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Uber-Chef Kalanick : Der Taxifahrerschreck

Travis Kalanick Bild: RICHARD PERRY/The New York Times

Travis Kalanick eckt mit seinem Fahrdienst Uber an - was ihn nicht im Geringsten stört. Er hat wie so viele andere Gründer auch kein abgeschlossenes Studium, aber dafür umso mehr Ehrgeiz.

          Neulich in Los Angeles. Das von Uber bestellte Auto kommt auf die Minute pünktlich. Der Wagen hat schon bessere Tage gesehen, dafür ist Fahrerin Joleen sehr freundlich. Sie erzählt, sie sei eigentlich Schauspielerin. Aber das Fahren für Uber mit ihrem Privatauto bringe ihr ein ansehnliches Zusatzeinkommen. Joleen sagt, ihre Chauffeurdienste seien so gefragt, dass sie jetzt mit ihrem stärker strapazierten Auto viel öfter in die Werkstatt muss.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Leute wie Joleen sind ganz nach dem Geschmack von Travis Kalanick. Der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende des in San Francisco beheimateten Fahrdienstes Uber erzählt gerne, dass er mit seinem Unternehmen Menschen hilft, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Uber schaffe 20.000 neue Arbeitsplätze im Jahr. Ein Uber-Fahrer in New York verdiene im Mittel 90.000 Dollar im Jahr, in San Francisco seien es immerhin noch 74.000 Dollar. Das wäre deutlich mehr als das Durchschnittseinkommen eines gewöhnlichen Taxifahrers, das auf 30.000 Dollar geschätzt wird.

          Unverdrossen auf Expansion

          Mit solchen Zahlen kontert Kalanick gerne, wenn er attackiert wird, und das kommt oft vor. Am Mittwoch gab es in vielen europäischen Städten Proteste von Taxifahrern gegen Uber. Kalanick kennt solcherlei Aufregung schon von seinem amerikanischen Heimatmarkt, wo er Uber vor vier Jahren mitgegründet hat. In welche Stadt auch immer er mit seinem Fahrdienst hinkam, überall schlug ihm die Opposition der etablierten Transportindustrie und oft auch von Lokalpolitikern entgegen. Aber wie es unter Unternehmern aus dem Silicon Valley üblich ist, ließ sich Kalanick davon wenig beeindrucken. Die Devise heißt: Erst einmal vorpreschen, Nutzer begeistern und etwaigen Widerstand auf sich zukommen lassen. Ganz ähnlich verfährt der Zimmervermittler Airbnb, dessen Geschäftsmodell Uber ähnlich ist und der ebenfalls regelmäßig aneckt, ob bei der Hotelindustrie oder bei Politikern. Kalanick schimpft, seinen Kritikern gehe nur darum, die Taxiindustrie vor Konkurrenz abzuschirmen und Innovation zu unterdrücken.

          Seine Hartnäckigkeit hat Kalanick geholfen, Uber zu einem der Aufsteiger in der amerikanischen Technologieindustrie zu machen, der vor wenigen Tagen bei einer Finanzierungsrunde mit 17 Milliarden Dollar bewertet wurde - eine Summe, die über dem Börsenwert von Autovermietern wie Hertz oder Avis liegt. Er mag in einzelnen Städten immer wieder Rückschläge erleiden, und die Gefahr einer stärkeren Regulierung seines Unternehmens ist keineswegs gebannt. Aber insgesamt bleibt er mit Uber unverdrossen auf Expansionskurs und ist mittlerweile in 128 Städten in 37 Ländern vertreten. Der Umsatz von Uber verdopple sich alle sechs Monate, sagte Kalanick vor wenigen Tagen dem „Wall Street Journal“, ohne freilich konkrete Zahlen zu nennen.

          Der 37 Jahre alte Kalanick ist in Los Angeles geboren. Schon als Kind war er ein Verkäufertyp und verdiente sich ein Taschengeld, indem er von Haustür zu Haustür ging und Küchenmessersets an den Mann brachte, wie der Online-Dienst „Business Insider“ kürzlich in einem längeren Stück über ihn schrieb. Wie viele andere Technologieunternehmer ist auch Kalanick ein Studienabbrecher. Er brachte sein Informatikstudium in Los Angeles nicht zu Ende und konzentrierte sich stattdessen Ende der neunziger Jahre darauf, das Unternehmen Scour zu gründen. Es war eine Online-Tauschbörse mit Ähnlichkeiten zu dem später populären Musikdienst Napster. Scour handelte sich Klagen der Musikindustrie wegen Verletzung von Urheberrechten ein, und das Unternehmen musste schließlich Insolvenz beantragen. Als Nächstes versuchte es Kalanick mit dem Softwareunternehmen Red Swoosh, das er im Jahr 2007 für 19 Millionen Dollar verkaufte.

          Die Inspiration für Uber kam Kalanick und seinem Mitgründer Garrett Camp angeblich, als die beiden während einer Reise nach Paris kein Taxi fanden. Uber ist ebenso wie Airbnb ein Vertreter der Sharing Economy. Die Idee ist es, vorhandene Ressourcen wie Autos oder Wohnungen besser zu nutzen, indem sie mit anderen geteilt werden. Kalanick will nicht nur dafür sorgen, dass Menschen Uber anstelle eines Taxis benutzen, sondern womöglich sogar anstelle eines eigenen Autos. Aber seine Ambitionen mit Uber reichen mittlerweile noch weit über die Beförderung von Personen hinaus. Mittlerweile hat Uber in New York sogar testweise einen eigenen Kurierdienst ins Leben gerufen, mit dem zum Beispiel Pakete ausgeliefert werden. Damit könnte Uber eines Tages sogar UPS oder Fedex Konkurrenz machen. Aber Kalanick schreckt schließlich vor keiner Konfrontation zurück.

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