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Deutsche Konzerne : Erschreckend abgeschlagen an der Börse

Verglichen mit dem Rest der Welt sind die deutschen börsennotierten Unternehmen eher unbedeutend. Bild: dpa

Die Anleger zeigen deutlich, wem sie zutrauen, in Zukunft viel Geld zu verdienen: digitalen Geschäftsmodellen. Dahinter steckt mehr als eine Warnung an Deutschland.

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          Natürlich steckt hinter Aktienkursen nicht das gesamte Wirtschaften eines Landes. Natürlich sind viele auf der ganzen Welt erfolgreiche deutsche Mittelständler nicht an der Börse notiert – sie benötigen für wichtige Investitionen hin und wieder ebenfalls mehr Geld als sie gerade verfügbar haben, bitten ihre Bank dann aber einfach um einen Kredit und begeben eben weder Aktien noch Anleihen. Und natürlich sind auch viele große börsennotierte deutsche Unternehmen alles andere als ertragsschwach: Sogar die Automobilkonzerne, die mit strukturellen Herausforderungen kämpfen, veröffentlichen nach wie vor regelmäßig satte Gewinne und Absatzzahlen.

          All das ist wahr. Dennoch erschreckt der Blick auf die Rangliste der derzeit von Anlegern am wertvollsten befundenen an der Börsen notierten Unternehmen der Welt. Nur zwei deutsche Konzerne schaffen es unter die teuersten einhundert: der Softwarehersteller SAP und das in der Transformation befindliche Traditionsunternehmen Siemens. Diese beiden und der Versicherer Allianz erreichen zudem eine  Marktkapitalisierung von ungefähr 100 Milliarden Dollar oder darüber – sonst kein Dax-Wert.

          Stattdessen sind die Unternehmen mit den aktuell höchsten Marktkapitalisierungen vorwiegend amerikanische Tech-Konzerne, allen voran Apple und Microsoft (jeweils mehr als 1,2 Billion Dollar), danach folgen Alphabet (Google) und Amazon (jeweils mehr als 900 Milliarden Dollar), Facebook halten die Anleger mittlerweile für beinahe 600 Milliarden Dollar wert – der Aktienkurs des größten sozialen Netzwerks der Welt erhöhte sich in diesem Jahr um fast 60 Prozent. Etwas dahinter folgen chinesische Pendants des Silicon-Valley-Erfolgs, die Internetunternehmen Alibaba und Tencent. Vergleichbare Unternehmen gibt es in Deutschland nicht. In Europa übrigens auch nicht.

          Die Botschaft hinter der Aktien-Rangliste ist eindeutig. Anleger halten die Digitalisierung auf absehbare Zeit für die zentrale transformierende Wirtschaftskraft. Und auch wenn der Börsenhandel heutzutage stark durch Algorithmen automatisiert und durch die enorme Bedeutung von Indexfonds eher konzentrierter abläuft, hat sich etwas nicht verändert: Wesentlich sind es ihre Ansichten über die Zukunft, die Anleger dort handeln – und nicht vergangene Erfolge, so schön sie auch gewesen sein mögen.

          Sie trauen derzeit offenbar den großen Tech-Konzernen mehr als anderen zu, künftig kommerziell erfolgreiche Ideen zu entwickeln. Oder über für die nächsten Jahre robuste Geschäftsmodelle zu verfügen, sei es durch fortschrittliche Technologie oder Marktmacht. Zu sehen ist dieses Zutrauen übrigens immer wieder auch dann, wenn eine Spekulation die Runde macht, Amazon oder ein anderes Internetunternehmen könne in einen bestehenden Markt eindringen; dann fallen die Kurse der dort etablierten Unternehmen nicht selten erst einmal deutlich.

          Die deutschen börsennotierten Unternehmen wiederum spielen zumindest aus Sicht der Anleger an den Finanzmärkten derzeit in einer ganz anderen Liga. Gut ist das nicht. Übrigens auch aus einem anderen Grund: Hohe Börsenwerte sind ein natürlicher Schutz vor Übernahmen. Ein Bieter müsste gegenwärtig schlicht mehr Mittel mobilisieren, um die Mehrheit an einem Unternehmen wie Amazon zu erhalten als, sagen wir, an Daimler. Und nicht zuletzt sind Aktien auch eine Währung, in der Übernahmen bezahlt werden (können).

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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