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Dax-Unternehmen : Fressen oder gefressen werden

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Dax-Konzerne strotzen vor Finanzkraft und greifen nach fremden Unternehmen. Die Jagd treibt die Aktienkurse, Fusionen und Übernahmen laufen wie geschmiert. 2005 war das beste Jahr seit langem.

          Deutsche Spitzenmanager sind selbstbewußt und tatendurstig wie lange nicht mehr. Die Lenker von Dax-Gesellschaften greifen nach Unternehmen jenseits deutscher Grenzen, am liebsten jenseits des Atlantiks.

          Der Chemiekonzern BASF startete einen Angriff auf Engelhard, einen amerikanischen Spezialisten für Katalysatoren. Das Gebot steht bei 4,9 Milliarden Euro. Thyssen-Krupp kämpfte gegen den Konkurrenten Arcelor aus Luxemburg um den kanadischen Stahlproduzenten Dofasco.

          Thyssen-Chef Ekkehard Schulz könnte durch die Hintertür zum Zug kommen. Linde-Chef Wolfgang Reitzle peilt die Übernahme des britischen Rivalen BOC an. Mit elf Milliarden Euro will der viertgrößte Gaskonzern der Welt die Nummer zwei übernehmen.

          Das Blatt hat sich gewendet

          Noch vor wenigen Monaten schien es so, als müßten Deutschlands Unternehmen in Deckung gehen vor den Heuschreckenschwärmen. Angelsächsische Finanzinvestoren fielen über das Land her und machten mit viel Geld Jagd auf deutsche Firmen. Ausländische Großunternehmen wollten sich Dax-Firmen einverleiben - so wie die italienische Unicredito die Hypo-Vereinsbank.

          Überraschend hat sich das Blatt gewendet. Deutsche Unternehmen spielen wieder mit im Poker um Übernahmen und Fusionen, kurz M&A (Mergers and Acquisitions) genannt. Nach den jüngsten Zahlen von KPMG ist das gesamte Volumen von Fusionen und Übernahmen im vergangenen Jahr um 19 Prozent auf 2059 Milliarden Dollar gestiegen - weltweit. Deutschland rangierte bei den Käufen in den Vereinigten Staaten im Jahr 2005 allerdings hinter Großbritannien und der Schweiz - mit Abstand.

          Für die Börse ist das rege Treiben gut. Davon ist William Davies, Leiter des europäischen Aktienteams bei der Fondsgesellschaft Threadneedle, überzeugt: „Die M&A-Aktivitäten werden sich im laufenden Jahr beschleunigen - das gibt den Aktienmärkten weiter Schub“, sagt der Börsenprofi. „Die Anleger werden überrascht sein.“ Die meisten Menschen unterschätzten die Wucht der Deals, glaubt Davies.

          Oft steigen auch die Kurse der Einkäufer

          Freuen dürfen sich derzeit vor allem die Aktionäre amerikanischer Unternehmen, deren Kurse im Bietergefecht heißlaufen. Der Kurs von Engelhard zum Beispiel schoß seit Bekanntgabe des Angebots von BASF um 35 Prozent in die Höhe, während sich bei BASF unter dem Strich nichts tat. Der Preis von Dofasco schnellte um 60 Prozent nach oben, Thyssen-Krupp-Papiere gewannen dagegen nur 27 Prozent. Es muß nicht sein, daß der Kurs des Käufers in die Knie geht oder weniger gewinnt - Tradition hat es aber schon.

          Frühere Akquisitionen von Dax-Gesellschaften in Amerika endeten ohne Glanz und Ruhm. Vielen Anlegern sind die Deutsche Telekom, die den Kauf von Voicestream mit hohen Wertberichtigungen büßte, und der Einstieg von Daimler bei Chrysler im Jahr 1998 noch heute ein warnendes Beispiel.

          Diesmal soll alles gutgehen, beschwören Investmentbanker und Strategen die Aktionärsgemeinde. Tatsächlich steigen oft auch die Aktienkurse der Firmenkäufer, weil Anleger hoffen, daß die Übernahme den Gewinn erhöht - so wie bei Adidas, die den amerikanischen Konkurrenten Reebok für 3,8 Milliarden Dollar übernommen haben. Für den Getränkegiganten Pernod Ricard hat sich die Übernahme des Spirituosenanbieters Allied Domecq im vergangenen Jahr bereits doppelt ausgezahlt: Gewinn und Aktienkurs legten zu.

          Keine Geschäfte um jeden Preis

          Günstige Finanzierung, prall gefüllte Kriegskassen und vernünftig bewertete Aktienmärkte steigern die Erfolgschancen der Manager und senken das Risiko der Aktionäre. Oftmals ist es günstiger, ein neues Geschäft an der Börse zu kaufen, als es selbst aufzubauen. Und schneller geht es auch. Warum also nicht auf eine Übernahme setzen?

          Geschäfte werden nicht um jeden Preis gemacht. So trat Thyssen-Chef Schulz erst mal den Rückzug an, als der Preis für den kanadischen Übernahmekandidaten Dofasco zu hoch wurde. Arcelor trug den Sieg davon. Doch das Karussell steht nicht still: Stahl-Magnat Mittal schmiedet an einem Kauf von Arcelor. Gelingt dies, kämen die Deutschen in Kanada wohl doch zum Zug, denn dem Inder Mittal liegt nicht viel an Dofasco.

          Dax-Konzerne mischen wieder mit im globalem Spiel um Marktanteile und Wachstum. Wolfgang Sawazki, Leiter von Oppenheim Research, warnt allerdings vor übertriebener Siegesgewißheit. „Deutsche Unternehmen sind nicht nur Käufer. In der Pharmaindustrie und im Maschinenbau sind eher Übernahmen zu erwarten.“ Altana und Schering fehlt es international an Gewicht. MAN hat - wie Thyssen-Krupp - als Konglomerat einen schweren Stand. Auch TUI und die Commerzbank sind in Gefahr, übernommen zu werden. Selbst Firmenjäger Linde ist ein Getriebener: Glückt die Übernahme der sehr viel schwereren BOC nicht, droht die Zerschlagung.

          Vielleicht kommt ja bald ein Übernahmeangebot für Linde oder Thyssen-Krupp auf den Tisch.

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