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Sinkende Nachfrage : Weniger Kaffeedurst dank Homeoffice

Mal schnell auf einen Kaffee macht derzeit wie hier in Chile weniger Spaß. Bild: dpa

Kein Kaffee im Büro, kein Treffen auf einen Kaffee – der sozial motivierte Kaffeekonsum ist wie die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt deutlich gesunken. Ob die heimische Tasse das auf Dauer auffangen kann, ist noch ungewiss.

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          Kaffee ist das Lebenselixier der Büros der Welt. Die tägliche Tasse(n) haben den Charakter eines Rituals, der gemeinsame Gang zum Automaten die Anmutung einer Prozession, zumindest aber einen starken sozialen Aspekt. Nach Angaben des Finanzinformationsdienstes Bloomberg macht sich mittlerweile bemerkbar, dass in den meisten Büros der Welt die Kaffeemaschinen kalt bleiben, selbst wenn die heimischen Geräte auf Hochtouren laufen. Erstmals seit 2011 werde im laufenden Jahr wohl der globale Kaffeekonsum sinken, prognostiziert das amerikanische Landwirtschaftsministerium und das obwohl es durchaus Hamsterkäufe gebe.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch es ist nicht nur der mangelnde Kaffeedurst in den Büros. Ein Viertel der Nachfrage stamme von Cafés und Restaurants. Der britische Rohstoffhändler Marex Spectron schätzt, dass global 95 Prozent des gastronomischen Kaffeekonsums irgendwann einmal von Maßnahmen gegen die Pandemie betroffen war. Und auch aktuell ist immer noch eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, wenn es darum geht, wie ehedem in einer Bäckerei oder einem Café allein oder zu zweit einen Cappuccino oder Ähnliches zu genießen. “Wenn du Lust auf einen Cappuccino hast, kann Online-Bestellen nicht richtig funktionieren“, sagt Robert Robinson, Mit-Gründer der Londoner Kaffeehauskette Notes. „Beim Kaffee geht es um das Soziale.“

          Auch das Außer-Haus-Frühstück auf dem Weg ist weniger attraktiv geworden, zumal sich immer noch weniger Beschäftigte allmorgendlich auf den Weg zur Arbeitsstätte begeben – schon gar nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wo das Kaffeetrinken nun einmal einfacher ist als am Steuer eines Fahrzeugs. Dunkin‘ Brands, die Muttergesellschaft von Dunkin‘ Donuts beklagt, während der Pandemie den größten Teil der Frühstücksgäste verloren zu haben. Starbucks versucht es derweil mit Online-Bestellungen und Abholungen statt dem Vor-Ort-Verzehr.

          In Deutschland scheint dies alles  zumindest bisher am Kaffeekonsum nicht viel geändert zu haben. Die Lust auf Kaffee sei in den ersten Monaten der Corona-Pandemie ungebrochen gewesen, hieß es Ende Mai vom Deutschen Kaffeeverband. Im März und im April 2020, den Monaten des schärfsten „Lockdowns“ also,  sei der Kaffeekonsum sogar um rund 3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Das sei umso beachtlicher, da der Außer-Haus-Konsum in Cafés, Coffeeshops und Restaurants im gleichen Zeitraum signifikant um rund 76 Prozent eingebrochen sei. Selbst in Bäckereien, die weiter geöffnet bleiben durften, sei der Kaffeeausschank um 17 Prozent geschrumpft. Dafür aber sei der heimische Konsum um 20 Prozent gestiegen. Man könne die Kategorie Kaffee daher als krisenfest bezeichnen, sagte Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Verbands.

          Nichtsdestoweniger prognostizierte die internationalen Regierungsorganisation „International Coffee Organization“ (ICO) schon im April, dass ein niedrigeres globales Bruttoinlandsprodukt mit 95 Prozent auf die Nachfrage nach Kaffee durchschlagen werde. In der Anfangszeit der Pandemie habe es Hamsterkäufe gegeben, diese dürften aber nicht nachhaltig sein.

          Die Ursache für die Volatilität der Kaffeepreise in den vergangenen Monaten ist auch auf der Angebotsseite zu suchen. In den ersten Wochen der Corona-Krise stieg der Preis für das Pfund der Sorte Arabica zunächst bis auf 1,25 Dollar, sind aber seit Ende März um 25 Prozent auf zuletzt 97,70 amerikanische Cent gefallen und liegen damit deutlich unter dem 50-jährigen Durchschnitt von rund 1,24 Dollar. Der Preis für die Tonne Robusta-Kaffee notiert mit aktuell 1194 Dollar nahe einem Allzeittief. Die Citigroup prognostiziert, dass der Preis für Arabica in der zweiten Jahreshälfte bis auf 90 Cents fallen wird. Damit läge er nahe der Produktionskosten.

          Denn die Kaffeeernte wird offenbar gut ausfallen. Nach den jüngsten Prognosen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA) ist eine Rekordernte von rund 10,6 Millionen Tonnen zu erwarten. Die Wetterbedingungen zur Blütezeit seien in den meisten Regionen Brasiliens gut, zudem befinde sich die Produktion auf dem Hochpunkt des zweijährigen Zyklus‘. Daran ändere auch wenig, dass die niedrigen Preise für Robusta die vietnamesische Produktion sinken lassen werde, weil viele Bauern wegen der niedrigen Preise auf den Einsatz von Bewässerung verzichtet hätten. 

          Probleme verursacht die Covid19-Pandemie dagegen bei der Verfügbarkeit von Pflückern und der Abwicklung der Ausfuhren in den Häfen. Nach dem Dafürhalten der ICO werden sich diese Effekte aber erst in der zweiten Jahreshälfte bemerkbar machen. Insgesamt seien die Nettoeffekte von der Nachfrage- und der Angebotsseite noch nicht so richtig abzuschätzen, heißt es von der ICO.

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