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Kursdesaster : Das Börsenrätsel Auto1

Gründer und Großaktionäre von Auto1: Hakan Koc (links), 37, und Christian Bertermann, 38 Bild: Dominik Butzmann/Laif

Kein Unternehmen ist in den vergangenen Jahren an der Frankfurter Börse so euphorisch begrüßt worden wie Auto1, und keins wurde danach so derb abgestraft. Dabei wurden alle Erwartungen erfüllt.

          5 Min.

          Der 4. Februar 2021 ist ein denkwürdiger Tag in der Geschichte der Onlinegebrauchtwagenhandelsplattform Auto1. Es war der mit Spannung erwartete erste Handelstag an der Deutschen Börse in Frankfurt. An so einem Tag zeigt sich, was ein Unternehmen den Investoren wert ist. Mithin also auch, welchen Wert sie der jahrelangen Aufbauarbeit der Unternehmensgründer Christian Bertermann und Hakan Koc zumessen. Es ist aber auch der Tag, an dem über die Arbeit der Investmentbanken geurteilt wird. Haben sie den Wert der Aktien vor dem Börsengang ungefähr richtig eingeschätzt, oder lagen sie daneben?

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am 4. Februar zeigte sich: Sie lagen daneben. Weit daneben. Auf 32 bis 38 Euro hatten sie den Wert einer Aktie taxiert, zu 38 Euro wurden die Aktien letztlich an die neuen Aktionäre verkauft. Und der erste Börsenkurs? 55 Euro! 45 Prozent Kursplus. So etwas hat an der Frankfurter Börse Seltenheitswert. Die meisten Aktien dümpeln um ihren Ausgabepreis, können oft nur mit Mühe von den begleitenden Investmentbanken stabilisiert werden, damit die Zeitungen nicht von einem Flop schreiben können. Auto1 ist das Gegenteil eines Flops. Die Investmentbanken haben die Aktien scheinbar viel zu billig hergegeben. Der Beweis scheint erbracht, dass auch mit deutschen Börsengängen richtig Geld verdient werden kann. Dass der Börsenplatz Frankfurt einer ist, wo Techunternehmen ein gutes Umfeld beschieden ist und die Investoren bereit für hohe Preise sind.

          Doch die Geschichte hält nicht mal einen Handelstag. Schon am 4. Februar beginnt der Kurs zu bröckeln. Und tut dies bis heute. 50 Euro, 40 Euro, 30 Euro, 20 Euro: Keine Marke hält lange. Die Investoren beim Börsengang, die 38 Euro für eine Aktie zahlten, liegen heute mehr als 50 Prozent im Minus. Wer am ersten Handelstag zugeschlagen hat, büßt bis heute 70 Prozent ein. Kein Börsenneuling in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren derart abgestraft.

          Acht Milliarden Börsenwert verloren

          Doch warum nur? Mehr als 11 Milliarden Euro bringt Auto1 am ersten Handelstag auf die Börsenwaage, mehr als mancher Dax-Wert. Die Erwartungen sind hoch. Es handelt sich also nicht um irgendeine kleine Börsenklitsche, sondern eine der großen deutschen Wachstumshoffnungen. Im Juni wurde die Aktie in den M-Dax aufgenommen. Doch das bremste den Kurssturz ebenso wenig wie erreichte oder erhöhte Jahresziele des Unternehmens.

          Auto1 ist im Onlinegebrauchtwagenhandel in Europa tätig. Ein sehr gefragter Markt 2021, weil die Autohersteller wegen Chipmangels oft mit Neuwagen nicht lieferfähig waren. Die Nachfrage nach gebrauchten Autos stieg entsprechend. Auto1 konnte reichlich Autos beschaffen, war stets lieferfähig und kaufte planmäßig mehr als 600 000 Gebrauchtwagen an (plus 39 Prozent zum Vorjahr) und verkaufte knapp 600 000 (plus 30 Prozent). Die junge Sparte Autohero wuchs um mehr als 300 Prozent. Hier können sich die Kunden per Click von der Couch aus ihren Gebrauchtwagen nach Hause liefern lassen. Beim Börsengang wurde kommuniziert, dass der Aufbau von Autohero viel Geld kosten soll und dass in Marketing investiert werde. Deswegen prangt aktuell bei der Handball-EM auf den deutschen Trikots auch der Autohero-Schriftzug, ebenso wie auf den Hemden von Hertha BSC Berlin im Fußball. Zudem ist Autohero Werbepartner von Paris Saint-Germain und der DTM-Rennsportserie. Ein zu teures Marketing-Desaster wie es Teamviewer bei Manchester United erlebt hat?

          Bild: F.A.Z.

          „Das ergibt bei Autohero alles Sinn“, sagt Oliver Wojahn, Vorstand des unabhängigen Aktienanalysehauses Alster Research und vorher Leiter der Aktienanalyse der Berenberg Bank. Er rät zum Kauf der Auto1-Aktie mit einem Kursziel von 30 Euro (aktueller Kurs am Montag 14,50 Euro). Anders als Teamviewer sei Auto1 mit Autohero und wirkaufendeinauto.de auf Markenbekanntheit beim Endkunden angewiesen. „Wir rechnen 2022 mit einem weiteren Umsatzplus von 35 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro und einem operativen Verlust von 132 Millionen Euro ungefähr in Vorjahreshöhe.“ Früher hätten die Investoren es gerne akzeptiert, wenn junge, schnell wachsende Unternehmen noch keine Gewinne machten, derzeit sei das offenbar nicht mehr der Fall.

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