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Französischer IT-Konzern : Cloud-Anbieter OVH will nach dem Brand nun endlich an die Börse

Verheerend war der Brand im OVH-Rechenzentrum im März. Bild: Reuters

Das französische Unternehmen sieht sich wieder auf dem Expansionspfad. Bis zu 400 Millionen Euro könnten aus dem Börsengang zufließen.

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          In der Nacht vom 9. auf den 10. März dieses Jahres wurde vielen Menschen klar, dass eine Datenwolke („Cloud“) keine immaterielle Angelegenheit am Himmel ist, sondern ein höchst bodenständiges Geschäft. Ein Datenzentrum des französischen Cloud-Anbieters OVHcloud in Straßburg brannte völlig aus, ein zweites wurde teilweise zerstört. 120.000 Datendienste, darunter Tausende von Websites, E-Mail-Konten und Datenverwaltungen, fielen aus oder waren zeitweise gestört. Der Anbieter OVHcloud – das einzige europäische Unternehmen, das in dem zukunftsträchtigen Sektor der mächtigen amerikanischen Konkurrenz vermeintlich die Stirn bieten kann – war schwer angeschlagen.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Zwei Tage vor dem schweren Brand hatte der OVH-Gründer Octave Klaba angekündigt, sein Unternehmen an die Börse zu bringen. Aus nachvollziehbaren Gründen wurde daraus nichts. Doch der 46-jährige Franzose, der in Polen geboren wurde und OVH vor gut 20 Jahren gegründet hat, ist hartnäckig. Heute, nur ein halbes Jahr nach der Katastrophe, hält er die Markteinführung seiner Aktien wieder für möglich. Vor Ende dieses Jahres soll der Börsengang stattfinden, kündigte das Unternehmen am Montag an. „Man kann uns die Beherbergung von Daten ohne jede Bedenken anvertrauen“, versicherte Klaba in einer Onlinekonferenz mit Journalisten.

          Das Unternehmen habe große „Widerstandsfähigkeit“ gezeigt. Am 4. Mai hätten alle Dienstleistungen wieder zur Verfügung gestanden. Weil OVHcloud seine eigenen Server herstelle, habe das Unternehmen rasch Alternativen für die Datenspeicherung anbieten können. Rund 1000 Kunden habe OVHcloud verloren, berichtete der Generaldirektor Michel Paulin. Verglichen mit einem Kundenstamm von 1,6 Millionen, halte sich der Schaden somit in Grenzen. Auch in 99 Prozent der Streitfälle sei eine Einigung erreicht worden. „Wir haben die Bekanntheit und den Ruf unseres Unternehmens kürzlich gemessen. Wir sind jetzt wieder auf dem Niveau von vor dem Brand oder teilweise sogar besser als zuvor“, sagt Paulin.

          Ein Gaia-X-Gründer

          Allerdings muss der Anbieter weiter Lehren aus dem Unfall ziehen. So gab es in Straßburg wie in anderen Datenzen­tren etwa keine Anlagen, die im Fall eines Feuers Sauerstoff aus den Räumen ziehen. OVHcloud will künftig nicht auf solche Vorrichtungen setzen, sondern zieht unter anderem mehr Trennwände in den Datenzentren ein, damit sich ein Feuer nicht ausbreiten kann. Alle Daten der Kunden sollen zudem an einem zweiten Ort von OVH sicher gespeichert werden, was bisher nicht der Fall war.

          Für die besseren Sicherheitsstandards will das Unternehmen bis 2025 100 Millionen Euro investieren, sagte Finanzchef Yann Leca. Genaue Auswertungen des Unfallhergangs und die Identifikation der Ursache stehen noch aus; juristische Verfahren sowie Untersuchungen durch die Versicherungswirtschaft laufen. Immerhin kann OVH nun aber melden, dass die Versicherer zugesichert hätten, bis Ende September eine Summe von 58 Millionen Euro zu überweisen.

          Der Börsengang könnte das Unternehmen mit rund 4 Milliarden Euro bewerten, lautet manche Schätzung. Bis zu 400 Millionen Euro sollen dem Unternehmen zufließen; das Geld wird durch eine Kapitalerhöhung aufgebracht werden; so kann es vollständig für interne Investitionen sowie möglicherweise auch für Zukäufe ausgegeben werden. OVHcloud sieht sich mit seiner Angebotsbreite und Kundenzahl als Marktführer in Europa. Bei der Datenspeicherung im Rahmen der sogenannten privaten Cloud ist die französische Firma nach eigenen Angaben in Kontinentaleuropa die Nummer eins vor IBM Cloud und in ganz Europa unter Einschluss der Nicht-EU-Länder die Nummer zwei. Bei Internetdienstleistungen wie dem Beherbergen von Websites ist OVH nach eigenen Angaben in Europa die Nummer zwei hinter dem Anbieter 1&1.

          Der viel größere Markt ist freilich der Bereich der „öffentlichen Cloud“, dessen Umsatz auf 55 bis 60 Milliarden Euro geschätzt wird. Hier ist OVH in Europa nur fünftgrößter Anbieter nach Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure, IBM Cloud und Google Cloud. Vor allem um dieses Geschäft geht es im Rahmen der europäischen Gaia-X-Initiative, die neue Standards für Datensicherheit und für die Flexibilität auf der Kundenseite aufbauen soll. Bei den amerikanischen Cloud-Anbietern seien die Kunden in ihren Verträgen oft regelrecht „eingesperrt“, heißt es bei OVH, einem der Gaia-X-Gründer. Ohne Kündigungsmöglichkeiten müssten sie häufig erhebliche Preissteigerungen hinnehmen. OVH sieht sich dagegen als Garant von freier Kundenwahl und von europäischer Datensouveränität.

          Mit seinen rund 2500 Mitarbeitern hat OVHcloud 2020 einen Umsatz von 632 Millionen Euro erwirtschaftet. Die operative Umsatzrendite, bezogen auf ein bereinigtes Betriebsergebnis, betrug im vergangenen Jahr 40 Prozent. In Deutschland will OVH expandieren und sucht derzeit einen Standort für ein zweites Datenzentrum. Das erste befindet sich in Limburg.

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