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Reform des Schuldverschreibungsgesetzes : Anleihengläubiger sind zunehmend gereizt

Auch die Gläubiger des Fahrradherstellers Mifa stehen inzwischen Kopf, weil sie auf 80 Prozent ihrer Forderungen verzichten sollen Bild: dpa

Der Emittent Maritim Vertrieb muss wegen negativer Reaktionen eine Gläubigerversammlung absagen. Anleiheinhaber fühlen sich abgezockt. Ursache ist die Reform des Schuldverschreibungsgesetzes.

          Als vor einigen Jahren die Finanzkrise zuschlug, kamen etliche Unternehmen in Bedrängnis. Weil sie sich nicht rechtzeitig mit ihren Gläubigern einigen konnten, gingen sie in die Insolvenz und mitunter in die Abwicklung – obwohl Beobachter, meist aber das Management, behaupteten, dies wäre nicht notwendig gewesen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Gesetzgeber reformierte daraufhin sowohl die Insolvenzordnung als auch das Schuldverschreibungsgesetz: Die Schuldner sollten es leichter haben. Doch jetzt stellt sich heraus, dass er offenbar über das Ziel hinausgeschossen ist. Immer öfter beschweren sich jetzt die Gläubiger darüber, dass die Schuldner sie mit Hilfe der neuen Gesetze übervorteilen wollten. Der ganze Markt ist in Gefahr.

          Dass die Gläubiger sauer sind, bekam jetzt der Schiffsinvestor Maritim Vertriebs GmbH (siehe auch Fußnote) zu spüren, der vergangene Woche eine für den 28. August einberufene Gläubigerversammlung absagte. Maritim hatte im Juni 2012 eine mit 8,25 Prozent verzinste Anleihe im Volumen von 25 Millionen Euro begeben, die zum 1. Dezember fällig wird. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Maritim eine Gläubigerversammlung einberufen hatte. Diese sollten einer Verlängerung der Laufzeit um 5 Jahre und einer Senkung des Zinskupons auf 3,25 Prozent zustimmen. Die Anpassung sei notwendig, weil vermehrt in weniger rentables Kapital investiert worden sei und werden müsse.

          Die Mittel waren zunächst als lukratives Vorzugskapital während der laufenden Sanierungswelle bei Schiffsfonds eingesetzt worden. Das sei nun nicht mehr möglich. Es lag nahe, hierin einen Versuch der Umverteilung zu sehen: Die Anleihegläubiger erhalten ja lediglich Zins und Tilgung – egal wie erfolgreich das Geld investiert wird. Die Rückflüsse der Investments kommen dagegen dem Unternehmen zugute. Zahlt das Unternehmen weniger Zinsen und kann die Tilgung hinauszögern, bekommen die Anleiheinhaber weniger und für die Anteilseigner bleibt mehr.

          Besser eine reguläre Insolvenz?

          Doch dazu kam es ja nicht. „Wir sind von der heftigen Reaktion des Marktes auf unseren Vorschlag überrascht und auch ein wenig enttäuscht“, sagte Maritim-Geschäftsführer Ulrich Jehle zur Absage der Versammlung. Man habe gut laufende Beteiligungen, die aber weniger ertragreich waren als frühere, langfristig für die Anleger sichern wollen. Nun werde man das Engagement in diesen Gesellschaften beenden, um die Anleihe am 1. Dezember vollständig zurückzuzahlen.

          Ein etwas unglückliches Agieren der Gesellschaft in der Vergangenheit tat wohl ein Übriges. So hatte Maritim die Einladung zur Versammlung lediglich im Bundesanzeiger veröffentlicht, was als Heimlichkeit ausgelegt wurde. Auch das Fehlen aktueller Informationen zum Geschäftsgang war in der Vergangenheit vielfach beklagt worden. In der ganzen Aufregung ging eines allerdings unter: Maritim hatte den Gläubigern auch angeboten, die Schuldverschreibungen zum vorgesehenen Fälligkeitstermin zum Nennwert zurückzukaufen. Es hätte allen Anlegern also freigestanden, das Angebot zur Verlängerung anzunehmen oder aber die Anleihe regulär tilgen zu lassen – als Rückkauf deklariert. Beides geht eben nicht: Endfälligkeit und Prolongation.

          Doch die Stimmung war aufgeheizt. Denn den Gläubigern wird zunehmend mehr zugemutet: So sollen die Anleiheinhaber des angeschlagenen Fahrradbauers Mifa auf bis zu 80 Prozent ihrer Ansprüche verzichten. Ansonsten will der indische Fahrradbauer Hero Cycles nicht in das Unternehmen investieren, das aber dringenden Kapitalbedarf hat. Thilo Hasler vom Analysehaus Sphene Capital beklagt im Internetdienst anleihe-finder.de, hier gelte offenbar ein wichtiges Grundprinzip nicht mehr: dass Anleihegläubiger im Insolvenzfall Vorrang vor den Aktionären haben. Es dränge sich die Frage auf, ob Gläubiger bei einer regulären Insolvenz nicht besser davonkämen.

          Deutlich weniger Mittelstandsanleihen ausgegeben

          Verhandelt wird seit April auch beim angeschlagenen Biogas-Anlagenbauer MT-Energie. Dieser hatte den Gläubigern ursprünglich ein Sonderkündigungsrecht zugestanden, falls die Eigenkapitalquote 20 Prozent unterschreiten sollte. Als sich dies abzeichnete, trat das Unternehmen an die Gläubiger mit der Forderung heran, auf eben dieses Recht zu verzichten. In beiden Fällen steht unausgesprochen die Drohung im Raum, dass die Alternative die Insolvenz mit noch höheren Verlusten wäre. Möglich macht dieses Agieren das neue Schuldverschreibungsgesetz, das leicht dazu genutzt werden kann, Lasten auf Anleihegläubiger zu verschieben. Es macht zum Beispiel Mehrheitsentscheidungen möglich, die im Extremfall von nur 18,75 Prozent des Anleihekapitals getroffen werden. Das geschieht dann, wenn auf einer ersten Gläubigerversammlung nicht die Hälfte des Kapitals vertreten ist und deshalb eine zweite stattfindet. In den bisherigen Insolvenzfällen am Mittelstandsmarkt hat sich gezeigt, dass erste Versammlungen praktisch nie beschlussfähig sind.

          Falls sich der Eindruck weiter verfestigt, dass Gläubiger ausgebootet werden, sobald es hart auf hart kommt, dürften die Risikoprämien für Mittelstandsanleihen bald steigen. Denn zusätzliche Risiken müssen über höhere Zinsen vergütet werden, die dann rasch zweistellige Höhen erreichen würden. Schon jetzt scheinen Insolvenzen und Sanierungsfälle Investoren abzuschrecken. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden nur 11 Mittelstandsanleihen mit einem Volumen von insgesamt rund 530 Millionen Euro emittiert. Das ist weniger als die Hälfte des Vorjahreswerts.

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