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Vermögensverwaltung : Auch Unternehmen plagen sich mit Anlageproblemen

  • -Aktualisiert am

Auch Fraports Geld muss irgendwo angelegt werden Bild: dpa

Auch Finanzabteilungen müssen in der Niedrigzinsphase heftig kämpfen, um eine Entwertung des flüssigen Konzernvermögen zu verhindern. Doch ihr Problem wiegt deutlich schwerer – ein Teil des Vermögens ist nur geliehen.

          Sehr viele CFOs stecken seit einiger Zeit in einer Luxussituation: Nicht die Finanzierung der Unternehmen bereitet ihnen Sorgen, sondern die Anlage des stetig wachsenden Geldvermögens. Die börsennotierten Unternehmen in Deutschland sind in einer historisch fast einmaligen Situation: Ihre Nettofinanzverschuldung, bei der von den Finanzschulden die liquiden Mittel abgezogen wird, liegt bei Null. Viele börsennotierte Konzerne, aber auch viele Familienunternehmen, weisen einen deutlichen Überhang frei verfügbarer Gelder aus.

          So steht das Fachressort Treasury, das sich innerhalb der Finanzabteilungen mit dem täglichen Finanzmanagement beschäftigt, in der aktuellen Niedrigzinsphase vor ähnlichen Schwierigkeiten wie Privatleute. Es muss, wenn reale Verluste vermieden werden sollen, zumindest einen Inflationsausgleich erwirtschaften.

          Doch verfangen die bisher erfolgreichen Strategien der Geldanlage – in Fachkreisen Asset Management genannt – nicht mehr. „Noch bis 2008 lag unser vorgegebenes internes Renditelevel für eine ‚risikoarme‘ Strategie bei 5,5 Prozent“, berichtet Frank Jehle, Finanzvorstand beim Ludwigsburger Autozulieferer Mann+Hummel, einem  Familienunternehmen mit einem Jahresumsatz von 3,5 Milliarden Euro. Das vorgegebene Renditeniveau entsprach einmal einer Realverzinsung von rund 3 Prozent entsprochen, erinnert sich Jehle. „Ohne unser Zutun ist unsere Verzinsung inzwischen auf 2 bis 2,5 Prozent gesunken.  Damit erreichen wir nur einen Inflationsausgleich ohne nennenswerte Realverzinsung.“

          Frank B. Jehle, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung bei Mann + Hummel

          Verstärkt wird das Problem durch die Tatsache, dass viele Konzerne aus den Erfahrungen der Finanzkrise für sich die Konsequenz gezogen haben, ihre Finanzierung für alle Eventualitäten weit im Voraus zu sichern. Sie betreiben das so genannte „Pre Funding“ und begeben zum Beispiel  Anleihen oder Schuldscheine lange, bevor sie das Geld tatsächlich benötigen. Dafür  müssen die Konzerne Zinsen bezahlen, wobei  die Zinskosten, die sie mit ihren  Kapitalerträgen erwirtschaften, bei weitem nicht an die Zinskosten für das geliehene Geld heranreichen.

          Diese Strategie verfolgt auch der im Dax notierte Kasseler Düngemittelkonzern K+S, der aktuell über 2 Milliarden Euro Liquidität vorhält, die er als Vorratsfinanzierung für die Erschließung der kanadischen Kalimine „Legacy“ vorhält.

          Auch der Betreiber des Frankfurt Flughafens, Fraport, hat große Ausbaupläne und will sich schon weit im Vorfeld des geplanten Baus eines dritten Terminals weder vom Kapitalmarkt, noch von seinen Banken abhängig machen, wie Finanzvorstand Matthias Zieschang berichtet: „Mindestens 1 Milliarde Euro wollen wir immer an Liquidität vorhalten – für alle Fälle, aber auch für eventuelle M&A-Transaktionen.“ Fraport sucht laufend nach Möglichkeiten, sich an ausländischen Flughäfen  zu beteiligen.

          Matthias Zieschang, Vorstand Controlling und Finanzen der Fraport AG

          Auch Mann+Hummel, das im Vergleich zu Börsenkonzernen über einen schlechteren Kapitalmarktzugang verfügt, weist 15 Prozent der Bilanzsumme in Liquidität und Wertpapieranlagen aus, zum Teil auch kreditfinanziert: „Eine Überrendite bis zur Höhe des Zinsaufwandes für aufgenommene Vorsorgekredite wäre wünschenswert“, sagt Jehle. Aber die Realität lässt das nicht zu.

          Die Strategien der Konzerne, ihr Anlageproblem zu lösen, fallen unterschiedlich aus: Jehle, der sich auch privat für das Geschehen an den Kapitalmärkten begeistert, hält Aktien und Immobilien für überbewertet und wähnt eine Blasenbildung. „Bei Anleihen werden die Risiken nicht adäquat vergütet“, findet Jehle. Auch Rohstoffe seien aktuell nur begrenzt attraktiv. Einzig Währungen hält er für eine mögliche Portfoliobeimischung, obgleich diese schwierig zu steuern sind.

          Das Familienunternehmen setzt auf Absolute Return-Strategien, die unabhängig vom Marktgeschehen eine feste Rendite versprechen: Long-/Short-Ansätze oder die  selektive Auswahl bestimmter Aktien (Stock-Picking). Das Asset Management hat Mann+Hummel an eine Privatbank abgegeben.

          Ganz anders sieht das Asset Management bei Fraport aus: In Aktien investiert der Konzern schon seit längerem nicht mehr. Dafür spielen Anleihen eine große Rolle im Portfolio: Bis zu 75 Prozent können in Rentenpapiere von Banken, Industrietitel und Staatsanleihen investiert werden. Das Portfolio managen Stefan J. Rüter, Leiter Finanzen bei Fraport, und sein Team in enger Absprache mit CFO Zieschang selbst. Dafür haben sie sich ein striktes Regelwerk auferlegt, nach dem das Portfolio aktiv überwacht wird. Geographischer Anlageschwerpunkt ist Deutschland.

          CFOs setzen auf unterschiedliche Anlagestrategien

          Bislang geht das Konzept auf: Die bei Fraports exzellenter Bonität recht geringen Kosten aus der Zinsbelastung für die Konzernfinanzierung und die Erträge aus dem Asset Management (Carry) gleichen sich in etwa aus. Dies gelingt nicht allen Unternehmen: K+S-Treasury-Leiter Thomas Gerke sagt: „Wir haben einen negativen Carry in Kauf genommen, um dafür die Finanzierung für das Legacy-Projekt unabhängig von externen Einflüssen umsetzen zu können.“

          Schon heute ist absehbar, dass das Problem so schnell nicht wieder verschwinden wird. Bis 2016 hat die EZB bereits anhaltend niedrige Zinsen signalisiert,  und auch in anderen Währungszonen ist der Ausstieg aus der Nullzinspolitik noch nicht erfolgt. Doch all der damit verbundenen Kosten zum Trotz, gilt es auch festzuhalten: Viele Konzerne standen schon vor existentielleren Problemen.

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