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An den Börsen ist Geduld nötig : Es werde Licht

Lichtstrahlen über der Frankfurter Skyline: Derzeit leidet die Wirtschaft und die Finanzbranche, aber bessere Zeiten werden wieder kommen. Bild: Jana Mai

Zu den größten Herausforderungen in der Krise gehört es, Unsicherheit auszuhalten. Selten hat der Faktor Zeit eine so zentrale Rolle gespielt. Die Erholung an den Märkten wird Zeit brauchen, aber sie wird kommen.

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          Das schmerzt: Der Dax beendete den Monat März bei 9936 Punkten. Dies entspricht einem Minus von gut 16 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Das ist der größte Monatsverlust seit August 2011. Im ersten Quartal gab der deutsche Leitindex sogar um mehr als 26 Prozent nach. Auch M-Dax und S-Dax verloren im Gleichschritt. Die schlechte Nachricht: Der Boden ist noch nicht erreicht. Der Volatilitätsindex, eine Art Panikbarometer der Börse, liegt derzeit immer noch auf Rekordhöhe.

          Nun hätte die genaue Gewissheit, wie viele Unternehmen diese Krise im Zuge von Corona nicht überleben oder großen Schaden nehmen, sicher auch keine besonders positiven Implikationen auf das Börsengeschehen. Allerdings schadet dem Treiben an den Märkten nichts mehr als Unsicherheit. So lange niemand weiß, wie lange der weltweite Shutdown dauert, so lange kann auch niemand Aussagen über die Aussichten der Unternehmen treffen. An der Börse aber wird nichts anderes als die Zukunft gehandelt. Diesem Handeln nimmt das Coronavirus gerade die Grundlage.

          Hilfspakete sorgten nicht für Kehrtwende

          So ist auch das Auf und Ab an der Börse zu erklären. Investoren greifen nach jedem Strohhalm, der sich ihnen bietet. Die weltweit in rasender Geschwindigkeit durchgepeitschten, milliardenschweren Hilfspakete hatten für eine kurze, aber auch deutliche Erholung gesorgt. Der Dax lugte dann am Anfang der Vorwoche für einen kurzen Moment wieder über die psychologisch so wichtige 10.000-Punkte-Grenze. War das die herbeigesehnte Kehrtwende? Nein, danach geht es wieder abwärts. Und auch wenn der Dax am Montag dazu abermals ansetzt - Jeder Tag, den diese Krise andauert, lastet wie Blei auf den Bilanzen der Unternehmen. Und dann folgt die nächste Furcht auf dem Fuße: Führt die Krise der Realwirtschaft und das reihenweise Ausfallen von Krediten zur nächsten Banken-Krise und dann nahtlos weiter in die nächste Euro-Krise? Die Wahrheit ist: Wir wissen es nicht.

          In der Verzweiflung versucht man sich an Vergleichen mit anderen Krisen. In der jüngeren Vergangenheit bieten sich da das Platzen der Internetblase im Jahr 2000 oder eben die Finanzkrise 2008 an. So gerne wir Parallelen suchen und auch finden würden: Die Ereignisse sind nur bedingt vergleichbar. Die Verluste mögen sich ähnlich sein, die Ursachen sind es selten.

          Die Internetblase platzte, weil zu viele Anleger die Gier entdeckten. Es gingen Unternehmen an die Börse, die dort niemals hingehörten. Umsätze wurden aufgebläht, Geschäftsmodelle geschönt, Ergebnisse mit sehr zweifelhaften Methoden in die Höhe getrieben. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der Schwindel auffliegen musste. In der Finanzkrise 2008 waren es vor allem die Banken, die im Mittelpunkt standen. Ausgehend von windigen Geschäften auf dem amerikanischen Immobilienmarkt blickte die Finanzwelt wenige Monate später in den Abgrund.

          Unternehmen haben die Krise nicht verursacht

          Heute, in der Corona-Krise, sind die meisten Unternehmen, die jetzt von dem weltweiten Stillstand betroffen sind, gesunde Unternehmen. Diese Krise haben sie – anders als einst die Banker – nicht verursacht. Und die Banken und ihre Aufseher haben immerhin aus den Geschehnissen 2008 gelernt und sind besser reguliert und besser kapitalisiert als vor mehr als zehn Jahren. Sie sind robuster. Das sind gute Nachrichten.

          Deswegen sollten Anleger bei aller Unsicherheit Ruhe bewahren. Auch wenn der Boden noch nicht erreicht sein sollte, weil eine Rezession wohl zwangsläufig folgen muss: Sobald die Unternehmen wieder arbeiten können, wird es aufwärts gehen – auch an der Börse. Autos werden wieder gekauft, Reisen wieder gebucht, Häuser wieder gebaut. Beschäftigte werden die Kurzarbeit wieder verlassen und den Konsum ankurbeln. Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels.

          Für Anleger kann die Krise am Ende sogar neue Chancen eröffnen. Unternehmen sind in diesem Shutdown gezwungen, neue Wege zu beschreiten. Die Digitalisierung hat allerorten eine Dynamik angenommen, die wohl niemand zuvor erwartet hatte. Das wird bleiben. Die Bedenkenträger des technischen Fortschritts werden in die zweite Reihe zurücktreten müssen. Das wird so manchem Unternehmen Auftrieb geben. Ganz zu schweigen von den Branchen, die an Zukunftstechnologien arbeiten und schon heute unter Beweis stellen, was sie zu leisten im Stande sind. Grundschulkinder, die mit eben diesen Technologien innerhalb von Tagen in die Lage versetzt werden, per Videokonferenz englische Vokabeln zu lernen, sind dafür der beste Beweis.

          Zu den größten Herausforderungen in dieser Krise gehört es, die Unsicherheit auszuhalten. Selten hat der Faktor Zeit eine so zentrale Rolle gespielt. Die Erholung an den Märkten wird Zeit brauchen, aber sie wird kommen.

          Inken Schönauer

          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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