https://www.faz.net/-gv6-a6szk

Pandemiekosten : Die traurige Botschaft

Weihnachten im Schatten der Pandemie: Im Hintergrund der Krippendarstellung ein überdimensioniertes Virus-Modell (Symbolbild) Bild: Patrick Junker

Herzlichen Glückwunsch, Sie wurden zum Pestkanzler ernannt! Nun entscheiden Sie, wie Deutschland in der Pandemie agiert. In finanziellen Belangen berät Sie gerne unser Autor. Notendruck, Steuererhöhung oder Vermögensabgabe – was darf’s sein?

          5 Min.

          Wenn es in den letzten Jahren weihnachtete, habe ich mich stets bemüht, Ihnen eine (frohe) Botschaft zu überbringen. Das wird in diesem Jahr, so fürchte ich, leider nicht klappen, und der Grund ist Corona. Ich habe Sie im April dieses Jahres gefragt, wer für die wirtschaftlichen Schäden aufkommen soll, die durch diese Pandemie verursacht worden sind, und Sie haben sich in würdevolles Schweigen gehüllt. Das ist Ihr gutes Recht, doch ich gehe davon aus, dass Sie nicht so naiv sind wie Grüne und Rote, bei denen der Strom aus der Steckdose kommt und das Geld vom Himmel fällt. Irgendjemand wird die Zeche bezahlen müssen, und das werden im Zweifel natürlich Sie sein – oder sehen Sie das anders?

          Volker Looman
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Sie werden in diesem Jahr „ruhige“ Weihnachten feiern, und Sie werden viel Zeit haben, über das Leben nachzudenken, weil Ihnen weder Freunde noch Verwandte auf die Pelle rücken und auf die Nerven gehen werden. Das sind in meinen Augen ideale Voraussetzungen für ein Experiment der besonderen Art. Ich möchte Sie über die Feiertage zum „Pestkanzler“ ernennen und Sie mit allen Vollmachten ausstatten, die zur Abwehr von Gefahren für Leib und Seele nötig sind. Sie haben das Wirtschaftsleben heruntergefahren, um die Zahl der Toten zu minimieren. Das war ein Gebot der Nächstenliebe. Nun verteilen Sie seit Wochen riesige Geldsummen, um das Volk zu beruhigen. Das ist kein Gebot der Nächstenliebe, weil Sie genau wissen, dass Sie dieses Geld gar nicht haben. Folglich müssen wir jetzt darüber reden, wer die Sause bezahlen soll.

          Notendruck, um sich hoher Schulden zu entledigen

          Ich gehe davon aus, dass Sie die üblichen Mittel kennen, um ein Volk in finanzieller Hinsicht zu filetieren, und sollte das wider Erwarten nicht der Fall sein, dann will ich Ihnen drei Klassiker nennen: Notendruck, Steuererhöhung und Vermögensabgabe. Das sind seit Jahrhunderten bewährte Hausmittel, um in Notzeiten zu Geld zu kommen, und die hohe Kunst der Besteuerung besteht darin, die Gans so zu rupfen, dass sie wenig Geschrei macht und viele Federn lässt. Das wusste schon Jean-Baptiste Colbert, der Finanzminister des französischen Sonnenkönigs, und ich bin sehr gespannt, wofür Sie sich entscheiden werden.

          Die einfachste Methode, um Mittel zu verteilen, die nicht vorhanden sind, dürfte die „Herstellung“ von Geld sein. Früher wurden Münzen gepresst, heute werden Noten gedruckt. Der Aufwand ist gering, und die Wirkung ist fatal. Es ist eine Binsenweisheit, dass die Zunahme der Geldmenge zu Entwertung führt, doch gegen Aktionismus, Dummheit und Populismus ist kein Kraut gewachsen. Die Geldmenge M3 ist im letzten Jahrzehnt im Euroraum um 48 Prozent gestiegen, und es sind keine Anzeichen erkennbar, dass sich an dieser Politik in naher Zukunft viel ändern wird. Sie ist und bleibt neben dem „Nullzins“ der einfachste und effektivste Weg, um sich hoher Schulden zu entledigen, und die Corona-Hilfen sind nichts anderes als Verbindlichkeiten.

          Im Vergleich zum Drucken von Geld führt die Erhöhung von Steuern zu lautem Geschrei. Trotzdem können Sie, wenn Sie als erfolgreicher „Pestkanzler“ in die Geschichte eingehen wollen, auf dieses Folterwerkzeug nicht verzichten. Der Solidaritätszuschlag für den Wiederaufbau des Ostens dieser Republik wird in zwei Wochen für 90 Prozent aller Bürger wegfallen, weil die Freibeträge angehoben worden sind. Was halten Sie von der Idee, die Abschaffung zu widerrufen, die Abgabe zu erhöhen und in „Corona-Notopfer“ umzubenennen?

          Ich würde drei Klassen einführen. Wer bis 50.000 Euro im Jahr verdient, wird mit einem Zuschlag von 5 Prozent auf die Einkommensteuer zur Ader gelassen. Bei einem Jahresverdienst von 50.001 bis 100.000 Euro würde ich 10 Prozent auf die Abgaben aufschlagen, und wer im Jahr mehr als 100.000 Euro verdient, soll auf die Einkommensteuer weitere 15 Prozent abführen. Das ist gerecht und solidarisch, wenn ich diese „hehren“ Worte bemühen darf, und ich würde die Abgaben mit den Corona-Nadeln in Bronze, Silber und Gold belohnen, weil Rangabzeichen in allen Epochen der Menschheit wirkungsvolle Stilmittel waren.

          Der Druck neuer Geldscheine und die Erhöhung der Steuern, natürlich alles in Maßen, werden die kleinen Löcher stopfen, welche die Pandemie in die Kassen gerissen hat. Ich fürchte aber, und das ist die traurige Botschaft zur diesjährigen Weihnacht, dass die großen Löcher, die in den nächsten Monaten entstehen werden, viel härtere Maßnahmen erfordern.

          Lastenausgleich von 1952

          Die älteren Jahrgänge von Ihnen werden sich bestimmt an den 14. August 1952 erinnern. An diesem Tag wurde das Gesetz über den Lastenausgleich im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Damit wurden die Menschen, die am 21. Juni 1948 mehr als 5000 Mark besaßen, zu einer Abgabe in Höhe von 50 Prozent gezwungen. Sie konnte in Form einer Einmalzahlung oder 120 zinsloser Vierteljahresraten entrichtet werden. Nun wabern Gedanken durch Berlin, dass das reichste Prozent dieser Gesellschaft, also die 400.000 Haushalte, die mehr als 2,5 Millionen Euro besitzen, einmalig 10 bis 20 Prozent abgeben sollen. Sollten Sie also in der misslichen Lage stecken, nicht nur Bargeld, sondern auch Anleihen, Immobilien und Aktien im Gesamtwert von 5.000.000 Euro zu besitzen, könnten Sie mit 375.000 Euro zur Ader gelassen werden, wenn auf die zweite Hälfte des Vermögens eine Abgabe von 15 Prozent erhoben wird.

          Bestimmt wird Ihnen, wenn Sie kein Millionär sind, die Idee gefallen, die Reichen bluten zu lassen. Neid ist in Deutschland seit Jahrhunderten die aufrichtigste Form der Anerkennung, und ich glaube nicht, dass diese „Todsünde“ auszurotten ist. Trotzdem behagt mir die Sache nicht. Corona befällt alte und junge Leute, die Pest unterscheidet nicht zwischen armen und reichen Menschen. Daher würde ich, rot wie ich nicht bin, aber gerne mal sein möchte, so bald wie möglich alle Leute, die Geld und Immobilien besitzen, zur Kasse bitten, frei nach dem Motto: Jeder gibt den Zehnten – und zwar sofort auf einen Schlag!

          F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

          Samstags um 9.00 Uhr

          ANMELDEN

          Mir ist bewusst, dass dieser Einfall sämtliche Voraussetzungen erfüllt, um Ihnen die gute Laune vor dem Fest restlos zu verderben. Das nehme ich billigend in Kauf, weil Sie als „Pestkanzler“ kaum Alternativen haben. Die technischen Mittel zur „Identifizierung der Besitzenden“ stehen Ihnen auf jeden Fall zur Verfügung. Wer eine Immobilie besitzt, steht im Grundbuch, und wer über Einlagen, Anleihen oder Aktien verfügt, hat nach einer Kontoabfrage keine Chance mehr, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Es lebe der gläserne Bürger!

          Bitte glauben Sie bloß nicht, sich mit Hilfe von Bargeld dem „Corona-Notopfer“ entziehen zu können. Erstens können Sie nicht allen Besitz versilbern, und zweitens haben Sie weder den Mut noch den Tresor, um das Bargeld zu Hause horten zu können. Selbst wenn Sie dazu in der Lage wären, würden Sie mit Hilfe willfähriger Blockwarte im Gefängnis landen. Sie haben richtig gelesen. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, was „Asozialen“ zwischen 1949 und 1989 in der Zone bevorstand, wenn sie in aller Frühe von drei Genossen in grauen Mänteln aufgefordert wurden, zur Klärung eines Sachverhalts mit auf die Behörde zu kommen. Das bedeutete Untersuchungshaft, in welcher die Delinquenten nach allen Regeln der Kunst „weichgekocht“ wurden. Möge sich dieser Terror nicht wiederholen, doch wenn es passiert, dann werden auch Sie spätestens nach einer Woche verraten, wo das Bargeld versteckt ist.

          Geld fällt nicht vom Himmel

          Ich will Ihnen mit diesen Schilderungen keine Angst machen, sondern nur die Illusion rauben, ungeschoren aus der Pandemie herauszukommen. Ich weiß nicht, welcher Obolus fällig sein wird, doch ich bin mir sicher, dass ein Preis zu bezahlen sein wird, weil das viele Geld, das in der Vergangenheit verteilt worden ist und in Zukunft unters Volk gestreut werden wird, doch nicht vom Himmel fällt. Genauso sicher bin ich mir, dass es kein Entrinnen geben wird. Die einzige Möglichkeit, um mit Steuererhöhungen oder Vermögensabgaben fertigzuwerden, ist in meinen Augen die persönliche Einstellung zu solchen Schicksalsschlägen.

          Bestimmt kennen Sie die Klage von Hiob in der Bibel: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Ich möchte mit diesem Hinweis nicht die Fehler von Bürokraten und Politikern entschuldigen, aber ich will Sie ermutigen, Ereignisse wie Corona mit stoischer Ruhe zu ertragen. Vielleicht hilft Ihnen ein Blick auf Deutschland. Wir leben in Freiheit, wir haben Zugang zu Bildung, wir haben ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, wir leiden keinen Hunger, und wir haben sauberes Wasser. Die fünf Punkte sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern wertvollste Errungenschaften, die „um jeden Preis“ bewahrt werden sollten – oder nicht?

          Volker Looman ist Finanzanalytiker in Berlin und Dresden.

          Jetzt mit F+ lesen

          Wie sensibel darf es sein? Der Philosoph Richard David Precht während der phil.Cologne im September 2021

          Precht und Flaßpöhler : Sie nennen es Freiheit

          Die haltlosen Behauptungen der Impfskeptiker dringen immer weiter in die bürgerliche Mitte vor. Für die neue pandemische Situation ist das fatal.
          FDP-Chef Christian Lindner wird bald die Finanzen des Bundes kontrollieren.

          Koalitionsvertrag : Die große Leere in der Steuerpolitik

          Was kann der künftige Finanzminister Christian Lindner in der Steuerpolitik erreichen, für die Bürger, für die Unternehmen? Beim Blick in den Koalitionsvertrag fällt eine merkwürdige Unwucht auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.