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„Mistrades“ : Der 163-Millionen-Euro-Mann?

Nach wie vor ziemlich unklar ist hingegen, was für Geschäfte genau überhaupt hinter den Zertifikaten stecken, die eine solch extreme Kursbewegung mitmachten. „Ich habe damit spekuliert, ohne die dahinterstehenden Geschäfte zu kennen“, sagt Armin S. Niemand könne ohne die Zertifikatbedingungen wissen, was hinter einem Zertifikat stecke. Diese Bedingungen aber halte die BNP geheim.

Armin S. hat auch Bafin und EZB informiert

Der Börsenhändler verteidigt sich, unter diesen Umständen habe er einen Fehler keineswegs sofort als solchen erkennen müssen: „Es war durchaus möglich, dass das Zertifikat wertlos geworden war und deshalb von 54.000 Euro auf 108,80 Euro gefallen ist.“ Emittenten von Zertifikaten kauften öfter wertlos gewordene Optionsscheine zu einem symbolischen Restwert zurück – mit der Absicht beispielsweise, dass der Anleger den Verlust steuerlich geltend machen könne. Auf jede Fall findet er den ganzen Vorgang seltsam und hat auch die Wertpapieraufsicht Bafin und die Europäische Zentralbank (EZB) informiert: „Wenn die Bank nicht mitbekommen hat, dass hier ein Mistrade über 163 Millionen Euro stattgefunden hat, funktionieren ihre Kontrollsysteme nicht.“

Die Bank selbst wollte sich auf Anfrage zu den Vorgängen nicht äußern – und auch die Kanzlei Linklaters lehnte eine Stellungnahme ab. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns generell nicht zu Kundenbeziehungen oder juristischen Verfahren in der Öffentlichkeit äußern“, sagte ein BNP-Sprecher.

Armin S. jedenfalls ist es wichtig, herauszustreichen, dass er weder ein Querulant sei noch auf Klagen gegen Mistrades spezialisiert. Er mache als Wertpapierhändler unter dem Einsatz von Algorithmen Geschäfte mit einem Umsatz von 120 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Bei 8000 Geschäften in den vergangenen beiden Jahren habe es nur acht Mistrades gegeben. „Ich bin nicht auf die Ausnutzung solcher Fehler spezialisiert“, sagt er. Sein Geschäft bestehe in der „automatischen Quotierung“ ausländischer Aktien. Er trage dazu bei, dass Privatkunden eine geringere Gebühr zahlen müssten, wenn sie ausländische Aktien in Deutschland kauften.

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Der Anwalt des Börsenhändlers jedenfalls behauptet, dass ähnliche Fälle, bei denen es allerdings um kleinere Summen ging, vor Gericht immer erfolgreich ausgegangen seien – oder durch einen Vergleich geklärt wurden: „Es gibt bis dato keinen gleich gelagerten Fall, der gegen den Investor entschieden wurde“, behauptet Armin S. Bei der Deutschen Bank habe es 2008 einen etwas ähnlichen Fall gegeben. Dort ging es um Gold-Optionsscheine und eine Summe von 60 Millionen Euro. Der Fall ging bis zum BGH. „Der BGH hat damals in einem Richtungsurteil entschieden, dass die Bedingungen der Zertifikate auch im Falle eines offensichtlichen Fehlers nicht nachträglich angepasst werden dürfen“, sagt der Wertpapierhändler.

Der ganze Streit könnte sich nun noch einige Zeit hinziehen. Wenn er bis zum Bundesgerichtshof gehen müsste, um sein Recht durchzusetzen, könnte das im Extremfall sieben Jahre dauern und rund 4 Millionen Euro kosten, meint der Börsenhändler. „Darauf spekuliert meiner Ansicht nach die BNP, um mich in die Knie zu zwingen.“ Als Erstes hat die Bank schon mal die sogenannte Schriftsatzfrist verlängern lassen, bis zu der sie ihre Ausführungen einreichen muss. Die Begründung: Alles müsse für die betroffenen BNP-Banker erst ins Französische übersetzt werden: „Zudem befinden sich die Ansprechpartner der Beklagten im Juli und August – wie in Frankreich üblich – im Sommerurlaub.“ Armin S. jedenfalls bemüht für die Beschreibung seines Falls gern auch die Rhetorik eines Kampfes David gegen Goliath: „Es geht um eine Grundsatzfrage. Banken wurden zu Unrecht mit Steuergeldern gerettet, doch wenn ein Konsument einmal recht hat, wollen die Banken nicht zahlen.“

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