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Corona verschärft Ungleichheit : Junge Menschen, Frauen und Ärmere sind die Opfer der Krise

Kinder gehören zur der Gruppe, die besonders unter der Krise leiden. Bild: dpa

Bundesbankpräsident Jens Weidmann warnt vor der Verschärfung der Ungleichheit durch die Corona-Krise. Er hält aber wenig davon, mit Umverteilung durch die Geldpolitik zu reagieren.

          3 Min.

          Die Corona-Krise verschärft die Ungleichheit in Deutschland. Auch die Geldpolitik muss diese Entwicklung im Blick haben – die Zentralbanken sollten sie aber nicht einsetzen, um Verteilungsziele zu erreichen. Das hat Bundesbankpräsident Jens Weidmann bei der „International Conference on Household Finance“ erklärt. Die Position ist nicht ohne Brisanz: Seit Christine Lagarde vor anderthalb Jahren Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) wurde, haben sie und EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel neben der „grünen“ Geldpolitik und der Geschlechtergleichstellung das Thema „Ungleichheit“ auf das Tableau der Notenbank gehoben. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich zunehmend damit.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weidmann präsentierte allerhand Erhebungen zu der Frage, wie die Corona-Krise auf die soziale Ungleichheit wirkt. Die Pandemie bedeute Umsatzeinbußen für Unternehmen und Selbständige, was dazu führen könne, dass diese Ausgaben einschränkten und eine Abwärtsspirale einsetze. In Deutschland hätten staatliche Hilfen dazu beigetragen, die Folgen abzumildern und die Einkommen zu stabilisieren. Dennoch reduzierten die privaten Haushalte ihre Ausgaben stark, so dass ihre Sparquote im vorigen Jahr von 11 auf mehr als 16 Prozent stieg.

          Schulschließungen als Quell der Ungleichheit

          Allerdings sei diese Ersparnis ungleich verteilt. Eine Online-Befragung der Bundesbank zeige, dass im ersten Lockdown mehr als 40 Prozent der Befragten Einkommens- und Vermögenseinbußen hatten, wobei Einkommensverluste bei Haushalten mit niedrigem Einkommen ausgeprägter gewesen seien als bei solchen mit hohem. Auch die Motive für das Sparen waren unterschiedlich. „Für Befragte mit niedrigem Haushaltseinkommen waren klassische Vorsorgemotive nur geringfügig weniger wichtig als Gründe, die mit der Pandemie zusammenhängen“, sagte Weidmann. „Zudem haben vor allem Haushalte mit hohem Einkommen ihre Ersparnisse aufgestockt.“

          Auch bei Kindern gebe es unterschiedliche Folgen. „Laut einem UN-Bericht hat die Covid-19-Pandemie fast 1,6 Milliarden Lernende in mehr als 190 Ländern auf der ganzen Welt getroffen – die größte Störung der Bildungssysteme in der Geschichte“, sagte Weidmann. Die Schließung von Schulen könne zu Lernverlusten führen, die die lebenslangen Einkommensaussichten der betroffenen Schüler beeinträchtigten. Eine Gruppe von Weltbank-Ökonomen schätze, dass diesen Schülern im Laufe ihres Arbeitslebens 10 Billionen Dollar an Arbeitseinkommen entgehen könnten – das entspreche mehr als einem Zehntel der globalen Wirtschaftsleistung.

          Die Störungen könnten jedoch nicht nur die Größe des „Kuchens“ betreffen, auch seine Verteilung, sagte Weidmann. Für Eltern mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Vermögen sei es womöglich schwieriger, die außerschulische Bildung ihrer Kinder sicherzustellen: „Aus diesem Grund könnten Schulschließungen eine starke Quelle für zukünftige Ungleichheit sein.“ Die Ökonomen Lee Elliot Major und Stephen Machin von der London School oft Economics warnten: „Covid 19 könnte junge Menschen in ein dunkles Zeitalter abnehmender sozialer Mobilität stürzen.“

          Bundesbankpräsident Jens Weidmann weist auf Folgen der Krise für die soziale Ungleichheit hin.
          Bundesbankpräsident Jens Weidmann weist auf Folgen der Krise für die soziale Ungleichheit hin. : Bild: Reuters

          Auf dem Arbeitsmarkt könnten junge Menschen, Frauen und Arbeitnehmer mit geringen Einkommen von der Krise überdurchschnittlich hart getroffen werden, sagte Weidmann. Auch hinsichtlich der Geschlechtergleichstellung gebe es Rückschläge: Nicht nur, weil Frauen überdurchschnittlich oft in Branchen arbeiten, die von der Pandemie stark betroffen sind. Sie übernähmen während der Schließung der Schulen oft auch überproportional viele zusätzliche Aufgaben zu Hause. Auch beim Einsatz von Technik fürs Homeoffice gebe es Ungleichheit. Arbeitnehmer mit höherem Einkommen hätten oft einen besseren Zugang zu internetbasierten Instrumenten für mobiles Arbeiten, sagte Weidmann: „So haben 40 Prozent der Arbeitnehmer mit höherem Einkommen die Möglichkeit, aus der Ferne zu arbeiten – während es bei den übrigen Arbeitnehmern nur 18 Prozent sind.“

          Sehr treffend habe es der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz formuliert: „Covid-19 war kein Virus der Chancengleichheit.“ Langfristig könnte sich zudem die Ungleichheit verschärfen, wenn die Krise gleichsam ökonomische „Narben“ hinterlasse; wenn Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, künftig ängstlicher würden und weniger ausgäben – oder wenn Unternehmen grundsätzlich weniger investierten. Allerdings gebe es Studien, dass solche Effekte nach Finanzkrisen stärker auftauchten als nach Epidemien. Erste Erfahrungen aus Wuhan in China hätten den vorübergehenden Charakter vieler Krisenphänomene bestätigt.

          Für die Geldpolitik sieht Weidmann Auswirkungen – auch wenn er es ablehnt, diese an Verteilungszielen auszurichten. „Die Verantwortung für diese Aufgabe liegt eindeutig bei den Regierungen und Parlamenten, da sie sowohl die demokratische Legitimation als auch die Instrumente zum Handeln haben.“ Aber schon für die Wirkung von Geldpolitik, die Transmission, könnten Verteilungsfragen eine Rolle spielen. Zudem müssten Verteilungseffekte der Geldpolitik selbst berücksichtigt werden, soweit sie einen Einfluss auf das Erreichen des Preisstabilitätsziels hätten. Weidmann zitierte den früheren britischen Notenbankchef Mark Carney: „Jede Bewertung der Verteilungsfolgen von Geldpolitik muss anerkennen, dass die negativen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und volatiler Inflation vor allem die Ärmsten der Gesellschaft treffen.“ Diese vor allem gelte es zu vermeiden.

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