Deutschland Volkssport. Dabei verdanken viele ihr wachsendes Vermögen auch der Geldpolitik.

          2 Min.

          In Deutschland ist die Europäische Zentralbank ja eigentlich an allem schuld. Ständig wird alles teurer. Wegen diesem Teuro. Zinsen bekommen wir auch keine mehr. Weil die EZB das Geld alles nach Italien schafft. Und jetzt immer mehr Negativzinsen. Eine fiese Enteignung.

          Die Liste der Vorwürfe und Beschimpfungen lässt sich lange fortsetzen. Da ist es ganz sinnvoll, einmal im Jahr in den Weltreichtumsbericht der Allianz zu schauen. Das Ergebnis ist fast immer dasselbe: Wir werden immer reicher. 2019 war der Anstieg sogar so stark wie nie in den vergangenen 20 Jahren. Und 2020 ging der Anstieg trotz Corona weiter.

          In die Röhre gucken die Zinssparer

          Passiert das nun trotz der EZB? Oder wegen ihr? Das lässt sich nicht seriös auseinanderdividieren. Viel zu viele Annahmen wären nötig und wären mindestens teilweise beliebig. Doch was die Forscher eindeutig feststellen: Die Vermögensgewinne bei Immobilien und Aktien sind zweifelsohne auch auf die Geldpolitik zurückzuführen. Und sie überwiegen die Zinsverluste deutlich. Das trifft nicht auf jeden zu. Wer sein Leben lang nie einen Kredit aufnimmt und immer nur auf dem Sparbuch spart, der wird kein Gewinner der Geldpolitik sein. Wer aber ein Haus zu Niedrigzinsen finanziert hat und mit dem Verkaufsgewinn Aktien und Gold erworben hat, der ist ein großer Gewinner.

          Unterm Strich, so schätzt es Allianz-Forscher Arne Holzhausen für 2019, haben allein die Wertpapiergewinne (ohne Immobilien) die Deutschen im Schnitt um 2170 Euro reicher gemacht und die negativen Realzinsen im Schnitt 430 Euro gekostet. Gewinn: 1740 Euro.

          Bekommt die EZB dafür Dank? Davon ist nichts zu hören. Es ist hypothetisch zu überlegen, ob die Wertpapiergewinne bei einer anderen Geldpolitik höher oder niedriger gewesen wären und was das mit den Realzinsen gemacht hätte. Letztlich steigt aber das Geldvermögen hierzulande seit Jahren, auch real, weil die EZB die Inflation so niedrig gehalten hat, wie es sich die Bundesbank früher kaum hätte erträumen können.

          Kauft Aktien, Immobilien und Gold!

          Es lohnt sich, das einmal aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Erstens: Aus Anlegersicht kann die Lösung nur sein, sich an die alte Weisheit zu halten, nie gegen die Notenbank zu spekulieren. Also: Aktien, Immobilien und Gold kaufen. Sparkonten meiden. Das fällt vielen Deutschen nicht leicht, dürfte aber angesichts auf lange Sicht extrem niedriger Zinsen die beste Lösung sein.

          Seit Corona pumpen die Notenbank rund um die Welt – die EZB ist kein Einzelfall – noch mehr Geld in den Kreislauf als vorher. Sie kaufen vor allem Staatsanleihen und finanzieren so die Konjunkturprogramme. Damit verdrängen sie zusehends private Käufer aus Staatsanleihen. Die haben das Geld nun für anderes übrig. An den Finanzmärkten ist von rekordhoher Überschussliquidität die Rede. Ein Problem, das viele Privatleute gerne hätten. Und was tun die Investoren damit? Sie kaufen eben Aktien, Immobilien, Gold und Unternehmensanleihen und lassen so die Preise steigen. Von Vermögenspreisinflation ist die Rede.

          Im zweiten Quartal sind trotz Corona-Lockdown und Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um zehn Prozent die Immobilienpreise hierzulande weiter gestiegen. Und zwar flächendeckend, von den boomenden Großstädten bis hin zu den dünn besiedelten Landkreisen.

          Der wachsende Reichtum der Reichsten wird begünstigt

          Ein zweiter Aspekt der Geldpolitik sollte aber nicht unter den Tisch fallen: Die Verteilungswirkungen sind höchst umstritten. Die Geldschwemme nutzt denen, die sich Aktien, Immobilien und Gold leisten können. Kleiner Hinweis: Das geht schon mit wenigen tausend Euro und sollte nicht den „Reichen“ überlassen werden. Letztlich profitieren aber vor allem die ohnehin schon Wohlhabenderen. Der Anteil des reichsten Prozents der Bevölkerung am Weltvermögen ist auf 44 Prozent gestiegen. Die oberen zehn Prozent haben 84 Prozent des Geldvermögens. Der EZB kann zugutegehalten werden, dass ihre Geldpolitik womöglich Arbeitsplätze auch für weniger Vermögende rettet und die Staatsfinanzierung Konjunkturprogramme und Sozialleistungen ermöglicht. Aber der Vorwurf, dass durch die Geldpolitik überproportional die Vermögenden reicher werden, bleibt.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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