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China : Zunehmend droht eine Stabilisierungskrise

  • Aktualisiert am

Chinesischer Immobilienmakler Bild: dpa

Chinas Wachstum ist seit Jahren immer die letzte große Hoffnung für Anleger. Doch die Zeichen einer Destabilisierung mehren sich. Aber das Land kann die Kurve noch kriegen.

          3 Min.

          Die chinesischen Börsen haben sich am Dienstag wieder von den Kursverlusten des Monatgs erholt. Ein Kursfeuerwerk bei den Bankenaktien sorgte dafür, dass der Shanghai Composite Index mehr als die Hälfte seiner Vortagesverluste wieder wettmachte.

          Regierungsauflagen zur Abkühlung des Immobilienmarkts hatten dem Aktienmarkt am Montag einen Dämpfer versetzt. Der CSI 300-Index war um 4,6 Prozent gefallen, so stark wie seit November 2010 nicht. Der Unterindex für Immobilienwerte, der Shanghai Composite Exchange Property, hatte am Montag 9,3 Prozent ein: eine solche Talfahrt hat es seit Mitte 2008 nicht mehr gegeben. Am Dienstag ging es nur 0,5 Prozent aufwärts.

          Hoffen auf Profite der Banken

          Am Dienstag sorgten nun die Aussagen des scheidenden Ministerpräsidenten Wen Jiabao zum Auftakt des Nationalen Volkskongresses für neuen Auftrieb. Wen bestätigte das offizielle Wachstumsziel Chinas von 7,5 Prozent.

          Vor allem aber die Kurse von Banken-Aktien stiegen, weil die Akteure bei näherer Betrachtung zu der Überzeugung gelangt seien, dass die Regulierung des Immobilienmarktes für die Banken höhere Zinsmargen bedeuten dürfte, sagte Analyst Deng Wenyuan von Soochow Securities. Die Kurse der am Montag stark gebeutelten Immobilienaktien hatten zunächst noch weiter nachgegeben, schafften dann zum Teil aber doch noch den Dreh ins Plus.

          China setzt den Kampf gegen überhöhte Häuserpreise fort

          Die Rückschläge des Montags waren eine Reaktion auf die Ankündigung der Zentralregierung, den Kampf gegen überhöhte Häuserpreise fortzusetzen. An diesem Dienstag tritt in Peking der Nationale Volkskongress zusammen, um auf seiner jährlichen Sitzung eine neue Regierung zu bestimmen.

          Wen Jiabao kämpft seit längerem gegen den heiß laufenden Häusermarkt. Möglicherweise will er vor der Ämterübergabe noch einmal Fakten schaffen. Sein Nachfolger Li Keqiang setzt auf die Urbanisierung als Wachstumstreiber, also auf einen fortgesetzten Bauboom.

          Die neuen Auflagen sollen ein weiterer, als besonders drastisch beschriebener Schritt sein auf dem Weg, Spekulationen mit Liegenschaften abzuwenden. Sie sehen für bestimmte Städte gestiegene Eigenmittelanforderungen an Käufer von Zweitwohnungen vor sowie höhere Hypothekenzinsen und die Durchsetzung bestehender Gewinnsteuern beim Verkauf der Immobilien. Schon jetzt müssen solche Erwerber 60 Prozent des Kapitals selbst aufbringen, der Minimalzinssatz beträgt für fünfjährige Hypotheken 6,55 Prozent.

          Fokus auf das neue alte Wachstumsziel

          Analyst Liu Guangming von Dongxing Securities zeigte sich von den Tagesgewinnen des Dienstags wenig beeindruckt und warnt: „Das gegenwärtige Politikumfeld spricht nicht für Anlagen in Aktien. China hat damit begonnen, die Politik nicht nur für den Immobilienmarkt, sondern auch den Geldmarkt zu straffen“. Sollte sich diese Einschätzung durchsetzen, drohen auch den Banken-Aktien Kursverluste. Andererseits gehen die Anleger nach der Bestätigung des Wachstumsziels davon aus, dass China seine Politik in den Dienst des Wachstums stellen und zu stark dämpfende Effekte nicht zulassen wird.

          Um die Wirtschaft anzukurbeln, soll das Haushaltsdefizit im Vergleich zum Vorjahr von 1,6 auf 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Investitionen werden wegen des geringeren Exportwachstums durch die Krise in Europa und den Vereinigten Staaten weiter der Motor der Volkswirtschaft bleiben, indes soll langfristig die heimische Nachfrage ausgeweitet werden. Dabei erhöhen sich auch die Anleiheschulden der Gebietskörperschaften, deren offizielle und verdeckte Verschuldung allerdings schön länger Besorgnis unter Experten auslöst.

          Zweifel an der Stabilität nagen

          Doch immer mehr nagen die Zweifel an der Stabilität der Wachstumspolitik. Wen bekräftigte bei seinem letzten großen Auftritt seine Ansicht, dass Chinas wirtschaftliche Entwicklung „unausgewogen, unkoordiniert und nicht aufrechtzuerhalten“ sei. Während das Wachstum auch in China nachlasse, nähmen die Überkapazitäten in der Produktion zu. Die Betriebskosten der Unternehmen stiegen, ihre Innovationsfähigkeit sei schwach.

          Die Einnahmen der Regierung legten langsamer zu, doch ihre festen Ausgaben stiegen. Es gebe Risiken im Finanzsektor, die Industriestruktur sei unausgewogen. Die Wirtschaftsentwicklung laufe dem Umweltschutz entgegen. Der designierte Nachfolger Li Keqiang profiliert sich indes als Lebensstandardpolitiker. Er sieht sich als Urheber des Konjunkturprogramms in der Finanzkrise und plädiert für einen umfassenderen Zugang zu  Gesundheitsdiensten. Als seine Prioritäten gelten die Beschäftigungsförderung, eine umweltschonendere Energieerzeugung und die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Eine Stabilisierungspolitik ist weniger zu erwarten. Im Grunde droht China eine Stop-and-Go-Politik auf dem Immobilienmarkt, die eine Blase und deren Platzen eher hinauszögern als verhindern wird.

          Krise erscheint abwendbar

          „Li Keqiang wird darüber nachendeken, wie die Reformgeschwindigkeit aufrecht zu erhalten ist, um China vor einer harten Landung zu bewahren” sagt Yao Wei, Volkswirt für China bei der Societe Generale in Hongkong. Die chinesiches Wirtschaft verliere an Wettbewerbsfähigkeit, wiel die Löhne stark wüchsen, und die Unternehmensschulden und Überkapazitäten hoch seien. Da aber die Inflationsgefahren umstritten sind, könnte unter Li eine Anti-Inflationsbekämpfung zu spät einsetzen.

          Kurzfristig ist für China keine Krise zu befürchten und sie erscheint immer noch abwendbar. Hoffnungen werden dabei auf jüngere Reformer gesetzt, die ab 2017 zum Zug kommen könnten, wie den Harvard-Mathematiker Li Yuanchao. Doch dann könnte es auch schon zu spät sein.

          Wens mahnende Worte sind schon die eines Doyens, der keine Verantwortung mehr trägt und sich gerade deswegen leisten kann, die unschöne Wahrheit auszusprechen. Im Zweifel muss eine Suppe, die er eingebrockt hat, ein anderer auslöffeln.

          Anleger hatten vom China-Boom per saldo nicht viel. Seit Juli 2009 ist der CSI-300-Index um rund 30 Prozent gefallen.

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