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Delivery Hero & Co. : Wie sich Dax-Neulinge nach dem Aufstieg schlagen

Radelt Delivery Hero dem Dax auch künftig davon? Bild: EPA

Soll man die Aktie von Delivery Hero kaufen, weil sie seit Montag im Dax notiert ist? Die Index-Geschichte zeigt: Der Aufstieg eines Unternehmens ist eher kein Kaufsignal.

          3 Min.

          Rund eine Dreiviertelmillion Kinder in Deutschland hat derzeit ihren ersten Schultag. Für sie beginnt eine neuer Lebensabschnitt. Ein neues Kapitel beginnt an der Börse derweil für den Berliner Essenslieferdienste Delivery Hero, der am Montag seinen ersten Tag im Deutschen Aktienindex Dax hat und diesen aktuell mit einem Kursanstieg von 2,2 Prozent auf 97,08 Euro feiert. Ähnlich wie sich manche Eltern fragen, wie sich wohl ihre Kinder im ersten Schuljahr schlagen werden, stellen sich Anleger die Frage, wie sich die Aktie von Delivery Hero nun entwickeln wird, da sie jetzt zur Auswahl der Standardwerte zählt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Natürlich weiß das niemand im Voraus, hilfreich aber scheint der Blick darauf, wie sich Neulinge im Dax vor und nach ihrer Aufnahme in den Index geschlagen haben. Das Multi-Family-Office HQ Trust hat dies nun untersucht. Indes kommt Marcel Müller, Leiter des Portfoliomanagements, auf Basis von 25 ehemaligen Neulingen eher nicht zu ermutigenden Ergebnissen.

          „Im Mittel haben die Aufsteiger im Vorfeld des Wechsels ihr Pulver verschossen“, sagt Müller. Durchschnittlich hätten diese im Jahr vor dem Aufstieg fast 25 Prozent auf den Dax gut gemacht. Doch mit der Aufnahme in den Index beginne eine recht deutliche unterdurchschnittliche Wertentwicklung. Auf Jahressicht endet diese mit einem Abstand von durchschnittlich 14 Prozentpunkten auf den Index. „Nur in 8 von 25 Fällen konnten die Neulinge im Index im ersten Jahr ein besseres Ergebnis als der Dax erzielen“, sagt Müller. Interessanterweise gehören drei der vier besten Aktien nicht eben zum Stammpersonal.

          DELIVERY HERO SE NA O.N.

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          Continental, mit einem Plus von 54 Prozent die beste Nach-Aufstiegs-Aktie, hat den Dax seit 1990 schon zweimal verlassen müssen. Der Pharma- und Chemiekonzern Altana (plus 20 Prozent) gab ein Gastspiel von nicht einmal fünf Jahren und Salzgitter (plus 16 Prozent) von gerade einmal anderthalb Jahren.

          Ein Abstieg aus dem Dax ist statistisch ein Zeichen für schwächere Kursentwicklungen: „„Die Absteiger bleiben im Schnitt vor und nach dem Stichtag hinter dem Dax zurück“, sagt Müller.“ Im Jahr vor dem Austausch hätten sie im Mittel 16 Prozent hinter dem Börsenbarometer zurückgelegen, im Jahr danach um weitere 12 Prozent.“

          Für manche Aktien entwickelte sich das erste Dax-Jahr zum Desaster. Wie Continental im positiven Sinne tanzen auf der negativen Seite der Finanzdienstleister MLP – von 2001 bis 2003 im Dax – und die ehemalige Siemens-Halbleiter-Tochter Epcos (im Dax von 2000 bis 2002) aus der Reihe. Nach der Aufnahme in den Auswahlindex ging es für MLP im Vergleich zum Index um 65 Prozent und für Epcos um 45 Prozent abwärts. Die Entwicklung der Unternehmen sei aber insgesamt vor und nach dem Aufstieg sehr unterschiedlich, sagt Müller.

          Mit die beste Wertentwicklung im Vorhinein zeigte übrigens ausgerechnet Wirecard, die dem Dax ein Jahr vor der Aufnahme um 150 Prozent voran liefen. Wenigstens wird diese Bilanz noch von SAP übertroffen, die den Dax 1994/95 um rund 175 Prozent hinter sich ließen. Dass sich die Aktienkurse der Aufsteiger in der Regel deutlich besser entwickeln als der Dax, hat eine gewisse Zwangsläufigkeit, ist aber nicht zwingend der Fall. Da die Marktkapitalisierung eines der wesentlichen Kriterien ist, sind die Chancen bei zurückbleibenden Kursen auf die Aufnahme schlechter.

          Die Vorgeschichte zählt wenig

          Dennoch zeigten immerhin fünf Aktien vor ihrer Aufnahme eine schwächere Wertentwicklung, drei davon – Infineon, Salzgitter und Fresenius – sogar deutlich. Infineon kam seinerzeit in den Dax, weil sich Veba und Viag zu Eon zusammenschlossen, Salzgitter folgte der zusammengebrochenen Hypo Real Estate und Fresenius beerbte die Deutsche Postbank, als diese von der Deutschen Bank übernommen wurde.

          Im Endeffekt „alles richtig gemacht“  – also gegen den Dax im Vorhinein aufzuholen und im danach vorweg zu laufen – haben sogar nur vier Aktien. Neben Continental waren dies vornehmlich der Immobilienkonzern Vonovia und der Dialyse-Spezialist FMC, ferner Altana, die seit 2010 nicht mehr börsennotiert sind.

          Delivery Hero bringt mit einem relativen Plus von fast 100 Prozent eine gute Vorgeschichte mit. Doch das ist eben Vorgeschichte. Im Gegenteil, sagt Müller, sei der Höhepunkt der relativen Wertentwicklung rund einen Monat vor dem Aufstieg erreicht. Offensichtlich sei hier schon auf diesen spekuliert worden. Die bevorstehende Index-Aufnahme kann also in aller Regel förderlich für den Aktienkurs sein. Ist sie indes eingetreten, kommt es wieder darauf an, was das Unternehmen sonst so zu bieten hat.

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