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Anlageprofis zum Börsenverlauf : Der Sprung der toten Katze

  • -Aktualisiert am

Die Bären machen die Börsen nervös. Bild: dpa

Die Corona-Krise ist einzigartig, doch nach Ansicht mancher Marktprofis gelten die üblichen Phasen von Kurseinbrüchen – damit auch der Sprung der toten Katze – dennoch. Andere sehen einen Vierfach-Schock für die Weltwirtschaft.

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          Der Sprung der toten Katze ist eine jener abgebrühten Redewendungen, mit der Börsenprofis das beschreiben, was nach einem Kurseinbruch oft passiert: Eine kurze Rally als Zwischenstation auf dem weiteren Weg nach unten. Wenn eine Katze vom Balkon aufs Pflaster stürzt, prallt sie umso stärker vom Boden ab, je tiefer ihr Fall war. Besonders tierlieb ist das Sprachbild vom „dead cats bounce“ nicht.

          Mark Fehr

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tierfreundlicher ist der Begriff vom Effekt zweiter Ordnung. Der ist nach Ansicht von Eoin Murray zu beobachten, Head of Investment bei Federated Hermes. Das Unternehmen verwaltet rund 575 Milliarden Dollar: „In Krisenzeiten durchlaufen die Märkte in der Regel unterschiedliche Phasen – und in der aktuellen Pandemie-Krise verhält es sich da nicht anders“, wird Investmentprofi Murray zitiert. Er unterscheidet drei Phasen.

          Drei Phasen nach dem Schock

          Von einem exogenen Schock von außerhalb des Wirtschafts- und Finanzsystems getroffen, gingen die Märkte in die erste Phase des Schocks über, die Anleger kapitulierten. Regierungen sowie Zentralbanken reagieren mit einer Politik-Triage, von der sie hoffen, dass sie den Schaden zumindest teilweise abwenden wird. Zwischen dem 19. Februar und dem 23. März erlebte der amerikanische Aktienmarkt den schnellsten Ausverkauf der Geschichte mit einem Verlust des S&P-500-Index von 33,9 Prozent.

          Laut Murray befinden wir uns aktuell in der zweiten Phase. Während dieser zögen Anleger den sogenannten Effekt zweiter Ordnung in Betracht, bevor sie sich an einer kurzen Rally unter falschen Vorzeichen erfreuten, dem „Sprung der toten Katze“. Die vergangene Woche sei eine Rekordwoche für die Ausgabe von Investment-Grade-Anleihen gewesen – mit rund 213 Milliarden Dollar von 106 Emittenten.

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          Und diese von Unsicherheit geprägte zweite Phase könne sich ständig wiederholen. Erst nach weiterer Betrachtung denken viele Anleger über die Auswirkungen in der Phase 3 nach. Sie merken dann, dass sie anfangs tatsächlich Recht hatten und eine weitere Marktkonsolidierung folgt. 

          Eine Erholung von der Baisse beginnt laut Murray erst in der dritten Phase. Während dieser können Anleger eine Pause einlegen, um über einen längerfristigen Ausblick und die genaue Art der Veränderungen nachzudenken, die folgen werden.

          Auch nach Ansicht der Anleiheprofis der Vermögensverwaltung JP Morgan Asset Management ist für Anleger weiter Vorsicht angebracht. Sie sehen eine Rezession nun als Basis-Szenario.

          Das liege daran, dass gleich vier Schocks auf einmal aufgetreten seien: Zum Angebotsschock aufgrund des Shutdowns Chinas als Reaktion auf das Coronavirus kam ein Nachfrageschock infolge der eingeleiteten Quarantänemaßnahmen in einer Vielzahl von Volkswirtschaften auf der ganzen Welt.

          Hinzu kam dann noch der Ölschock aufgrund des umfangreichen Ölpreiseinbruchs. Dies alles führte zu dramatischen Verkäufen an den Kapitalmärkten, sodass es zusätzlich einen Liquiditätsschock gab – worauf eine massive expansive geldpolitische Antwort durch die Notenbanken folgte.

          Märkte bleiben nervös

          Laut Robert Michele, Chef für Anleihen und Rentenmärkte bei JP Morgan Asset Management, ist aber keine neue Finanzkrise zu befürchten: „Wir glauben nicht, dass das System heute so verschuldet ist wie 2008. Die Möglichkeit des Eintretens einer Finanzkrise ist nach wie vor sehr gering“, so seine Einschätzung. Aufgrund der Vorschriften des Dodd-Frank-Act sind Händler in Krisenzeiten jedoch nicht in der Lage, für ausreichend Liquidität zu sorgen, was teilweise für die Marktverwerfungen der letzten Wochen sorgte.

          Robert Greil, Chef-Anlagestratege bei der Privatbank Merck Finck, erwartet ins seinem Wochenausblick weiter hohe Nervosität an den Kapitalmärkten. „Das zweite Quartal wird angesichts der offenen Kernfrage, wie schnell die wirtschaftlichen Aktivitäten weltweit wieder anlaufen, sowohl konjunkturell wie börsentechnisch extrem schwierig werden“, sagt Greil.

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