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Chinesische Leitzinssenkung : Die Geldflut der Notenbanken hilft den Märkten

Den Kursverlauf im Blick: Selbst auf Schanghais Straßen ist das Interesse an der heimischen Börse groß. Bild: Reuters

China senkt den Leitzins und lockert die Kreditbedingungen für die Banken. Der Dax steigt um 3 Prozent. Auch Amerikas Technologiekonzerne heben die Stimmung - es wird jetzt ein deutlich geringerer Gewinnrückgang erwartet als bisher.

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          Ein unverhofftes Geschenk kurz vor dem Wochenende präsentierte die chinesische Zentralbank den Börsianern kurz vor dem Wochenende. Am Freitagmittag europäischer Zeit gab die People’s Bank of China die sechste Leitzinssenkung binnen eines Jahres bekannt. Der Satz für einjährige Ausleihungen an Banken sank um 0,25 Prozentpunkte auf 4,35 Prozent. Zudem müssen Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe nur noch 17,5 und nicht mehr 18 Prozent als Mindestreserve zurückhalten.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der Dax sprang nach der Mitteilung um 1 Prozent in die Höhe und baute sein Tagesplus auf 3 Prozent aus. Am späten Nachmittag lag er nach einem überraschend gestiegenen Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in den Vereinigten Staaten sogar kurzzeitig noch höher, zum Handelsende betrug der Zuwachs noch knapp 3 Prozent auf 10.784 Punkte. Der Euro verlor nochmals 1 Cent an Wert und kostete noch gut 1,10 Dollar.

          Schon am Donnerstag hatten Spekulationen über eine weitere Lockerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) für Kursgewinne des Dax und Verluste des Euro gesorgt. Der Dax war um 2,5 Prozent gestiegen, der Euro hatte 2 Cent verloren. Am Freitag waren die Gewinner am Aktienmarkt breit gestreut. Bayer, Daimler und Siemens gehörten zu den größten Gewinnern. Aber auch als weniger konjunkturabhängig geltende Werte wie Merck stiegen im Kurs.

          Sorgen um den Zustand der chinesischen Wirtschaft und damit auch der Weltwirtschaft galten zuletzt immer wieder als Grund für die Kursturbulenzen seit August. Der geriet der chinesische Aktienindex CSI 300 zwischenzeitlich stark ins Trudeln, steht aber immer noch deutlich höher als vor einem Jahr (siehe Grafik). Von knapp 11.700 Punkten fiel der Dax bis Ende September auf 9325 Punkte.

          „Teilen nicht die Schwarzmalerei“

          Seither hat er sich deutlich erholt. „Eine Transformation der chinesischen Wirtschaft weg von billigen Exporten hin zu einer stärkeren Binnenkonsum geht nicht ohne Friktionen“, sagt Walter Liebe, Anlagestratege von Pictet Asset Management. „Es ist in China derzeit nicht alles gut, wir teilen aber nicht die weit verbreitete Schwarzmalerei, dass alles dem Untergang geweiht sei.“

          Die Chinesen hätten viele Maßnahmen, auch stillschweigend ergriffen, die zu Verbesserungen geführt haben. So hätten sich viele chinesische Kommunen bei Staatsunternehmen Geld geliehen und so zu einem intransparenten und unregulierten Schattenbankenmarkt beigetragen. „Seit dem Frühjahr führt China das in ein System mit Kommunal-Obligationen über und legt so die Risiken offen.“ Der stark schwankenden Aktienmarkt dort sei durch eine Kasinomentalität gekennzeichnet.

          „Die verzweifelten Versuche, der Exzesse mit Staatseingriffen Herr zu werden, waren ein Fehler, aus dem die Chinesen lernen“, sagt Liebe. „Die entstandenen Kursverluste sind aus volkswirtschaftlicher Perspektive aber vernachlässigbar.“ Der sehr große chinesische Anleihemarkt läuft hingegen ruhig und gut und ist von konservativen Anlegergruppen geprägt. Gewinnen die Märkte wieder Zutrauen in die Entwicklung in China, dürften nach Liebes Einschätzung die benachbarten Märkte in Indonesien, Malaysia, Thailand und der Philippinen besonders profitieren. „Das sind unter den Schwellenländern die stabilsten und seriösesten Märkte, die bei Strukturreformen weiter sind als viele andere Schwellenmärkte.“

          Die Kurse der Schwergewichte überraschten

          Die schon vor der chinesischen Leitzinsentscheidung positive Börsenstimmung wurde auch von vielen guten Quartalszahlen vor allem von Technologieunternehmen aus den Vereinigten Staaten getragen. Alphabet (ehemals Google), Amazon und Microsoft überraschten besonders positiv. Die Aktienkurse der Börsenschwergewichte lagen im frühen amerikanischen Handel jeweils gut 10 Prozent im Plus.

          Der breit gestreute amerikanische Aktienindex S&P 500 gewann knapp 1 Prozent auf 2068 Punkte. „Es ist eine gute Nachricht, dass diese Gorillas die Prognosen übertrafen. Jedes Mal wenn Google, Microsoft und Amazon steigen, wird das einige der zuletzt schwächeren Resultate ausgleichen“, sagt Vincent Delisle, Anlagestratege beim Wertpapierhaus Scotia Capital der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          Nur noch 3,3 Prozent Gewinnrückgang erwartet

          Die Wall Street befindet sich mitten in der Bilanzsaison für das dritte Quartal. Analysten hatten für die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen zunächst mit einem Gewinnrückgang von mehr als 5 Prozent gerechnet. Nachdem einige Unternehmen die Erwartungen nun übertroffen haben, kalkulieren Analysten jetzt nur noch mit einem Rückgang von 3,3 Prozent wie der Informationsdienst Thomson Reuters meldet.

          Die Gewinnentwicklung der Unternehmen spielt langfristig eine entscheidende Rolle für den Trend der Aktienkurse. Professionelle Auguren an der Wall Street, die für den S&P 500 im Mittel mit leichten Gewinnen von 5 Prozent auf 2150 Punkte zum Ende des Jahres rechnen, fühlen sich jedenfalls bestätigt. Marktstratege Jonathan Golub, dessen Kursziel bei nur 2100 Punkten liegt, fragt sich sogar, ob er die Widerstandsfähigkeit des Marktes möglicherweise unterschätzt hat. „Es läuft, ehrlich gesagt, besser als ich erwartet und gehofft hatte und ich war möglicherweise nicht optimistisch genug“, grübelte Golub.

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